Jens-Christian Wagner im Gespräch Gedenkstätte Buchenwald: Das sind die Pläne des neuen Stiftungsleiters

Der Historiker Jens-Christian Wagner ist seit dem 1. Oktober Leiter der Thüringer Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Zuvor leitete er die niedersächsischen Gedenkstätten. Wagner tritt in große Fußstapfen. Wird er die Linie seines Vorgängers Volkhard Knigge fortsetzen? Wie will er die Gedenkstätte Buchenwald in den kommenden Jahren weiter entwickeln? Über seine Vorstellungen und die Notwendigkeit, sich auch in aktuelle gesellschaftliche Fragen einzumischen ist er im Gespräch mit MDR KULTUR.

Jens-Christian Wagner 6 min
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Der Historiker Jens-Christian Wagner ist seit dem 1. Oktober Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Wird er die Linie seines Vorgängers Knigge fortsetzen? Wie will er die Gedenkstätte weiterentwickeln?

MDR KULTUR - Das Radio Do 01.10.2020 06:00Uhr 06:18 min

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MDR KULTUR: Sie folgen auf Volkhard Knigge, der sich als Stiftungsdirektor in gesellschaftspolitische Fragen eingemischt hat, sich immer wieder sehr deutlich zum Thema Rechtspopulismus und Antisemitismus zu Wort gemeldet hat. Wollen Sie dieses gesellschaftspolitische Engagement fortsetzen in dieser Deutlichkeit?

Jens-Christian Wagner: Nun, ich kenne die Situation in Thüringen eigentlich ganz gut, weil ich 14 Jahre in der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora bereits gearbeitet habe. Und ich glaube, es ist eine der ganz wesentlichen Aufgaben der Gedenkstättenarbeit, in die Gesellschaft hineinzuwirken, im Sinne eines kritischen Geschichtsbewusstseins, im Sinne, die Gesellschaft zu befähigen, ein historisches Urteilsvermögen zu entwickeln. Und dann müssen wir auch im Rahmen historisch-politischer Interventionen in die Gesellschaft hineinwirken, wenn es Vorgänge gibt, die geschichtspolitisch, sagen wir mal "schwierig" sind, wenn es geschichtsrevisionistische Vorgänge gibt, wenn wir mit Antisemitismus, mit Rassismus und sonstiger Hetze gegen Minderheiten konfrontiert werden. Dann müssen wir, denke ich, aus den Gedenkstätten heraus unsere Stimme erheben.

Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald
Eingang zur Gedenkstätte Buchenwald Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das heißt, wenn die AfD eine eigene Auffassung von Geschichte hat, dann würden Sie sich gegebenenfalls auch mit der AfD in Thüringen auseinandersetzen?

Das werden wir mit Sicherheit tun. Ich habe gestern gerade erst einen Tweet abgesetzt zu Herrn Brandner, der parlamentarische Besprechungsrunden als "Quasselbude" bezeichnet. Das schließt nahtlos an an nationalsozialistische Terminologie, an die Hetze gegen die parlamentarische Demokratie in der Weimarer Republik. Und ich glaube, da sind wir als Historikerinnen und Historiker in den Gedenkstätten gefordert.

Für Aufsehen gesorgt hat eine Maßnahme von Volkhard Knigge, nämlich Vertretern der AfD bei offiziellen Veranstaltungen Hausverbot zu erteilen. Würden sie das fortsetzen?

Ja! Ich denke, so lange Björn Höcke, Vorsitzender der AfD hier in Thüringen ist und die AfD in Thüringen sich nicht distanziert von seinem Ruf nach einer "erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad", so lange müssen wir – auch schon allein im Sinne unserer Glaubwürdigkeit und im Sinne des Schutzes der Stätten, die wir verwalten – dieses Verbot aufrechterhalten.

Es gibt in Buchenwald eine relativ junge Dauerausstellung, 2016 eröffnet, da scheinen die Hausaufgaben erst einmal gemacht zu sein. Wo gibt es große Baustellen, die sie angehen möchten?

Wir haben tatsächlich in der Stiftung einen Erneuerungsstau, was Ausstellungen anbelangt. Die KZ-Ausstellung haben Sie erwähnt. Als nächstes steht die Speziallager-Ausstellung zum sowjetischen Speziallager von 1945 bis 1950 an. Die ist von 1997, das heißt, die ist mittlerweile 23 Jahre alt.

Eindrücke von der Gedenkstätte Buchenwald
Erinnern an der Gedenkstätte Buchenwald Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und wir reden immer von Dauerausstellungen. Aber im Museumsbereich und auch im Gedenkstätten-Bereich gehen wir davon aus, dass eine Dauerausstellung maximal 15 allermaximal 20 Jahre bleibt. Das heißt, da sind wir bereits drei Jahre über die Haltbarkeit hinaus gewissermaßen. Auch die Ausstellung zur Geschichte der Gedenkstätte ist mittlerweile 21 Jahre alt. Und selbst wenn wir nach Mittelbau-Dora gucken, zu der Ausstellung, die 2006 eröffnet wurde, an der ich damals maßgeblich mitgearbeitet habe als zuständiger Kurator, die wird mittlerweile auch schon 14 Jahre alt. Also auch da müssen wir uns Gedanken machen, wie man erneuernd wirken kann.

Welche Aufgaben haben Gedenkstätten heutzutage? Ich fand einen Satz von Ihnen ganz interessant, dass man natürlich der Opfer gedenken sollte, dass man sich aber auch nicht wenig mit den Tätern beschäftigen sollte, um zu kapieren, was passiert ist.

Die Würdigung der Opfer kommt gewissermaßen aus der klassischen Aufgabe der Gedenkstätten. Es sind ja Orte, an denen der Opfer gedacht wird.

Ich glaube aber, mit dem zunehmenden Abstand zu den NS-Verbrechen, aber auch mit der zunehmenden Bedeutung der Bildungsarbeit in den Gedenkstätten, müssen wir, wenn wir irgendetwas lernen wollen, aus der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen uns sehr viel stärker als in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit der Täterschaft, mit den Mittätern und Mittäterinnen, mit den Profiteuren der NS-Verbrechen auseinandersetzen.

Insbesondere aber in gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive mit der Funktionsweise der NS-Gesellschaft, einer Gesellschaft, die radikal rassistisch organisiert war und auf den beiden Säulen von Integrationsangeboten an die sogenannten Volksgenossen auf der einen Seite – und Ausgrenzung, Verfolgung und am Ende Mord derjenigen, die nicht dazu gehörten auf der anderen Seite. Und diese Wechselwirkungen zwischen Ausgrenzung und Integrationsangeboten, die müssen wir den Blick nehmen, weil wir daraus aktualitätsbezogen Lehren für die Gegenwart ziehen können.

Zum Beispiel nach ausgrenzenden Diskursen heutzutage fragen. Danach fragen, wie Kriminalisierungsdiskurse in der Gesellschaft gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen funktionieren – Stichwort Flüchtlinge. Eine aktualitätsbezogene, aber sauber aus der Geschichte herausgearbeitete, immer wissenschaftlich und ethisch fundierte Arbeit, das ist unser Ziel.

Dann kann man aus Geschichte lernen?

Wenn man etwas aus Geschichte lernen kann, dann so! Ganz bestimmt nicht mit einem Konzept, das man salopp als "Friede, Trauer, Eierkuchen" bezeichnen könnte, also historisch entleertes Erinnern. Eine Identifikation – was meines Erachtens eine Anmaßung wäre – mit den Opfern, ohne danach zu fragen, warum diese Menschen eigentlich zu Opfern geworden sind. Unsere Leitfrage heißt doch tatsächlich: Wie konnte das eigentlich passieren?

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2020 | 07:10 Uhr