Jean-Michel Jarre, 2017
Er ist keiner, der sich auf seinen Erfolgen ausruht: Mit "Oxygène" hat Jean-Michel Jarre die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten vorgelegt. Bildrechte: dpa

Vintage Future Erfinder des musikalischen Futurismus: Jean-Michel Jarre wird 70 Jahre alt

Jean-Michel Jarre ist ein französischer Superstar und Elektropop-Pionier. Nicht nur mit seinen spektakulären Live-Shows sorgte er weltweit für Aufsehen. Am 24. August 2018 feiert Jarre seinen 70. Geburtstag. MDR KULTUR-Autor Sky Nonhoff über einen höchst widersprüchlichen Visionär, der den modernen Dancefloor aufgeheizt hat wie nur wenige andere.

Jean-Michel Jarre, 2017
Er ist keiner, der sich auf seinen Erfolgen ausruht: Mit "Oxygène" hat Jean-Michel Jarre die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten vorgelegt. Bildrechte: dpa

Am 28. Juli 1973 spielte die Allman Brothers Band in New York vor 600.000 Zuschauern - damals ein Weltrekord. Bei dem französischen Musiker Jean-Michel Jarre würde diese Zahl nicht mal ein müdes Lächeln hervorrufen. Zu seinem Konzert am französischen Nationalfeiertag 1990 kamen mehr als zwei Millionen Zuschauer und in Moskau 1997 noch mal fast doppelt so viele. Der Mann gibt sich nicht mit Kleinkram ab. Jean-Michel Jarres Musik ist futuristisch, er selbst superlativistisch. Kommerz ist ihm zuwider. Von seinem Album "Music for Supermarkets" ließ er genau ein Exemplar pressen und die Masterbänder anschließend vernichten.

Viele Leute meinen, elektronische Musik sei abstrakt und kalt. Ich sehe das ganz anders: Eine sinnlichere, sexuellere und organischere Musik wird es nie mehr geben.

Jean-Michel Jarre

Kaum zu glauben, dass dieser Mann sein erstes Album in seiner Küche aufgenommen hat: mit einem Synthesizer auf dem Tisch und einem Acht-Spur-Rekorder auf der Arbeitsplatte. Sein Masterplan: musique concrète, Kunstklangflächen und Pop miteinander zu verbinden. Eine Mainstream-Revolution – aber Kritiker verabscheuen das Album.

Schwieriges Verhältnis zu seinem Vater

Jean-Michel steht im Schatten seines Vaters: Komponist Maurice Jarre hat die unsterbliche Filmmusik zum Welterfolg "Dr. Schiwago" geschrieben. Jedoch ist nur wenigen bekannt, dass der junge Elektroniker seinem in Amerika lebenden Vater nur zwei Dutzend Mal begegnet ist. Über ihn sagt der Elektromusiker: "Meine musikalische Neugier speiste sich aus Frust, weil ich von meinem Vater keinerlei Rat bekam. Für mich war es eine Frage des Überlebens. Mein Lebtag lang habe ich versucht, durch Neugier das zu bekommen, was mir mein Vater immer versagt hat."

Vom Küchenbrett auf die Bühnen der Welt

Das Album "Oxygène" wird ein Welterfolg, mit 100 Millionen verkauften Einheiten die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten, eine Mischung aus intergalaktischer Beschwörung, New-Age-Gewaber und Homöopathenpraxis-Beschallung. Womöglich ist es kein Zufall, dass "Oxygène" zwischen Speisekammer und Schneidebrett entstanden ist.

Ich stamme aus Lyon, einer Stadt, die für ihre Kochkunst bekannt ist, und genau so gehe ich auch das Sampling an. Tatsächlich ist elektronische Musik wie Kochen, nur dass man nicht mit Gemüse und Gewürzen arbeitet, sondern Frequenzen und Texturen mischt.

Eine Wüste für die elektronische Musik erobert

Im Dezember 2006 gab Jean-Michel Jarre ein Konzert mitten in der Sahara. Da stand er auf der Bühne: der viel gescholtene Sounddesigner, der Visionär, der Vaterlose – der selbst zum Vater geworden war. Er hat das musikalische Vokabular der Zukunft gezeugt: Trance, Ambient, Techno, wie auch immer seine Kinder sich gerade nannten. Die Wüste, das war Raum und Fläche, genau das, was er der modernen Musik erobert hat. Und vielleicht erinnerte er sich in jenem Moment an die Worte seiner Mutter, als sie dreißig Jahre zuvor in seiner Küche gestanden hatte. "Oxygène? Sauerstoff?", hatte sie gefragt. "Wieso benennst du deine Platte nach einem Gas? Und warum ist ein Totenschädel auf dem Cover? Ganz ehrlich, Michel, das kann einfach nichts werden."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. August 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2018, 14:03 Uhr