Buchkritik Blick in die ostdeutsche Seele: "Mission Pflaumenbaum"

Ein Vater reist in die sächsische Provinz, um seine Tochter zu besuchen, doch die ist ihm so suspekt wie die restlichen Dorfbewohner. Der Dresdner Autor Jens Wonneberger schildert Entfremdung und versucht ganz subtil, etwas über die Stimmung in Ostdeutschland herauszufinden. Mit seinem Roman "Mission Pflaumenbaum" ist er für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert.

Eine Frau geht an leerstehenden Häusern in Dresden vorüber.
"Jugendclub, Seniorentreff, Bibliothek: plattgemacht." Wonneberger erzählt von der Leere. Bildrechte: imago/Sven Ellger

Machen wir uns einmal wieder auf in die Provinz. Genauer: Zu jenen scheuen, in der Masse aber so recht erst zu sich kommenden Menschen, die in der Demokratie eine Spielart westlicher Dekadenz sehen. In jene vielleicht nicht blühenden, aber demographisch betrachtet ziemlich blütenweißen Gegenden, vor deren Besuch man Mitbürger mit weniger westeuropäischen Zügen warnen möchte. Dorthin, wo der Verdrossenheitsdruck momentan nur ein natürliches Ventil kennt: den mitunter aus dem Westen von Gauleitern in spe importierten Faschismus. Ach, man würde, was da so brodelt, gerne besser verstehen. Was hat die Welt vielen missmutigen Sachsen oder Thüringern nur getan, dass sie so verbittert sind?

Wo wir schon bei Jens Wonnebergers neuem Roman "Mission Pflaumenbaum" wären. In dem erzählt gleich auf den ersten Seiten ein leutseliger, mürrischer Dörfler namens Rottmann, wie in seinem kleinen Nest alles den Bach runtergeht. Den Dorfkrug gebe es nicht mehr, dafür finde sich der Stammtisch jetzt überall:

Es wird gemeckert und lamentiert, und jeder weiß sowieso alles besser, aber ich fürchte, irgendwann wird ihnen dieses Meckern und Motzen nicht mehr reichen, und dann wird’s hier gewaltig krachen.

Aus "Mission Pflaumenbaum"

Reise ins Unbewusste des Landes

Dreißig Jahre sind seit der Wende vergangen. Wonnebergers Hauptfigur Kramer, der sich die Suada des Dörflers Rottmann immer wieder anhört, gehörte damals zu den Skeptikern. An eine blühende Zukunft glaubte er schon nicht, als man auf der Mauer noch freiheitstrunken tanzte. Vielleicht, weil er seine Pappenheimer nur allzu gut kannte. Einig Vaterland – ein rührender Traum. Dass er Bibliothekar ist und damit von Berufs wegen mit der Bewahrung von Erinnerungen zu tun hat, macht ihn wahrscheinlich noch ein bisschen sensibler für die untergründigen Verschiebungen, die gerade für mittlere Erdbeben in der politischen Landschaft sorgen.

Kramer ist einer, der am liebsten unter Büchern bliebe und gerne anonym in der Großstadt lebt. Seine Tochter ist da ein wenig aus der Art geschlagen: "Seine Tochter war vor ein paar Wochen mit ihrem Mann hierher aufs Dorf gezogen, sie schwärmte vom ländlichen Leben, wie sie es in den Sommerferien im Haus seiner Eltern früher erlebt hatte." Kramer hält von dieser Stadtflucht nicht sehr viel; die väterliche Pflicht verlangt trotzdem einen Besuch.

Bilderberg-Treffen in Dresden
Erzählt vom Spuk in ostdeutschen Köpfen: "Mission Pflaumenbaum" (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Jens Wonneberger lässt seinen Kramer eine kleine Reise ins Unbewusste des Landes unternehmen. Gleich die erste Begegnung mit jenem schon erwähnten Rottmann, einem der Dorfbewohner, hat etwas beklemmend Geheimnisvolles. Rottmann taucht immer wieder unverhofft auf, eine Mischung aus Kassandra und Wutbürger, Stadt- und Friedhofsführer. Er geleitet einen gespenstergleich, mit seinem spitzen Vogelgesicht noch die kleinsten, übrig gebliebenen Brosamen des Verlorenen erspähend, durch eine dem Verfall anheim gegebene Welt: leerstehende Häuser, hinter deren zerbröckelnden Fassaden lauter Geschichten von Gescheiterten lauern; eine sanierte Villa, in der ein Anwalt aus dem Westen wohnt; ein Bungalow mit gehisster Reichskriegsflagge im Vorgarten. Jugendclub, Seniorentreff, Bibliothek: plattgemacht. Zukunft? Die reinste Bedrohung. "Fremde" würden kommen, zetert das dörfliche Faktotum.

Ein stiller Beobachter

Der Journalist und Autor Jens Wonneberger
Journalist und Autor Jens Wonneberger Bildrechte: dpa

Kramer sähe seine Mitbürger zuweilen lieber schweigen. Weder versteht er deren tiefe Verzweiflung, noch ihre wohlfeile Resignation. Seine Tochter ist ihm fast so suspekt wie die restlichen Dorfbewohner; es ist eine Spannung in dieser Beziehung – Risse, die sich durch die gemeinsame Geschichte ziehen, und eine Empfindungs-Entfremdung. Die Wahrnehmung Kramers bekommt etwas Vernebeltes; der Ort selbst ist zuverlässig in ein Zwielicht getaucht. Jens Wonneberger spürt dem Zerbrochenen und Zerbrechenden auch in der Sprache subtil nach, und in der Natur. Immer wieder sind es Vögel, die er beobachtet und die ihn beobachten, die aus einer ganz anderen Welt zu stammen scheinen. Sie wirken wie Unheilsboten oder mahnen zum Aufbruch.

Jens Wonneberger ist ein leiser, behutsamer Autor. Das gilt für seine Texte. Aber auch für sein Auftreten. Etwa alle zwei Jahre erscheint ein schmaler Roman von ihm, und alle handeln von Außenseitern, Beiseitestehern, Verlierern. Der 59-Jährige selbst, in Dresden lebend, zieht einen Beobachtungsposten im Schatten dem Rampenlicht vor. Nicht der schlechteste Ort für einen Schriftsteller, ein problematischer allerdings, wenn man Bücher an die Leserin bringen will. "Gegenüber brennt noch Licht" heißt ein großartiger, 2008 erschienener Roman von Wonneberger, und man wünschte sich, dass zumindest ein kleiner Lichtstrahl von der anderen Seite her einmal auf ihn fiele. Und die Leser ihn so entdecken könnten.

Buchcover "Mission Pflaumenbaum"
"Mission Pflaumenbaum" Bildrechte: Verlag Müry Salzmann

Angaben zum Buch Jens Wonneberger: "Mission Pflaumenbaum"
Müry Salzmann, Salzburg/Wien 2019
188 Seiten
Preis: 19 Euro
ISBN:  978-3-99014194-6

Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 18. August 2020 | 12:10 Uhr