Der norwegische Autor Johan Harstad
Johan Harstad ist selbst 1979 in Stavanger geboren und lebt noch immer in Norwegen Bildrechte: imago images / Horst Galuschka

"Max, Mischa und die Tet-Offensive" Johan Harstads Roman – ein Wälzer, den man nicht mehr weglegt

Es ist eines der Bücher-Ereignisse der Saison. Der bei uns bislang unbekannte Norweger Johan Harstad feiert sein deutschsprachiges Debüt mit einem mehr als 1.200 Seiten dicken Roman. Das muss man sich als Verlag erstmal trauen. In seiner norwegischen Heimat ist Harstad allerdings kein Unbekannter, fünf Romane und diverse Kurzgeschichten hat er bereits publiziert. Für "Max, Mischa & die Tet-Offensive" hat er bereits diverse Preise erhalten.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Kritiker

Der norwegische Autor Johan Harstad
Johan Harstad ist selbst 1979 in Stavanger geboren und lebt noch immer in Norwegen Bildrechte: imago images / Horst Galuschka

Es gibt Bücher, die sind als Kammerspiel angelegt, und es gibt andere, die wollen die ganze Welt einfangen. Zu der zweiten Kategorie zählt der über 1.200 Seiten dicke Großroman "Max. Mischa und die Tet-Offensive" von Johan Harstad.

Der Norweger hat einen Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben, der zugleich eine Coming-of-Age-, eine Liebes- und Auswandergeschichte erzählt. Er führt von Norwegen in die Vereinigten Staaten, aber auch nach Vietnam, Kanada und Australien. Sechs Jahre hat Harstad an dem Buch gearbeitet. Sein Lektor gab ihm auf den Weg: "Lass es so lang werden, wie es sein muss. Nur eines solltest du dabei immer im Kopf behalten: Je umfangreicher es ist, umso mehr muss jeder einzelne Absatz seine Berechtigung haben."

Ich habe lange versucht, es bei rund 400, 500 Seiten zu belassen. Aber es wuchs, obwohl ich viel gestrichen habe.

Johan Harstad

Langatmig wirkt das Buch nie. Und noch einen Vorzug hat der Wälzer. Man findet sich – nach den bei der Länge naturgemäß notwendigen Lesepausen – immer wieder rasch zurecht in dem weiten Erzählkosmos mit seiner Vielzahl von Geschichten, die manchmal enger, manchmal nur lose miteinander verknüpft sind.

Neuanfang im anderen Land

Johan Harstad,Max. Mischa und die Tet-Offensive,buch,cover
Cover des Buches mit Shelley Duvall, die in Deutschland durch ihre Darstellung in dem Film "Shining" bekannt wurde Bildrechte: Rowohlt

Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Max, der in den 80er-Jahren im norwegischen Stavanger heranwächst. Mit 13 Jahren wird er durch seine Eltern jedoch in eine Art Exil gezwungen. Die Familie wandert in die USA aus, weil sein Vater dort einen neuen Job als Pilot bekommt.

Max verweigert sich zunächst dem neuen Leben. Aber nach und nach lässt er die Schwierigkeiten des Ankommens hinter sich. Als der Roman im Herbst 2012 einsetzt, ist er längst ein gefeierter Theaterregisseur.

Trotzdem ist Max am Boden. Er sagt: "Der Tag beginnt. Nichts zu machen. nichts zu machen, nichts zu ändern, nichts und wieder nichts. Das ist das Schlimmste, kein einziger Morgen ohne diese allumfassende Enttäuschung: noch ein Tag."

Der Weg zum Schreiben

Dass sich für Max alles so zäh anfühlt, ist Mischa zuzuschreiben. Die sieben Jahre ältere und enorm erfolgreiche Malerin aus Toronto, die aussieht wie die Schauspielerin Shelley Duvall ("Shining") auf dem Buchcover des Romans, hat sich von Max getrennt.

Dieser schmerzlichste Einschnitt am Ende einer Reihe von Verlusten ist es, der Max zum Erzähler werden lässt. So bemerkt er: "Ich werde von jedem von euch erzählen. Denn ich schreibe das alles für euch, für uns, für mich. Ich schreibe es, bevor es mir abhandenkommt, wie es auch vielleicht längst abhandengekommen ist." Max will durch das Schreiben bewahren, festhalten, was einmal zu seinem Leben gehört hat, damit es nicht im Vergessen versinkt.

Alles muss erzählt werden

Ihm wird klar, dass er, seit er Stavanger verlassen hat, keine andere Heimat hat, als die Geschichte seines Lebens. Diese Geschichte aufzuschreiben, bedeutet für ihn, so etwas wie einen Zufluchtsort zu erschaffen. Deswegen muss der Roman so lang sein. Es sind all die Teile, lange und kurze Geschichten, die sich zu einem Leben verflechten.

Zweiter Auswandererroman enthalten

Zu dem, was erzählt werden muss, gehört für Max auch die Freundschaft zu seinem Onkel Owen. Die von Max kompilierten Tagebücher Owens fügen sich dabei zu nichts weniger als einem zweiten Auswandererroman. Der Jazzmusiker ist schon früher aus Norwegen in die USA emigriert. Um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, hat er sich freiwillig zum Kampfeinsatz in Vietnam gemeldet. Owen zahlt dafür einen hohen Preis. Man liest dazu: "Er verliert Norwegen, als er freiwillig in die USA emigriert. Aber er verliert auch die USA, wie die meisten Rückkehrer aus Vietnam, denn sie kehrten in ein komplett anderes Land zurück, und sie waren nicht willkommen."

Über Jahre leben Max, Mischa und Owen gemeinsam in New York im berühmten Apthorp-Haus. Sie brauchen einander, denn sie sind alle drei heimat- und haltlos. Aber sie haben sich zugleich unabhängig voneinander ein neues Zuhause erschaffen – in der Kunst.

Auch davon erzählt Johan Harstad in seinem berückend vielschichtigen Roman – von einem existenziellen Mangel, der zu künstlerischer Produktivität und kreativem Reichtum, umgewandelt werden kann.

Angaben zum Buch Johan Harstad: "Max. Mischa und die Tet-Offensive"
1.248 Seiten, 34 Euro
Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
ISBN: 978-3-498-03033-9
Rowohlt Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juni 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 04:00 Uhr

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