Sachbuch: "Wer wir sind" Jana Hensel und Wolfgang Engler erkunden, wie der Osten tickt

Gerade nach den Vorfällen in Chemnitz und Köthen wird viel diskutiert, was eigentlich los ist im Osten. Warum scheinen die Ostdeutschen so anders zu sein, so viele extrem rechts, viele andere bereit, das zumindest zu dulden. Das Buch "Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein" kommt da genau zur richtigen Zeit. Es enthält Gespräche zwischen zwei profilierten Analytikern des Ostens: der Publizistin Jana Hensel und dem Soziologen Wolfgang Engler.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Etwas provokant gesagt: wenn dieses Buch die richtigen Leute lesen, dann gibt es vielleicht hilfreiche Antworten auf die Fragen zu den Ostdeutschen. Wenn nur wir Ostdeutschen es lesen, ja, dann werden wir uns bestätigt fühlen und sagen: genau! Aber es wird sich nichts ändern. Weil fast alle Diskurse durch den Westen bestimmt werden.

Ostdeutsche Identität entstand nach der Wende

Jana Hensel und Wolfgang Engler kommen in ihren Gesprächen letztlich immer wieder darauf, dass diese Trennung sich in den Jahren nach der Wende nicht aufgelöst, sondern verfestigt, wenn nicht gar verstärkt hat. Dafür gibt es viele Gründe, und die meisten haben damit zu tun, dass die Erfahrungen der Ostdeutschen kaum zur Kenntnis genommen wurden.

Plakat mit Aufschrift 'Wir sind auf Eurer Seite Kalikumpel'
Die Proteste von Bischofferode im Sommer 1993 sind im Gedächtnis des Ostens häufig noch präsent. Bildrechte: IMAGO

Das klingt zwar nach "der arrogante Wessi" weiß eh alles besser - doch ganz falsch ist das nicht. Obwohl Hensel und Engler sich auf diesem Niveau ganz und gar nicht bewegen, ihre Gespräche sind das Gegenteil von Populismus. Richtig ist aber, dass sie wesentliche Prägungen nach 1990 finden und eben nicht, wie man annehmen könnte, in der DDR.

Als Identität ist das "Ostdeutschsein" ja überhaupt erst nach 1990 entstanden. Und zwar geprägt von der Differenz zwischen dem Ideal, das DDR-Bürger vom Westen hatten, und dem, was sie nun als Neubundesbürger erlebten. Zum Beispiel einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, der größer war, als in den anderen Staaten des Ostblocks. Und die daraus folgende Abwanderung, die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Krieg. Den Rückgang der Geburtenquote auf den niedrigsten Wert Europas. Wäre damals das soziale Gefüge im Osten nicht so durcheinandergekommen, sagen die Hensel und Engler, hätten wir heute wahrscheinlich kein Pegida.

Folgen des Neoliberalismus

Das Buch ist sowohl ein Meinungs- wie auch ein Faktenbuch. In jedem Fall ist es profund. Es liefert Zahlen, und es interpretiert pointiert gesellschaftliche Entwicklungen. Zum Beispiel sagt Wolfgang Engler, die Ostdeutschen bekamen nach der Wiedervereinigung etwas, das sie so nicht bestellt hatten. Und Jana Hensel legt nach, dass die Ostdeutschen so etwas wie den Kapitalismus der 60er-Jahre wollten, dessen Wohlstandschancen noch alle erreichten. Aber tragischerweise ging es just mit dem Mauerfall bergab und ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus setzte sich durch. Der wiederrum trifft zunächst die Ostdeutschen stärker, weil der Osten nach der Einheit insgesamt deutlich nervöser ist.

Ostdeutsche Biografie als Makel

Es geht in dem Buch nicht um Personen, sondern um Erfahrungen. Und die Erfahrung, ostdeutsch zu sein, wie das Buch im Untertitel heißt, beinhaltet eben, dass man im Grunde kein Thema war. Vielleicht als Opfer oder Täter der Diktatur, des "Unrechtsstaates", aber nicht als ganz normaler Mensch. Interessant ist ja, dass die Ostdeutschen, die es geschafft haben, im Westen mitzureden, sehr oft als Ostdeutsche nicht mehr erkennbar sind.

Als Beispiel dafür nennt Wolfgang Engler die Bundeskanzlerin. Er sagt, das sei der Preis, den sie gezahlt hat. Ostdeutsch-Sein muss quasi versteckt werden. In der Wendezeit weckte es euphorische Gefühle - Engler sagt, das waren die besten Jahre - danach wurde es zu einem Makel. Erst jetzt, bestenfalls, führen wir eine Debatte darüber. Die aber schon wieder dazu neigt, den Ostdeutschen vormundschaftlich zu betrachten oder gar zu belehren.

Aufgewühlte Gefühlslage

Prof. Wolfgang Engler
Wolfgang Engler, geboren 1952 in Dresden, war viele Jahre Rektor der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin  Bildrechte: IMAGO

Die Flüchtlingskrise ist nun nach Wolfgang Englers Meinung der Auslöser für den "starken Ausschlag des Gefühlspegels". Jana Hensel widerspricht ihm da, was eine Stärke dieses Buches ist, dass hier zwei Generationen miteinander sprechen. Engler ist Jahrgang 1956, Jana Hensel 20 Jahre jünger. Ihre Erfahrungen mit dem Ostdeutschsein sind also sehr unterschiedliche.

Englers These in der "Wir schaffen das"-Frage ist, dass Angela Merkels Entscheidungen vom Sommer 2015 zumindest verwandt mit der Art "Mutter der Probleme" heute sind. Weil ihr "Wir schaffen das" im Osten nicht als Ermutigung, sondern als neue "Arroganz der Macht" verstanden wurde. Gesagt über die Köpfe der Menschen hinweg. Womit man im Osten schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Verstärkt wird diese Ablehnung durch das Gefühl der Ostdeutschen, dass ihnen der Osten immer weniger gehört. In Leipzig wurden 2016 mehr als 90 Prozent aller sanierten Altbauten an Nicht-Leipziger verkauft. Was quasi den alten Uwe-Steimle-Witz bestätigt, die Deutsche Einheit sei erst vollendet, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch gestrichen ist.

Ein Buch für alle - Ost wie West

Das Buch liest sich auf jeder einzelnen Seite inhaltsreich und anspruchsvoll, aber zugleich eben auch sehr lebendig und unterhaltsam. Mit Jana Hensel und Wolfgang Engler haben sich wirklich zwei gefunden! Ihre Gespräche sind nicht nur irgendein Buch über ostdeutsche Befindlichkeiten, sie sind ein Buch über den Zustand unserer Gesellschaft insgesamt. Hoffentlich lesen es viele, auch viele Westdeutsche.

Angaben zum Buch Jana Hensel und Wolfgang Engler: "Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein"
288 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3-351-03734-5
Aufbau Verlag Berlin

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 19. September 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2018, 04:00 Uhr

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