Jens Sparschuh
Jens Sparschuh ist Autor dutzender Bücher und Hörspiele Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Roman "Das Leben kostet viel Zeit" Jens Sparschuh und die Frage, was vom Leben bleibt

In Jens Sparschuhs Roman "Das Leben kostet viel Zeit" verlegt sich ein Ex-Journalist darauf, in Altenheimen Memoiren zu verfassen. Er übernimmt die Aufgabe ehrlich, begeistert und ohne Zynismus. Es wird zu einer Annäherung an die Frage: Was bleibt am Ende eines Lebens berichtenswert? Das Buch ist wohltuend unzynisch und bisweilen blitzt ein Humor auf, der an Loriot erinnert.

von Katja Oskamp, MDR KULTUR

Jens Sparschuh
Jens Sparschuh ist Autor dutzender Bücher und Hörspiele Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Sie rollen und tippeln, wanken und schlurfen durch die Gänge, vornehm gekleidete Damen mit Gedächtnisverlust, alte Stinkstiefel mit Verfolgungswahn, und wenn’s zum Mittagessen in den Speisesaal geht, bricht das große Wetthumpeln aus. Sie spielen Brettspiele in einer Spieleecke namens Las Vegas, treffen sich zum Sitztanz und jeden zweiten Mittwoch zur Biografiegruppe, wo sie erbittert darum streiten, ob man Königsberger Klopse mit oder ohne Sardellen zubereitet. Eine sagt: "Wir haben hier alle lebenslänglich", und auf die Bemerkung, dass der Fahrstuhl sehr geräumig sei, sagt ein anderer: "Wegen der Särge." Wir befinden uns im Alten Fährhaus, einer Seniorenresidenz am Rande Berlins. Hier akquiriert Titus Brose seine Kunden.

Memoiren statt Nachrichten

Jens Sparschuh - Das Leben kostet viel Zeit, Cover
Jens Sparschuh:
"Das Leben kostet viel Zeit"
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Titus Brose ist der sympathische Held in Jens Sparschuhs Roman "Das Leben kostet viel Zeit". Brose, über sechzig und also selbst nicht mehr taufrisch, hat eine mittelprächtige Karriere als Chefredakteur des Spandauer Boten hinter sich. Das Lokalblatt ging irgendwann pleite. Titus Brose wurde arbeitslos. Dann bewarb er sich auf eine Zeitungsannonce und wurde Memoirenschreiber. Er hat sich darauf spezialisiert, die Lebensgeschichten anderer Leute aufzuschreiben und in Buchform zu bringen.

Näherung ohne Zynismus

Woche für Woche düst er mit seinem Toyota ins Alte Fährhaus, führt Vertragsverhandlungen und Vorgespräche und besucht die Bewohner in ihren Zimmern. Er schaltet das Aufnahmegerät ein, und in vielen Sitzungen erzählen die Alten, nicht selten in Rätseln sprechend, Titus Brose ihr Leben. Der Mann merkt bald, dass sich an diesem Ort, nach 80 Jahren Leben und in spiegelverkehrter Form, der Kindergarten wiederholt.

Da er weder ein Abzocker noch ein Zyniker ist, taucht Brose tief ins Geschehen ein, so tief, dass Erinnerungen an die eigene Kindheit wach werden und er sich im Supermarkt vorstellt, der Einkaufswagen wäre ein Rollator.

Entdeckerfreude

Adelbert von Chamisso
Gemeinsam mit einem ehemaligen Historiker erkundet der Romanheld das Leben des französischen Dichters und Forschers Adelbert von Chamisso Bildrechte: IMAGO

Die Neugier beschert Brose auch die Begegnung mit Dr. Einhorn, einem kauzigen Sonderling im Heim, der sich kein bisschen für die eigene Biografie, umso mehr für die Biografien berühmter Toter interessiert, namentlich für die von Adelbert von Chamisso. Dr. Einhorn war Historiker und ist es immer noch. Zwischen Tablettenausgabe und Katheterwechsel (der inkontinente Einhorn nennt sich "Auslaufmodell") plauschen die beiden wie Vater und Sohn über die Hegelschen Kategorien von Zufall und Notwendigkeit. Dann schickt Einhorn, der sich selbst nicht mehr vom Fleck rühren kann, Brose in die freie Wildbahn, um das letzte, vielleicht entscheidende Rätsel in Chamissos Biografie zu knacken. Brose, vom Journalisten-Ehrgeiz gepackt, düst los.

Wie erzählt man ein Leben?

Es ist ein sehr amüsanter Roman, ein Roman zum Grinsen und Grübeln, der Dialoge enthält, die an Loriot denken lassen, der Kalauer und berührende Szenen lässig verknüpft und der immer wieder eine Frage umkreist, die Frage jedes ernsthaften Biografen: Wie erzählt man ein Leben? Sei es das eigene oder ein fremdes, sei es das von Adelbert von Chamisso oder das von Herrn Pätzold, Frau Huber oder dem Ehepaar Lommatsch aus dem Alten Fährhaus. Wem erzählt man es? Zu welchem Zweck? In welchem Stil? Hochtrabend gesagt: Gibt es überhaupt jemanden, der die Deutungshoheit über die Vergangenheit hat?

In "Das Leben kostet viel Zeit" vereint der Schriftsteller Sparschuh seine beiden größten Talente - das zur Komik und das zur Philosophie - aufs Schönste. Man will nicht mehr von Titus Broses Seite weichen. Man will die Welt mit seinen Augen sehen. Vielleicht, weil Titus Brose uns ganz sanft und nebenbei auf das vorbereitet, wovor wir uns fürchten und was uns allen blüht.

Jens Sparschuh "Das Leben kostet viel Zeit" 384 Seiten, 20 Euro
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04997-8
Auch als E-Book erhältlich:
ISBN: 978-3-462-31675-9

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 13. Februar 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2018, 01:00 Uhr