Jana Hensel
Autorin Jana Hensel Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Sachbuch der Woche: "Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland" Jana Hensel: Starke Stimme in bewegten Zeiten

Jana Hensel hat ein neues Buch mit alten Texten vorgelegt. In "Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland" geht es um Politik und Liebe, um eigene Erfahrungen und fremde Blicke, kurzum: um zentrale Fragen der ostdeutschen Gesellschaft.

Reinhard Bärenz
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von Reinhard Bärenz, Hauptredaktionsleiter MDR KULTUR

Jana Hensel
Autorin Jana Hensel Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Jana Hensel, die starke, literarische und journalistische Stimme des Ostens, hat wieder ein Buch vorgelegt. Kein vollkommen neues Werk, handelt es sich doch um Texte, die bereits veröffentlicht worden sind. Wie zu erwarten ist diese Sammlung von Artikeln aus den letzten 15 Jahren auf ein Thema fokussiert, nämlich auf die Lebenssituation im Osten Deutschlands, mit all seinen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Facetten. Denn Jana Hensel treibt dieses eine Thema so sehr um, dass sie es inzwischen auf eine beachtliche Zahl an Reportagen, Kolumnen und anderen journalistischen Texten gebracht hat. 48 davon finden sich nun in diesem Buch, deren inhaltliche Palette trotz allem groß und vielfältig ist.

Von NPD-Politikern und Rabbinern

Der Artikel "Krieger im Nebel" beispielsweise reflektiert klug die unterschiedlichen Rezeptionen des 17. Juni, der – wie sie schreibt – im Osten "verschwiegen" und im Westen zum "hohlen Feiertag" verkommen ist. In der Reportage "Kamerad Marx" begleitet Jana Hensel die Kandidatur des NPD-Politikers Peter Marx bei der Oberbürgermeisterwahl 2005 in Leipzig. 21,6% Arbeitslosigkeit belasten die Stadt damals schwer und die Stimmung nach der gerade gescheiterten Bewerbung als Olympiastadt beschreibt Jana Hensel als "müde, überdrüssig und frustriert". Dies mag so gar nicht mehr zum heutigen Leipzig passen, das doch erst kürzlich zur attraktivsten Innenstadt Deutschlands gewählt wurde. Und so wirkt dieser Text aus heutiger Sicht wie ein eine kleine Geschichtsstunde.

Nur ein Jahr zuvor, 2004, erscheint "Paar für Paar zur Einheit – Über die Liebe" über die Mann-Frau-Beziehung zwischen Ost und West und die unterschiedlichen Rollen, die sich zwischen den Geschlechtern in den beiden Staaten entwickelt haben. Dieser Text liest sich auch heute noch unglaublich erkenntnisreich und sprachlich beeindruckend, dicht und klar. Besonders beeindruckend in diesem Buch aber ist der Artikel "Unterm Rad der Geschichte – über den 09. November", über einen Rabbi, mit dem Jana Hensel befreundet ist. Ein Text, der überzeugend beweist, dass manche Geschichten eben nie zu Ende erzählt sind, sondern dass es darauf ankommt, sie immer wieder neu mit Leben zu erfüllen.

Gegen das "Marginalisierungsgefühl der Menschen"

So zeigt die Zusammenstellung in diesem Buch immer wieder, welche Themen rund um die deutsche Einheit uns heute weit weg erscheinen und welche uns dagegen immer noch begleiten. Texte wie "Jugendliebe", "Landpartie" oder auch "Verlorene Sicht", ihr Nachruf auf Bärbel Bohley, belegen darüber hinaus, dass Jana Hensel zu den Journalistinnen gehört, die ihren Themen auch sprachlich gewachsen sind. Jana Hensel ist eine genaue Beobachterin des innerdeutschen Verhältnisses, die immer wieder für mehr Wahrnehmung der ostdeutschen Identität plädiert und sich gegen das – wie sie es nennt – "Marginalisierungsgefühl der Menschen" engagiert. Ihre Forderung nach einer „Infrastruktur für ostdeutsches Wissen und die Erfahrung ostdeutsch zu sein“ ist nachvollziehbar und unterstützenswert. In den aktuellen Diskursen gelingt es ihr immer wieder eine ganz eigene, unbeirrbare und bisweilen auch polarisierende Position beizusteuern, die so wichtig für den innerdeutschen Diskurs ist, dass sie ihr erst kürzlich eine Einladung ins Schloss Bellevue zu einem Gespräch mit dem Bundespräsidenten eingetragen hat.

Buch zum Blättern

Es ist diese eindeutige Haltung, mit der Jana Hensel immer wieder die Feuilletons bereichert. In der komprimierten Darreichungsform eines Buches wirken ihre Thesen bisweilen wohl etwas redundant, weshalb das Buch "Wie alles anders bleibt" sich gut zum Blättern und zum Springen eignet und nicht zwingend von vorn bis hinten gelesen werden muss. Und auch wenn die Artikel für sich genommen Momentaufnahmen mit sehr unterschiedlicher Halbwertszeit sind, ist insgesamt eine Textsammlung entstanden, die in diesen politisch bewegten Zeiten absolut lesenswert ist.

Cover Jana Hensel "Wie alles anders bleibt"
Bildrechte: Aufbau Verlag

Informationen zum Buch Jana Hensel:
Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland
Aufbau Verlag
317 Seiten

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. August 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2019, 04:00 Uhr

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