Interview "Sonic – The Hedgehog": Jim Carrey zwischen Clown und Filmfiesling

Er gilt als der große Grimassenschneider Hollywoods. Seine Filme reichen von albernem Klamauk zu gesellschaftskritischen Dramen. Von "Ace Ventura" über "Bruce Allmächtig" bis hin zu "Die Truman Show". Lange war es ruhig um Jim Carrey, der Hollywoodstar hatte mit Depressionen zu kämpfen. Nun kommt er zurück auf die Kinoleinwand: Im Familienfilm "Sonic - The Hedgehog" über die beliebte 90er-Jahre Computerspielfigur spielt er den Bösewicht Dr. Robotnik. Und der will die Weltherrschaft an sich reißen. MDR KULTUR-Filmkritikerin Anna Wollner hat mit Jim Carrey im Interview über sein filmisches Comeback und seine Karriere gesprochen.

Schauspieler Jim Carrey steht bei einer Präsentation in Berlin vor einem Sonic-Filmposter. 4 min
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Filme wie "Ace Ventura" oder "Die Truman Show" haben Jim Carrey zum Star gemacht. Nun ist er als Bösewicht Dr. Robotnik in "Sonic" zurück auf der Leinwand. Anna Wollner hat ihn zum Gespräch getroffen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 13.02.2020 13:40Uhr 04:10 min

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MDR KULTUR: Mr. Carrey, es war lange ruhig um sie. Jetzt spielen sie wieder unter vollem Gesichtseinsatz. Fühlt sich der Film für Sie wie ein Comeback an?

Jim Carrey: Es fühlt sich auf jeden Fall sehr gut an. Ich fühle mich wie ein altes Wildpferd, das wieder in die Freiheit entlassen worden ist. In einem komödiantischen Sinne. Als hätte jemand das Gatter der Weide versehentlich offengelassen und ich konnte entwischen.

Wie fühlt es sich an?

Truman Burbank (Jim Carrey)
Jim Carrey im Filmklassiker "Die Truman Show" Bildrechte: imago/United Archives

Ich liebe diese Art des Spiels. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ernste Spiel liebe ich auch. Ich habe großes Glück, auf eine sehr große Bandbreite in meiner Karriere zurückblicken zu können. Ich durfte viele verschiedene Sachen spielen und mich ausprobieren. Ich habe eine Karriere als Filmschauspieler, als Produzent und als Fernsehstar. Im Mai veröffentliche ich mein erstes Buch. Nebenbei zeichne ich politische Karikaturen. Ich habe das Gefühl, dass es in meinem Leben eine Explosion von Kreativität gab. Sowohl beruflich als auch privat.

Die einzigen Grenzen in meinem Leben scheinen gerade die physikalischen zu sein. Wer kann das schon von seinem Leben sagen?

Jim Carrey, Schauspieler

Gab es eine Zeit in ihrem Leben, als sie keine Lust mehr darauf hatten, immer nur auf eine Rolle reduziert zu werden?

Sie meinen den lustigen Typen mit dem Grimassengesicht?

Ja, genau.

Nein, ich war immer sehr dankbar dafür. Wirklich. Denn das bin ich einfach. Vor und hinter der Kamera. Im Fahrstuhl bin ich derjenige, der die Leute in unangenehme Situationen bringt und genau das sagt, was man in einem solchen Moment nicht sagen sollte. So war ich schon immer. Ich selbst bezeichne mich da als Klippenspringer.

Das müssen Sie erklären!

Jim Carrey und Jeff Daniels
In "Dumm und Dümmer" spielte Jim Carrey an der Seite von Jeff Daniels. Bildrechte: imago/UPI Photo

Ein Klippenspringer und ein Comedian haben eine ähnliche Basis. Es gibt nur einen kleinen Moment, in dem alles perfekt ist: In die Tiefe zu springen oder das zu sagen, was mir gerade durch den Kopf geht. Manchmal fühle ich mich wie einer von den Typen in Acapulco. Wenn die Flut kommt und du springst, wirst du leben. Aber wenn du den perfekten Moment verpasst, zerschellst du an den Klippen. Comedy funktioniert genauso.

Wo kommt ihr Drang her, sich künstlerisch zu betätigen?

Der war schon immer da. Ich habe schon immer geschrieben, gemalt und gezeichnet. Das ist für mich nichts Neues. Nur gehe ich jetzt erst damit an die Öffentlichkeit. Ich will und muss mein Publikum enttäuschen, um selbst daran wachsen zu können. Das Publikum erwartet doch immer das Gleiche von mir. Als sei ich eine Schaufensterpuppe, die man bei Bedarf aktivieren kann. Aber wenn ich sie überrasche, sind sie erst mal verstört.

Wenn Sie zu den Anfängen ihrer Karriere zurückblicken – wann haben Sie gemerkt, dass sie eine einzigartige Begabung haben?

Ich komme da ganz nach meinem Vater. Ihn zu beobachten, war die beste Schule, durch die ich gehen konnte. Wir sind uns da sehr ähnlich.

Was hat er gemacht?

Er hat Geschichten erzählt. Mit vollem Körpereinsatz. Wenn er von "Jekyll und Dr. Hyde" gesprochen hat, hat er sich in sie verwandelt. Er war zum Schießen komisch. Meine Familie war damals in unserer Nachbarschaft bekannt dafür. Wer zu uns nach Hause kam, ist mit Bauchmuskelkater nach Hause gegangen. Oder mit nasser Hose. Denn die Leute haben sich wirklich vor Lachen in die Hose gemacht.

Und ihre Mutter?

Die war ganz anders. Die beiden waren wie Tag und Nacht, wie zwei Seiten einer Medaille. Ihr Leben war von Schmerz gezeichnet, sie war das Kind zweier Alkoholiker. Ich wollte sie aufheitern. Das ist absurderweise die Motivation vieler Komiker. Sie haben schon als Kind oft jemanden in der Familie, den sie aufmuntern wollen. Meine Mutter hat mir mein künstlerisches Talent mitgegeben. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, denn es erdet mich.

Wie waren Sie als Kind?

Ähnlich ambivalent wie meine Eltern. Ich war der Klassenclown. Aber es gab auch die Seite von mir, die alleine im Kinderzimmer war, auf dem Bett gesessen und gemalt hat. Ich habe mir die absurdesten Sachen ausgedacht und aufgeschrieben, habe schon als kleiner Steppke einen Aufsatz darüber geschrieben, wie ich mir das Universum vorgestellt habe. Meine philosophische Seite habe ich in der Schauspielerei lange nicht ausdrücken können.

Holen Sie in ihrem Spiel ihr inneres Kind hervor?

Wenn sich die Möglichkeit bietet, definitiv. Und bei "Sonic – The Hedgehog" hatte ich nach langer Zeit mal wieder die Möglichkeit. Dazu kam noch das doch sehr interessante Konzept der künstlichen Intelligenz. Die Maschinen gewinnen die Macht über uns – und ich konnte einen Bösewicht spielen, der die Macht über die Menschheit gewinnen will. Auch wenn er ziemlich durchgeknallt ist. Was ihn noch gefährlicher macht.

In "Sonic The Hedgehog" spielt Jim Carrey Dr. Robotnik.
In "Sonic – The Hedgehog" spielt Jim Carrey den Bösewicht Dr. Robotnik. Bildrechte: Paramount Pictures/dpa

Spiegelt der Film die Realität wieder?

Leider ja. Wir sind gerade von Millionären umgeben, die durchdrehen und die Macht über uns gewinnen wollen. Oder sie schon haben. Und wir stehen da und zucken mit den Schultern. Es passiert so viel, da müssen wir uns manchmal auf unsere eigenen Werte besinnen. Auch im Kino. Selbst wenn das heißt, einfach nur zu zeigen, wie wichtig Freundschaft ist. Oder wie es sich anfühlt, nicht geliebt zu werden. Da gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder, man wird eine gute Seele, die versucht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – oder man wird ein selbsteingenommenes Arschloch, das versucht die Welt zu beherrschen und zu kontrollieren.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2020 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2020, 04:00 Uhr

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