Joni Mitchell
Joni Mitchell bei einem Auftritt in Berlin im Jahr 1990. Bildrechte: IMAGO

Zum 75. Geburtstag Joni Mitchell: Der Folk-Star, der nie einer sein wollte

Sie hat als "eine der herausragenden Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts" 2002 einen Ehren-Grammy für ihr Lebenswerk bekommen: Joni Mitchell. Der Rolling Stone listet sie auf Rang 62 der 100 größten Musiker, auf Rang 42 der 100 besten Sänger und auf Rang neun der 100 besten Songwriter aller Zeiten. Geboren wurde die Musikerin heute vor 75 Jahren, am 7.November 1943.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Joni Mitchell
Joni Mitchell bei einem Auftritt in Berlin im Jahr 1990. Bildrechte: IMAGO

In einem Interview aus dem Jahr 1995, spricht Joni Mitchell über den Titelsong ihres damals aktuellen Albums "Turbulent Indigo" und erklärt wie das Lied mit dem Musikgeschäft abrechnet. "Das ist ein sehr launiges Geschäft. Du kannst von Glück sagen, wenn du deine guten fünf Jahre hast", so Mitchell. Danach sei man nur noch eine Zielscheibe für die Kritik und sie selbst sei damals in Europa in den letzten 15 Jahren nicht mehr sehr geschätzt gewesen. "In Amerika sogar in den letzten 20 Jahren."

"Turbulent Indigo" war und ist ein düsteres, zuweilen auch sarkastisches Werk. Das Cover – wie oft bei ihren letzten Alben – ist von ihr selbst gemalt. Es verweist auf das berühmte Selbst-Portrait Vincent van Goghs mit dem abgeschnittenen Ohr. Statt des Malers ist nun Mitchell mit Verband zu sehen. Jeder brauche jemanden, der ihm sage, dass seine Arbeit etwas wert sei, meint die heute 75-Jährige. "Und dieses Bild als Cover zu benutzen ist schon eine Art schwarzer Humor."

Schreiben als Therapie

Joni Mitchell mit Eltern
Joni Mitchell gemeinsam mit ihren Eltern. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Eigentlich heißt sie Roberta Joan Anderson. Geboren 1943 in der kanadischen Provinz, als einziges Kind eines kleinen Ladenbesitzers und einer Dorfschullehrerin. Ein Malerei-Studium bricht sie ab. Gitarre lernt sie nach einer Lehrschallplatte von Pete Seeger. Der erste bezahlte Auftritt folgt 1962 in einem Café. Sie erzählt, dass sie schon während ihrer Kindheit Gedichte nur für sich selbst geschrieben habe. Und nur nach Ereignissen, die sie verstört hätten.

Ich hatte so die Möglichkeit, die Beunruhigung durch mein Schreiben zu verarbeiten.

Joni Mitchell

Aus der kurzen Ehe mit ihrem Folkkollegen Chuck Mitchell nimmt sie den Namen mit. Sie zieht in die USA. Hier wird ihr Talent gefördert und unterstützt – unter anderem durch David Crosby von den Byrds, der 1968 ihre erste Platte produziert. Schnell folgen weitere Alben und einige Hits.

Eine Folksängerin, die keine ist

Joni Mitchell
Joni Mitchell wollte nie das sein, als das sie angesehen wurde: Eine Folk-Sängerin. Bildrechte: IMAGO

Als sie angefangen habe Platten aufzunehmen, berichtet Mitchell, habe sie ausgesehen wie eine Folksängerin – "aber ich war keine." Ihr Material sei fast klassisch gewesen, etwas, das an Schubert erinnert habe, wie sie selbst findet. "Vor allem passte die normale Popbesetzung nicht zu meinen harmonischen und rhythmischen Vorstellungen."

Bizarre Verehrung und Schattenseiten

Joni Mitchell hat jede Menge Ausstrahlung und sie setzt sie ein: Eine Elfe mit ihrer exotischen Dulcimer-Zither, für eine Weile ihr Markenzeichen. Doch sie will auch ernst genommen werden, wegen ihrer Songs. Die plötzlich einsetzende "bizarre Verehrung" der frühen Jahre bleibt für sie zwiespältig.

Ich bin nicht wie die meisten anderen in diesem Geschäft gelandet: mit dem Traum von Reichtum und Popularität.

Joni Mitchell

Sie habe immer viel nachgedacht und sei sich bei ihren Träumen immer bewusst gewesen, dass sie auch ihre Schattenseiten haben würden. Schattenseiten, die Mitchell spätestens kennenlernt als sie sich in den 70er Jahren mehr und mehr dem Jazz zuwendet und auch andere Einflüsse in ihre Musik mischt.

Neil Young und Joni Mitchell
Die kanadische Musikerin bei einem gemeinsamen Auftritt mit Neil Young. Bildrechte: IMAGO

Malerei und Melancholie

Für ihre Alben gewinnt Mitchell Grammys – und oft bekannte Kollegen zur Mitarbeit. Ihre Lieder werden vielfach gecovert. Dennoch: Je weiter sich die einstige Folk-Ikone vom Mainstream entfernt, desto schlechter verkauft sich ihre Musik.

Heutzutage, sagt sie, male sie ihre Freunde und singe ihre Traurigkeit. "Ich liebe schöne Melodien. Die schönsten Melodien brauchen einen melancholischen Text – etwas, das perfekt für mich ist."

Rückzug aus der Öffentlichkeit

Joni Mitchell
Joni Mitchell wird heute 75 Jahre alt. Bildrechte: imago/ZUMA Press

"Ich bin eine Malerin, die Lieder schreibt", sagt Joni Mitchell 2014 über sich selbst – im Begleittext zu einer CD-Box, die ihr Werk aus über vier Jahrzehnten neu ordnet. Sie wird nun 75, vor einigen Jahren ereilte sie ein Schlaganfall, sie leidet an einer rätselhaften Krankheit. Öffentliche Auftritte sind selten geworden. Das letzte Studio-Album ist vor über zehn Jahren erschienen. Mit dem Musikgeschäft hat sie schon vor einer Weile abgeschlossen.

2008 erklärte sie in einem Interview, dass langsame Entfaltungsprozesse eines Künstlers im Musikgeschäft nicht verstanden würden, da sie für Firmen nicht profitabel seien. Man könne sich entfalten und entfalten wie man wolle, aber es sei nicht das, was von einem verlangt werde, so Mitchell.

Eher sollte man die Demut haben, tot umfallen, am besten schon vor 10 Jahren. Aber ich bin noch nicht bereit, tot umzufallen.

Joni Mitchell

Merh Kalenderblätter

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. November 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2018, 04:00 Uhr

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