Essay "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?" Jonathan Franzens Klima-Essay - Was kann Literatur bewirken?

Jonathan Franzen ist einer der erfolgreichsten und hierzulande bekanntesten US-amerikanischen Autoren. Seine großen Romane "Die Korrekturen" oder "Freiheit" haben Bestsellerstatus. Nun hat Jonathan Franzen einen winzigen Essay vorgelegt mit dem Titel "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?" und dem Untertitel: "Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können". Ein nicht mal 40 Seiten langer Essay, der bisher schon ein so großes Medienecho bekommen hat, dass es die eigentliche Essaylänge zu übersteigen scheint. Ingo Uhlig, Kulturwissenschaftler aus Halle und Professor an der Martin-Luther-Universität, beschäftigt sich mit erneuerbaren Energien und Klimaschutz und erklärt, was Franzens Essay so umstritten macht.

Jonathan Franzen
Der US-amerikanische Autor Jonathan Franzen kritisiert auch Fridays For Future Bildrechte: imago/ZUMA Press

MDR KULTUR: Weshalb versieht Franzen den Titel seines Essays mit einem Fragezeichen? Eine Kampfschrift oder eine Forderung würde man doch eher mit einem Ausrufezeichen kennzeichnen, oder?

Ingo Uhlig: Klar ist die Frage rhetorisch. Da klingt eigentlich ein Imperativ durch: "Hören wir auf, uns etwas vorzumachen!" Der Untertitel des Essays wird da ja schon deutlicher: "Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können." Die Wann-Frage ist nichts anderes als eine Dringlichkeits-Formel, eine Dramatisierung. Man könnte auch sagen: Wann endlich hören wir auf? Franzen legt also mit so einer Rhetorik der Ungeduld und des Genervtseins los.

Um was geht es ihm überhaupt in seinem Text?

Ingo Uhlig, Kulturwissenschaftler und Professor an der Martin-Luther-Universität Halle
Ingo Uhlig: "Literatur kann den Diskurs verlagern" Bildrechte: privat

Im Vorwort steht eine recht aktuelle Erfahrung, die er beschreibt, nämlich eine Erfahrung aus dem Rekordsommer 2019. Franzen ist ja Vogelliebhaber und so etwas wie Hobby-Ornithologe, und er macht hier einen Ausflug ins brandenburgische Jüterbog. Und anstatt dort aber nun Vögel zu beobachten, wurde er Zeuge eines Waldbrandes, des großen Waldbrandes im Sommer 2019. Dieses Ereignis war Schreibimpuls für diesen Essay, also die Geschwindigkeit, mit der dieser Waldbrand sich ausbreitete, steht für die Beschleunigung der Klimakatastrophe und damit auch für die Notwendigkeit, das literarisch noch einmal anzugehen. Und nach diesem emotionalen Auftakt, mit dem der Essay startet, wird Franzen doch erstaunlich nüchtern.

Der Grundgedanke ist ganz klipp und klar formuliert: Wir werden das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen. Das Kind liegt, wenn man so will, im Brunnen. Daher der Aufforderung: Stellen wir uns der Realität, dass die globale Klimakrise eingetreten ist! Und hier schließen dann, das sind die zwei Bögen dieses Essays, zwei Überlegungen an: Zum einen geht es darum, wie das Leben mit oder in der Klimakatastrophe erträglich werden kann. Also wie können wir die zu erwartenden Erschütterungen abfedern? Hier wird der kurze Text schnell sehr weitreichend. Es geht um Sicherung demokratischer Strukturen, um den Erhalt einer unabhängigen Presse oder um die Stärkung eines solidarischen Gemeinwesens. Und zum anderen die zweite Flanke, auf der wir Franzen wieder als ökologisch engagierten Schriftsteller erleben. Hier bezieht er klar Stellung gegen Klimaschutz-Großprojekte, also den Ausbau der erneuerbaren Energien oder nachhaltige Verkehrsprojekte. Sinnvoller wäre seiner Meinung nach der klassische Umweltschutz, also der Erhalt von Artenvielfalt oder lokale Naturschutzprojekte.

Dieser Text hat ein wahnsinniges Medienecho bekommen. Sie haben das verfolgt. Wie wird der Essay derzeit diskutiert?

Cover franzen „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen“
Essay: "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen“ Bildrechte: Rowohlt Verlag

Na ja, man könnte ja erst einmal denken, dass vielleicht Techniker, Ingenieure oder auch Architekten widersprechen. Also die, die wirklich permanent mit großer Leidenschaft und mit Erfolg zum Beispiel an der Entwicklung sauberer Energien, an Mobilitäts- oder auch an Verkehrskonzepten arbeiten. Und denen wird Franzen auch nicht gerecht. Aber der Skandal des Textes entstand an einer anderen Stelle: Zugespitzt wirft Franzen ja gerade den Klimaaktivisten die blasphemische These entgegen, dass sie den Klimawandel als tatsächliches, als unvermeidliches Ereignis leugnen. Die Klimaaktivisten und ihre Geste, die Ärmel endlich hochzukrempeln, leugnet die Realität der Klimakrise – und sie tun dies, so der recht pauschale Vorwurf von Franzen, weil sie entweder aus politischen oder aus ökonomischen Interessen agieren. Dieser Vorwurf trifft dann auch die Großprojekte der Ressourcenwende, Energie und Verkehr.

Jonathan Franzen ist ja nicht der einzige Schriftsteller, der sich in den Klimadiskurs einmischt. Sie forschen zu Texten, die da gerade in dem Zusammenhang entstanden sind und entstehen. Welche Stimmen gibt es noch neben Franzen? Und gibt's vielleicht auch ganz andere Haltungen, als Jonathan Franzen sie bezieht?

Um vielleicht bei den amerikanischen Autoren zu bleiben: Da gibt es natürlich auch dystopische Texte, also düstere Zukunftsvisionen einer erhitzten Erde, die entworfen werden. Atemberaubend ist da wirklich der Roman "American War" von Omar El Akkad, der einen zweiten Amerikanischen Bürgerkrieg am Ende dieses, also unseres Jahrhunderts beschreibt. Es gibt bestechende Essayistik, etwa Franzens Kollege Jonathan Safran Foer, der vor allem unsere Ernährungsgewohnheiten in den Blick nimmt und sehr schön zeigt, dass wir einerseits zwar Teil, aber eben vielleicht auch Lösung des Problems sein könnten. Und es gibt realistische Texte, etwa den neuen Erzählungsband von Lauren Groff, der "Florida" heißt. Das ist eine Art meteorologisches Erzählen, dass die Vielzahl jüngster und auffälliger Wetterkapriolen mit unseren Alltagserfahrungen in Beziehung setzt.

Was ist die Rolle von Literatur im Kontext des Klimawandels? Was kann sie bewirken? Was tut sie wirklich?

Sie kann eventuell den Diskurs verlagern. Da macht Franzen ja auch mit. Denn unsere Perspektive auf den Klimawandel ist oft noch die von vor 30 Jahren also recht abstrakt. Versuchen wir doch mal – das wäre jetzt auch der Hinweis von Franzen – versuchen wir doch mal, konkreter und aktuell zu werden und den Klimawandel und die Klimakrise als unsere Gegenwart zu begreifen. Und wirklich spannend wird es natürlich dort, wo nicht nur am Kanon der Dystopien weitergeschrieben wird, sondern dort, wo die Literatur gewissermaßen Praxisentwürfe vorstellt oder als Praxisentwurf funktioniert, das heißt, mögliche neue, zukunftsfähige und humane Formen des Zusammenlebens und Arbeitens entwirft. Und Franzen ist hier im Übrigen ganz groß. Seine Texte und Romane sind ja voller schöner Beispiele für ein gelingendes, und das heißt zukunftsfähiges, ökologisches und/oder soziales Engagement.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Februar 2020 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2020, 11:19 Uhr

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