US-Autor Jonathan Safran Foer
US-Autor Jonathan Safran Foer Bildrechte: dpa

Sachbuch zum Klimawandel "Wir sind das Klima" – Jonathan Safran Foer verzichtet auf sein Frühstücksei

Mit seinem ersten Roman wurde Jonathan Safran Foer weltweit bekannt: "Alles ist erleuchtet" von 2002, drei Jahre später mit Elijah Wood in der Hauptrolle verfilmt. Weitere Romane folgten wie z. B. "Extrem laut und unglaublich nah". Aber vor allem sein Sachbuch "Tiere essen" von 2009 löste auch hierzulande eine breite Debatte über Massentierhaltung und industrialisierte Fleischproduktion aus. In seinem neuen Lang-Essay wendet sich Foer dem Klimawandel zu. "Wir sind das Klima!" heißt das Buch, das zeitgleich in Deutschland und den USA erscheint.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

US-Autor Jonathan Safran Foer
US-Autor Jonathan Safran Foer Bildrechte: dpa

Drohende Katastrophen sind gut für den Buchmarkt: Vor allem auf dem Gebiet des erzählenden Sachbuchs werden gesellschaftlich relevante Themen rasch aufgegriffen. Was einem ermöglicht, sich eingehend und aus verschiedenen Perspektiven mit einer akuten Frage zu beschäftigen.

Im Moment hat man als umweltbewusster und manchmal auch leicht verzweifelter Zeitgenosse die Gelegenheit, sich bei der Lektüre aberhunderter Texte mit der Klimakatastrophe auseinanderzusetzen. Eines der jüngsten Bücher stammt vom amerikanischen Romancier und Essayisten Jonathan Safran Foer, der schon vor einigen Jahren mit seiner Studie "Tiere essen" drastisch auf die Kehrseiten von Massentierhaltung und verantwortungslosem Fleischkonsum aufmerksam machte. Sein neues Buch hat einen durchaus Mut machenden Titel: "Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können". Foer weist aber zugleich darauf hin, dass der Mensch Teil des Problems wie auch der Lösung ist.

Wir sind die Sintflut, und wir sind die Arche.

Jonathan Safran Foer, Autor

Eine Lektüre, die für schlaflose Nächte sorgt

Buchcover - Jonathan Safran Foer: "Wir sind das Klima"
Buchcover - Jonathan Safran Foer: "Wir sind das Klima" Bildrechte: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Nicht nur die nackten Zahlen, die Foer in "Wir sind das Klima!" wissenschaftlich untermauert und mit großer Dringlichkeit präsentiert, können einem schlaflose Nächte bereiten: Die heutigen Menschen pumpen zehnmal schneller Treibhausgase in die Atmosphäre als die Vulkane während des Großen Sterbens vor Millionen von Jahren. CO2 macht 82 Prozent der von Menschen produzierten Treibhausgase aus. Methan und Stickoxide sind die zweit- und dritthäufigsten Treibhausgase in der Atmosphäre. Nutztierhaltung ist verantwortlich für 37 Prozent des menschengemachten Methanausstoßes und für 65 Prozent des menschengemachten Stickoxidausstoßes.

Der schlechten Nachrichten gibt es noch etliche mehr. Eigentlich kennen wir sie schon. Und wollen sie dennoch nicht wahrhaben. Foer spitzt diese Diagnose zu: Man kann die Krise nicht recht in eine glaubhafte Geschichte packen. Der Klimawandel ist einfach zu abstrakt, zu unvorstellbar – und daher auch ziemlich leicht zu verdrängen. Aber:

Je länger wir ihn ignorieren, desto größer wird das Problem. Aufgrund diverser Teufelskreise – schmelzendes Eis wird zu dunklem Wasser, das mehr Hitze absorbiert; tauender Permafrostboden setzt jede Menge Methan frei, eins der schlimmsten Treibhausgase – stehen wir kurz vor dem Umschlagpunkt zu einem Dominoeffekt, bei dem wir unrettbar verloren sind.

Jonathan Safran Foer

Jeder vernunftbegabte Konsument kann etwas ändern

Foer ist sich darüber im Klaren, dass nur radikale politische Maßnahmen noch zu einer Wende führen können. Aber er gehört nicht zu jenen, die dem Einzelnen aus der Verantwortung nehmen. Dinge, die ein Individuum als vernunftbegabter Konsument sofort ändern könne, seien:

Pflanzlich ernähren, Flugreisen vermeiden, auf ein Auto verzichten, weniger Kinder kriegen.

Jonathan Safran Foer

Durch Viehzucht verursachte Treibhausgase sind enorm

Foers Hauptaugenmerk liegt auf den durch Viehzucht verursachten Treibhausgasen. Die Zahlen zu diesem Faktor sind umstritten: zwischen 14,5 Prozent und 51 Prozent sollen diese Treibhausgase am Gesamtanteil ausmachen. Der Autor glaubt, dass die 51 Prozent näher an der Wahrheit liegen, wenn man nur alle Folgekosten, die aus Brandrodungen oder dem Energieaufwand der Viehzucht resultieren, addiert. Angesichts dessen sieht er in einer vegetarischen, besser noch veganen Ernährung die einzige Alternative zu unserem heutigen Lebensstil. Dass das für viele ein ziemlich großes Opfer bedeutet – nicht zuletzt für ihn selbst – gesteht er seinen Leserinnen und Lesern gerne zu. Eine Alternative allerdings sieht er nicht.

Es stimmt natürlich, dass ein Einzelner, der sich ab sofort vegan ernährt, die Welt nicht verändern wird, aber genauso wahr ist, dass Millionen solcher Entscheidungen in Summe sie verändern werden.

Jonathan Safran Foer

Aufrüttelnd über das drängendste Problem der Menschheit

Jonathan Safran Foer ist kein Wissenschaftler. Er erzählt von sich, seiner Familie, von Krisenzeiten in der Geschichte, von Resignation und Widerstand und Hoffnung. Er umkreist sein Thema, selbstkritisch und aufrüttelnd, manchmal ein bisschen pathetisch, manchmal mit dem Ernst eines um die Zukunft seiner Kinder besorgten Vaters. Aber er gerät nicht in reine Gefühligkeit, sondern nutzt die Erkenntnisse der Forschung für seine populäre Darstellung des drängendsten Problems der Menschheit. Wer sein Buch liest, wird zumindest anfangen darüber nachzudenken, ob er nicht auch schon beim Frühstück den Planeten ein bisschen retten will – indem er auf sein liebgewonnenes Frühstücksei verzichtet.

Informationen zum Buch Jonathan Safran Foer: "Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können"
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
336 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-462-05321-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 11. September 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2019, 04:00 Uhr

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