José Eduardo Agualusa
Schriftsteller José Eduardo Agualusa Bildrechte: IMAGO

Roman mit filmreifen Bildern José Eduardo Agualusas Buch über eine Frau, die sich für 30 Jahre einmauert

José Eduardo Agualusa wurde in Angola geboren und stand mit seinem Roman "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize. Auch im Roman ist Angola Schauplatz. Das Land an der südlichen Westküste Afrikas befreit sich in den 1970er-Jahren von der Herrschaft der Portugiesen. In den Wirren des Aufstandes erschießt die junge Ludovica einen Einbrecher. Nun beginnt eine fantastische Geschichte, die über mehrere Jahrzehnte vom Fortgang der Revolution und vom Überlebenskampf dieser Frau erzählt.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

José Eduardo Agualusa
Schriftsteller José Eduardo Agualusa Bildrechte: IMAGO

Ludovica, die Hauptfigur des Romans, ist mit ihrer Schwester und deren Mann aus Portugal nach Angola gekommen. Das war damals nicht unüblich, da Portugal als Kolonialmacht in Angola an vielen Stellen die Wirtschaft und das öffentliche Leben verwaltete. Doch nun ist Ludovica allein zurückgeblieben, denn Schwester und Schwager sind in den Wirren der Straßenkämpfe verschwunden. Nachdem Ludovica einen Einbrecher erschossen hat und zugleich mitansehen muss, wie draußen die gewohnte Ordnung umgestoßen wird, beschließt sie, zwischen sich und der Welt eine Grenze zu ziehen: Sie mauert eine Wand zwischen ihrer und der Nachbarwohnung, so dass es so scheint, als sei das Haus an dieser Wand zu Ende. Hier, in dieser Gruft, lebt Ludovica dann 30 Jahre.

Ein Roman, der zwischen den Welten spielt

Der Roman bewegt sich in den Zwischenwelten der menschlichen Seele, ist mal trostlos und alptraumhaft, dann wieder ziemlich genau in seinen historischen Abläufen, wenn die Befreiungsgeschichte der Angolaner erzählt wird. Das "Vergessen" - wie im Titel benannt - verläuft in mehrere Richtungen: Ludovica will vergessen, dass sie Angst vor der Welt hat, und sie will vor allem, dass die Welt da draußen sie vergisst. Und auch die Akteure der Revolution, das ganze Land scheint vergessen oder vielleicht auch nie gewusst zu haben, wofür es eigentlich in die Revolution marschiert ist.

Der Roman ruft verschiedene Figuren auf, die alle irgendwie in die Revolution verstrickt sind. Alle bekämpfen sich gegenseitig, weil die Befreiungsbewegung in einzelne Gruppierungen zerfällt, die um die Macht in Angola kämpfen. In den Siebziger Jahren mischten sich sowohl die USA als auch die Sowjetunion ein, und Kuba entsandte sogar Truppen nach Angola. Heute ist Angola ein autoritär geführtes und noch immer vom Bürgerkrieg gezeichnetes Land.

Angolaner mit einer Flagge feiern ihre Unabgängigkeit, im Hintergrund rechts ein Plakat mit unter anderem der Aufschrift 'MPLA', der Abkürzung der angolanischen Befreiungsbewegung, aufgenommen am 11.11.1975 in der Hauptstadt Luanda anlässlich der Feier zur Unabhängigkeit Angolas von Portugal.
Angolaner feiern mit einer Flagge ihre Unabgängigkeit. Im Hintergrund rechts ein Plakat mit unter anderem der Aufschrift "MPLA", der Abkürzung der angolanischen Befreiungsbewegung. Das Foto wurde am 11.11.1975 in der Hauptstadt Luanda aufgenommen. Bildrechte: dpa

Wenn das Verstecken zum Überleben wird

Ludovica baut in ihrer freiwillig gewählten Einsamkeit auf der Terrasse Gemüse an. Als ihr auch Strom und Wasser abgedreht werden, verfeuert sie die Dielen und die Bücher in ihrer Wohnung, um kochen zu können. Sie lernt, Tauben auf ihre Terrasse zu locken, die sie dann erlegen und essen kann. Vor allem aber beginnt sie, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben, und als sie kein Papier mehr hat, schreibt sie auf die Wände ihrer Wohnung. Einmal kann sie einen Affen auf ihre Terrasse locken und ihm die Kehle durchschneiden, so gewinnt sie Fleisch, das sie einpökeln kann. Die literarische Kraft dieses Romans aber erwächst daraus, dass eine in ihrer Wohnung vollkommen isolierte Frau trotzdem mit der Welt verbunden ist: über magische Kreisläufe.

Eine der Tauben, die sie auf ihrer Terrasse fängt, trägt z.B. einen Brief, mit dem ein heimliches Liebespaar offensichtlich ein Rendezvous vereinbart. Und die Geschichte dieses Liebespaares wiederum ist eng mit der Revolution verknüpft. So greifen die verschiedensten Geschichten ineinander, von Kapitel zu Kapitel.

Agualusa nimmt hier zweifellos literarische Techniken des magischen Realismus auf, also das, was zum Beispiel mit dem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel Garcia Marquez in die Weltliteratur eingegangen ist. "Eine allgemeine Theorie des Vergessens" führt in eine magische, exotische Welt, die in starken, nicht selten filmreifen Bildern erzählt wird, und den Leser in ihren Sog zieht.

Der geschichtliche Hintergrund - bekannt für Menschen aus der ehemaligen DDR

Das Tragische des Schicksals der Ludovica wird aufgefangen, indem es in einen Zugewinn an Weisheit und menschlicher Kraft mündet. Darüber hinaus erfährt man einiges über das Befreiungsgeschehen im Afrika dieser Jahre. Gerade Menschen in Ostdeutschland haben in den 1970er-Jahren diese Revolution ziemlich eng mitverfolgen können. Damals gab es eine Solidaritätsachse zwischen der DDR und Angola, und es gab Angolaner, die in der DDR gearbeitet haben oder hier ausgebildet wurden.

Der Umsturz in Portugal löste in Angola bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen den Befreiungsbewegungen FNLA, MPLA und UNITA aus, deren ethnische Verwurzelung im Lande durchaus unterschiedlich war. Mehrere Staaten, darunter die USA und die Sowjetunion, stellten sich auf verschiedenen Seiten und heizten den Konflikt so an.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Januar 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2018, 15:49 Uhr