Jana Simon
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Sachbuch "Unter Druck" Jana Simon findet Menschliches in einer zerrissenen Gesellschaft

In ihren früheren Büchern wie "Sei dennoch unverzagt" - Gespräche mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf - hat die Journalistin und Autorin Jana Simon unter Beweis gestellt, wie gut sie Menschen befragen und daraus Geschichten erzählen kann. Diese große Gabe und das dazu ebenfalls notwendige Handwerk kommen auch in ihrem neuen Buch zum Tragen. "Unter Druck" gibt uns die Chance, die Herausforderungen unserer Zeit konsequent von den Menschen her zu betrachten. Simon befragte Vertreter aller gesellschaftlicher Schichten und findet - neben aller Zerrissenheit - auch Berührungspunkte.

Reinhard Bärenz
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von Reinhard Bärenz, Hauptredaktionsleiter MDR KULTUR

Jana Simon
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Jana Simons Thema sind die Umbrüche, die unser Land in den letzten Jahrzehnten zu verkraften hatte, die zu massiver Verunsicherung der Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen beigetragen haben. Da ist an erster Stelle natürlich die Wende, die neben Freiheit und Wohlstand auch eine fundamentale Veränderung der Lebenssituation der Menschen gebracht und das Gefüge unseres Landes an vielen Stellen in Ost und West in Frage gestellt hat.

Zu diesen Umbrüchen, die Simon beschäftigen, gehören aber auch der kollektive Stresstest in Sachen Digitalisierung, die Migrationsbewegungen, die Veränderungen der Europäischen Gemeinschaft, die Entwicklungen im Klima und die politische, gesellschaftliche Zerrissenheit unseres Landes, alles Veränderungen, die bei den Menschen große Ängste verursachen und somit enormen Druck, mit den Umständen ihres eigenen Lebens nicht mehr richtig klar zu kommen.

Gesellschaftliche Entwicklungen an Einzelschicksalen aufzeigen

Buchcover - Jana Simon: Unter Druck
Buchcover - Jana Simon: Unter Druck Bildrechte: Fischer Verlage

Jana Simon erzählt diese Entwicklungen ganz bewusst und ausschließlich an Einzelschicksalen und diese Perspektive macht das Buch so besonders lesenswert. Es sind subjektive Beobachtungen, die auf Gesprächen basieren, die sie mit Menschen aus unterschiedlichen Schichten unserer Gesellschaft in den letzten fünf Jahren geführt hat.

Da ist die Familie Reichenbach, die im Umfeld von Stuttgart lebt und zur typischen Mitte der Gesellschaft gehört. Frau Reichenbach arbeitet in einem Kindergarten, er ist Ingenieur und arbeitet als Spezialist für PKW-Abgasanlagen bei der Firma Bosch, einem der größten Arbeitgeber der Region. Welchem Druck diese Familie allein durch den Beruf des Vaters ausgesetzt ist, lässt sich leicht erahnen. Gleichzeitig lernen wir an der Geschichte der Familie Reichenbach, dass selbst zwei Verdiener in einem Haushalt heute nicht mehr Garant für ein unbeschwertes, materielles Leben sind.

Altenpflegerin, Investment-Banker und Influencerin

Eine weitere Protagonistin ist die Altenpflegerin Bozena Block, die Ende der 80er-Jahre aus Polen gekommen ist und nun als alleinerziehende Mutter in München versucht, ihr Leben zu meistern. Und von dem Polizisten Thomas Matcak erfahren wir einiges über den Polizeialltag in Thüringen, und wie er persönlich mit den Vorgängen um das terroristische NSU-Trio befasst war.

Daneben finden wir drei weitere Vertreter der Gesellschaft, die etwas prominenter sind: Der ehemalige Direktor der EZB und jetzige Investmentbanker Jörg Asmussen, ein Inbegriff der engen Verbindung von Politik, Macht und Geld, der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland und die Modebloggerin Lisa Banholzer, die wegen der AfD in die SPD eingetreten ist - eine politische Positionierung, die in der Szene der Influencer und Instagram-Stars eher ungewöhnlich ist.

Ganz nah dran an den Protagonisten

Es ist beeindruckend, wie nahe Simon allen ihren Protagonisten kommt. Wie sie dem Leser durch ihre sensible Herangehensweise, ihre genaue Beobachtungsgabe und ihre präzise Sprache tiefe Einblicke in die Seele dieser Menschen ermöglicht, ohne dass diese zu irgendeinem Zeitpunkt irritierend, distanz- oder respektlos werden.

Diese Nähe gelingt ihr sogar bei den Protagonisten, die erfahren sind im Umgang mit Medien und Journalisten. So sitzen wir als Leser fasziniert neben Sven Asmussen, als er versucht bei einem Abendessen in Athen das strauchelnde Griechenland vor dem Kollaps zu bewahren. Wir begleiten Alexander Gauland am Abend des großen Bundestags-Wahlerfolgs der AfD im Jahr 2017 und erleben einen völlig einsamen Menschen, der im Moment seines wahrscheinlich größten Erfolges niemanden mehr hat, der mit ihm spricht.

Soziologische Tiefenbohrungen in alle gesellschaftlichen Schichten

Jana Simon gelingt mit "Unter Druck" eine soziologische Tiefenbohrung in alle Schichten unserer Gesellschaft, und was sie dort sichtbar macht, ist intensiv und packend. Es zeigt uns, dass die Umbrüche unserer Gesellschaft und die daraus resultierenden Ängste alle Schichten unseres Landes betreffen und nicht nur Thema eines vielleicht eher benachteiligten Teils der Bevölkerung sind.

Das Buch gibt uns die Chance, die Herausforderungen unserer Zeit konsequent von den Menschen her zu betrachten. Es bleibt dabei aber nicht stehen, nur die Zerrissenheit unserer Gesellschaft zu beschreiben - Jana Simon versucht eine gemeinsame Perspektive wiederherzustellen, in dem sie die Beziehung, die die Menschen miteinander haben oder haben könnten, herausarbeitet.

Denn was bleibt, fragt Jana Simon, wenn diese Berührungspunkte schwinden und es in unserer Gesellschaft keinen Dialog mehr gibt? Nichts, ist ihre eigene Antwort auf diese Frage. Eine Antwort, mit der sie sich aber offenbar nicht abfinden möchte.

Informationen zum Buch: Jana Simon: "Unter Druck" - Wie Deutschland sich verändert
Erschienen bei Fischer
336 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3103973891

Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 15. Mai 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2019, 04:00 Uhr