Johnny Cash
Johnny Cash, 1970 Bildrechte: IMAGO

Legendäres Konzert im Knast Vor 50 Jahren: Johnny Cash spielt "At Folsom Prison"

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Johnny Cash
Johnny Cash, 1970 Bildrechte: IMAGO

"Ich bezweifle nur, dass Gefängnisse etwas Gutes bewirken. Man steckt diese Leute da rein, und dann werden sie dort noch schlimmer als vorher...", sagte Johnny Cash über den Strafvollzug in den USA der 60er-Jahre. Cash, der Mann in schwarz, der große Country-Barde, hatte selbst nur kurzzeitige Gefängnis-Erfahrungen. Aber er hat sich intensiv mit der Thematik befasst und forderte eine Reform des Strafvollzugs. Vor 50 Jahren, am 13. Januar 1968, nahm Johnny Cash sein legendäres Live-Album "At Folsom Prison" auf.

Johnny Cash
Johnny Cash Bildrechte: IMAGO

Ich glaube, Gefängnissongs sind deshalb so populär, weil die meisten von uns in dieser oder jener Art von Gefängnis leben.

Johnny Cash

30 Konzerte hinter Gittern

Das Folsom Prison in Kalifornien galt damals als eines der härtesten Haftanstalten der USA. Ein Spielfilm darüber hatte Cash, den Sohn eines armen Farmers, sensibilisiert. Bald erhält der Sänger Briefe von Häftlingen, sowie Einladungen, in Gefängnissen zu spielen. Kein halbwegs populärer Künstler in den USA wäre damals auf solch eine Idee gekommen. Cash jedoch gibt ab 1956 rund 30 Konzerte hinter Gittern. Ohne Gage.

Mit einem Konzert im Gefängnis ließen wir die Insassen wissen, dass es da draußen in der Freiheit Leute gab, die sie nicht für Abschaum, sondern für menschliche Wesen hielten.

Johnny Cash

Johnny Cash arbeitete sich in das Repertoire der Gefängnismusik ein und hörte Songs wie "Get My Baby Out of Jail" oder "Columbus Stock Eigth Blues", die Songs von Jimmie Rogers, von Hank Williams oder die großen traurigen Songs der Country-Musik: "Ich nahm sie für ein Album auf und wusste bald, dass die Live-Aufnahmen von einem Gefängniskonzert interessant sein würden."

JOAQUIN PHOENIX als Johnny Cash
Joaquin Phoenix im ehemaligen Folsom Prison - im Film "Walk The Line" spielt Phoenix Johnny Cash. Bildrechte: IMAGO

Drogen, Alkohol, Scheidung - die Plattenfirma war skeptisch

Interessant findet Cash die Idee zunächst wohl vor allem aus kommerziellen Gründen. Seine Plattenfirma allerdings hält ein Knast-Konzert auf Platte für unrentabel, zumal Cash nicht gerade für Erfolg bürgt. Seit Jahren steckt er in einer tiefen privaten wie kommerziellen Krise: Drogen, Alkohol, Scheidung.

1967 wagt Cash einen Entzug, einen Neuanfang. Schließlich kann er auch seine Plattenfirma überzeugen. Am 13. Januar 1968 kommt Cash dann für Konzert-Aufnahmen ins Hochsicherheitsgefängnis Folsom, ein politisch höchst unkorrektes Unternehmen. Sollte die Sache außer Kontrolle geraten, so hatte man ihn gewarnt, könne man auf die Musiker keine Rücksicht nehmen:

Ich war so entspannt wie eine Küchenschabe in einer Ungezieferfalle... Es wimmelte vor Wärtern mit schussbereiten Gewehren. Vor und nach der Show sperrte man uns in der Küche weg.

Johnny Cash

Bis heute hört man die knisternde Anspannung

Johnny Cash
Johnny Cash, 1970 Bildrechte: IMAGO

Neben der Rockabilly-Legende Carl Perkins begleitet Cash auch seine spätere Frau June aus der berühmten Country-Dynastie der Carters zu dem Konzert. Man hört den Aufnahmen noch heute die knisternde Spannung an, die sich immer wieder entlädt. Die Gefängnisinsassen johlen, klatschen, trampeln und pfeifen. Beispielsweise auch dann, als Cash sie darauf aufmerksam macht, dass Schimpfwörter bei einer Plattenaufnahme natürlich unangebracht sind.

Der letzte Song "Greystone Chapel" stammt aus der Feder eines Insassen von Folsom Prison. Cash, gerade aus dem Entzug gekommen, ist für die "Knackis" einer der ihren. Cash selbst pflegt das mythische Outlaw-Image über Jahrzehnte. Im Knast freilich war er nur ein paar Nächte, nicht wegen Raubes oder Mordes, sondern wegen exzessiven Alkohol- und Tablettenkonsums.

Die Wiederauferstehung von Johnny Cash

"At Folsom Prison" von 1968 katapultiert den von vielen schon abgeschriebenen Johnny Cash wieder ganz nach vorn: Platz eins in den Country Charts, aber auch in den Pop-Charts mischt er erfolgreich mit. Der Musikhistoriker Michael Streissguth urteilt in seinem Buch "Johnny Cash in Folsom Prison – die Geschichte eines Meisterwerks":

Das Album signalisierte eine Wiederauferstehung, die Cashs Platz in der Musikgeschichte neu definierte: Fortan sollte er ein für alle Mal nicht nur als der Poet des kleinen Mannes gelten [...], sondern auch als eine titanenhafte Gestalt in der populären Musik.

Michael Streissguth, Musikhistoriker

Diese Bewertung reicht weit über das rein Musikalische hinaus. Die Veröffentlichung des Konzerts macht Cash zu einer Art "Gallionsfigur in Sachen Strafvollzugsreform". Für Michael Streissguth ist dieses Album das "wohl schärfste gesellschaftskritische Statement, das in den turbulenten 1960er-Jahren formuliert wurde".

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 13. Januar 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2018, 00:00 Uhr

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