Sprachdebatte Jochen Hörisch: Lieber die Wortbedeutung diskutieren als Worte wie "Rasse" verbannen

Das Wort "Rasse" soll aus dem deutschen Grundgesetz verschwinden. Das haben verschiedene Parteien gerade gefordert, so die Bündnisgrünen und die Liberalen. Konkret geht es um Artikel drei, in dem es unter anderem heißt: "niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden". Statt "Rasse" möchten die Abgeordneten dort zukünftig lieber den Begriff "ethnischer Herkunft" stehen haben. Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch sieht das kritisch. Er fordert eine Auseinandersetzung mit den diesem Wort zugrundeliegenden Gedanken und nicht die Verbannung des Wortes.

MDR KULTUR: Herr Hörisch, was ist aus Ihrer Sicht gewonnen, wenn im Grundgesetz nichts mehr von "Rassen" steht?

Jochen Hörisch: Das Grundproblem: Es ist wirklich eine Form magischen Denkens, wenn man meint, wenn man ein Wort verbannt, hätte man auch das Problem gebannt. Dem ist nicht so!

Das Wort "Rasse" ist ein hochgradig problematisches Wort. Insofern ist es sehr gut, dass es darüber eine Diskussion gibt. Es aber aus einem historischen Dokument rauszunehmen, mit großer Wirkungskraft, wie es etwa das Grundgesetz macht, heißt ja auch, dass man voraussetzt, alle Leute hätten das Niveau derjenigen, die jetzt darüber diskutieren ... nachdenken ... die Gegeneinwände bringen.

Es ist einfach so – das muss man mal zur Kenntnis nehmen – dass viel zu viele Leute rassistisch wahrnehmen und denken. Und dann muss man dieses Problem auch benennen, indem man zum Beispiel den Begriff "Rasse" und "rassistisch" weiterverwendet. Es hat keinen großen Sinn, "Rasse" aus dem Verkehr zu ziehen, aber zu sagen, wir müssen alle Antirassisten sein.

Mit Laser wurden in die Glasscheiben die 19 Grundrechtsartikel des deutschen Grundgesetzes eingegraviert.
Die 19 Grundrechtsartikel als Kunstinstallation des israelischen Künstlers Dani Karavan in Berlin, darunter auch Artikel drei. Bildrechte: dpa

Und der Ersatzbegriff "ethnische Herkunft"?

Das ist ein eher wissenschaftlicher Begriff. Ich will meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nicht zu nahe treten, aber ich weiß gar nicht, ob jeder genau weiß, was ethnologisch ist. Würde man da das alte Wort "Völkerkunde" einsetzen, würde man auch sagen: 'Sehr, sehr eigenartig. Die Thüringer sind anders als die Friesen und die Bayern.' und dergleichen mehr.

Also "ethnologisch" ist eher ein Begriff aus der Universitätssphäre. Ich weiß nicht, ob damit wirklich viel gewonnen ist. Denn das Problem ist ja, dass die Leute nicht – entschuldigen Sie meine akademische Arroganz – auf Universitätsniveau denken, wenn man sagt, ihr dürft keine Rassisten sein. Sie haben dann ja eine sehr impulsive und hochgradig problematische Wahrnehmung. Und die muss man als solche benennen. Das tut man nicht, wenn man "ethnologische Herkunft" sagt. Das tut man, wenn man bei dem Wort "Rasse" bleibt.

Andererseits heißt es ja immer, Sprache formt unser Bewusstsein. Und wenn wir ganz bewusst darauf achten, welche Wörter wir verwenden, dann können wir auch bestimmte Denkweisen nach und nach ad acta legen.

Ja, nur zwei Punkte. Der Philologe freut sich natürlich, wenn es lebhafte Diskussion um die Assonanzen, um die Konnotationen, um die Vibrations (um das neudeutsch zu sagen) eines Wortes geht. Wunderbar! Die Diskussion als solche ist überfällig, sie ist produktiv und sie ist begrüßenswert.

Die Tiefenstruktur des Problems anzugehen, ist aber das viel größere Problem. Wir haben ja doch das große Dilemma – etwa auch in Diskussionen um die Geschlechter, in der Frage Feminismus und dergleichen mehr – dass wir eine Konstruktionsrhetorik haben. Geschlechter sind konstruiert, Rassen sind konstruiert. Die gibt es eigentlich gar nicht. Das haben wir auf der einen Seite.

Wir haben aber auch eine Naturrhetorik auf der anderen Seite: Die Natur sorgte dafür, dass es Menschen gibt, die sich wirklich als Männer oder als Frauen begreifen. Da darf man nicht intervenieren. Man kann also für In-vitro-Fertilisation sein. Man kann für Blackfacing oder gegen Blackfacing sein, aber gucken, dass man seine Haut weißer macht und dergleichen mehr.

Rasse ist ein Konstrukt. Rasse ist in der Natur. Wie ist es denn mit dem Slangwort "Black Lives Matter"? Mit dieser Parole, die ja sehr wirkungsmächtig ist? Da nimmt man ja offenbar eine Wahrnehmungskategorie, eine unmittelbare Kategorie – diese Leute haben schwarze Haut – und setzt sie kämpferisch ein. Man müsste dann eigentlich, wenn man den Rassismusbegriff und den Rassebegriff in Frage stellt, auch diese großartige Formel "Black Lives Matter" aus dem Verkehr ziehen.

Menschen auf Demonstration
"Black Lives Matter"-Demonstrationen in Sachsen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn man einen echten Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit vorantreiben möchte, dann ist diese Dekonstruktion nicht der richtige Weg, sagen Sie?

Ja, denn die Dekonstruktion ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Menschen sind faule Wesen, die nicht gerne dekonstruieren. Insofern ist es wunderbar, wenn wir uns jetzt an der Diskussion beteiligen und lebhaft eben über die Komplikationen, über die Integration, über die Abgründe bestimmter Worte – Mann, Frau, Geschlechterdifferenz, Rasse und dergleichen mehr – diskutiert wird.

Aber man muss zur Kenntnis nehmen – wie kann man das sagen, ohne sich sofort Feindschaften einzuhandeln – dass nicht alle Leute das Niveau der Dekonstruktion haben. Und gerade gegen die richtet sich ja der Artikel im Grundgesetz. Er richtet sich ja an die Leute, die Nazis gewesen sind: Ihr alten Nazis müsst verdammt noch mal zur Kenntnis nehmen, dass man nicht aus rassischen Gründen verfolgt werden darf. Hätten die alle ein Dekonstruktionsniveau gehabt, dann hätten wir die grauenhafte Geschichte der maschinellen Judenvernichtung gar nicht gehabt.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Sprache und Gesellschaft

Mehrere hundert Menschen demonstrieren mit Plakaten auf dem Königsplatz in der bayerischen Landeshauptstadt während einer "Silent Demo" gegen Rassismus.
Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd diskutieren Menschen weltweit über Rassismus. In Deutschland schlagen die Grünen vor, den Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juni 2020 | 12:10 Uhr