Radebeul Günther "Baby" Sommer: "Jörg Bernig verweigert sich der Debatte"

Schriftsteller Jörg Bernig tritt kein zweites Mal für den Kulturamtsleiterposten in Radebeul an. Eine Position, in der man "ausgleichen und Menschen zusammenbringen" sollte, sagt Politiker und Theologe Frank Richter. Der Radebeuler Jazzmusiker Günther "Baby" Sommer begrüßt Bernigs Rückzug und der Dresdner Demokratieforscher Hans Vorländer sieht typische Muster der kulturellen Auseinandersetzung unserer Gegenwart.

Der Autor Jörg Bernig bedankt sich für die Verleihung des Radebeuler Kunstpreis 2013.
Der Autor Jörg Bernig Bildrechte: dpa

Nach dem Veto des Radebeuler Oberbürgermeisters gegen die Wahl des Lyrikers Jörg Bernig zum Kulturamtsleiter verzichtet dieser nun – und erhebt indirekt Vorwürfe. In seinem Brief "Was zu sagen ist" schreibt er, er sei wegen "unliebsamen Denkens" verdrängt worden. Weiter heißt es: "Die dabei verwendeten Werkzeuge reichen von Unterstellung, Verheimlichung, Verdrehung bis zu Stigmatisierung. Es handelt sich um Handlungsweisen aus dem Repertoire des Totalitären."

"Das übliche Muster eines in die Kritik geratenen"

Der Dresdner Politologe Hans Vorländer sieht in diesem Brief ein typisches Muster der kulturellen Auseinandersetzung unserer Zeit. Bernig würde sich selbst als Opfer darstellen, meint Vorländer: "[...] er spricht dort von ideologischen Punkten und Positionen und tut so, als wenn er selbst eben nicht politisch in irgendeiner Weise positioniert wäre."

Die Vorgänge in Radebeul liefen laut Vorländer "im Rahmen der demokratischen Spielregeln" ab. Auch Frank Richter, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag, meint: "Wir haben es nicht mit einem Repertoire des Totalitären zu tun." Richter beschreibt es als einen demokatischen Vorgang, dass Oberbürgermeister Bert Wendsche Paragraph 52 der Sächsischen Gemeindeordnung anwende, weil er durch einen Stadtratsbeschluss Schaden für seine Stadt befürchte.

Zusammenführen statt polarisieren

Frank Richter, 2018
Frank Richter (parteilos), kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in Sachsen Bildrechte: dpa

Richter meint, dass es in der Position des Kulturamtsleiters, "gerade in unseren konflikgeladenen Zeiten" vor allem darum ginge, auszugleichen und zu verbinden – Jörg Bernig aber würde polarisieren. Schließlich hätten sich zahlreiche Kulturschaffende der Stadt heftig gegen die Personalie ausgesprochen.

Der Politiker und Theologe Richter betont: "Bernig ist ein großartiger Romancier und Lyriker. Es ist schade, dass das jetzt in den Hintergrund gerät. Wir werden ihn für die kulturelle Entwicklung weiterhin brauchen." Insgesamt fehle es in der Gesellschaft an Konfliktfähigkeit, Empathie sowie an der Bereitschaft zum Perspektivwechsel und das Gemeinsame zu suchen.

Günther "Baby" Sommer begrüßt den Rückzug

Günter "Baby" Sommer.
Als Mediator involviert: Jazzmusiker Günter "Baby" Sommer Bildrechte: imago images/Sven Ellger

Der Radebeuler Jazzkünstler Günther "Baby" Sommer freut sich darüber, dass Jörg Bernig nicht noch einmal zur Wahl des Kulturamtsleiters antritt. Das Vorstandsmitglied des Radebeuler Kulturvereins hatte sich schon vor Bernigs Rückzug gegen den Schriftsteller als Kulturamtsleiter ausgesprochen. Er fürchtete einen Kulturamtsleiter, der "die freiheitliche Ausübung von Kunst und Kultur einengen oder behindern kann". Auch sei Bernig kein Kenner der Radebeuler Kultur- und Kunstszene. Sommer sagte MDR KULTUR: "Jörg Bernig habe mit seinem Rückzug nun eine kluge und richtige Entscheidung getroffen."

Gleichzeitig bedauere Sommer, dass sich Jörg Bernig keinem offenen Diskurs in der Stadt gestellt habe. "Es war seine Abwesenheit, welche den Raum für die Interpretation seiner fragwürdigen Schriften letzten Endes geöffnet hat."

Die Kulturschmiede Radebeul
Die Kulturschmiede Radebeul: Hier hat das Kulturamt der Stadt seinen Sitz Bildrechte: dpa

Ein Gespräch unter sechs Augen kam allerdings zustande, zwischen Jörg Bernig und Günther "Baby" Sommer. Vermittelt hatte dabei Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Dabei habe der Sommer den Schriftsteller persönlich aufgefordert öffentlich zu sprechen. Sommer: "Er hat sich unglücklicherweise einer solchen Debatte vorher verweigert und selbst auch dann im Triogespräch mit ihm und Herrn Kretschmer, auch da hat er sich nicht dazu ins Benehmen gesetzt, als ich ihn gebeten habe, ob wir nicht unseren Diskurs nicht mal öffentlich weiterführen." Er agiere so aus der Deckung. Günther "Baby" Sommer findet das feige.

MDR KULTUR hat versucht auch mit Jörg Bernig ins Gespräch zu kommen. Auf Anfragen hatte der Schriftsteller allerdings nicht reagiert. Am Montag sollte in einer Sondersitzung der Stadträte über die Wahl entschieden werden. Diese findet nach Auskunft der Stadt Radebeul noch immer statt, auch wenn nur noch eine Bewerberin für das Amt verblieben ist.

Mehr zur Bernig-Debatte in Radebeul

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juni 2020 | 08:10 Uhr