Ein Eichhörnchen kratzt sich.
Genau wie Ratten oder Mäuse fühlen sich Eichhörnchen in der Nähe des Menschen wohl – hat jedoch einen viel besseren Ruf. Bildrechte: dpa

Sachbuch über faszinierenden Nager Eichhörnchen sind auch nur Menschen?

Eichhörnchen sind denkbar ungeeignete Haustiere, schreibt der Evolutionsbiologe Josef Reichholf in seinem neuen Buch "Das Leben der Eichhörnchen". Darin beschreibt er detailliert, wie und wo die kleinen Kletterexperten leben und wieso sie sich so schnell und ruckartig bewegen. Darüber hinaus schreibt er auch darüber, welche Parallelen es zum Menschen gibt – und da gibt es einige, hat MDR KULTUR-Rezensentin Annegret Faber festgestellt. Sie hat "Das Leben der Eichhörnchen" gelesen und findet: Das Buch macht Lust auf einen Herbstspaziergang mit ein paar Nüssen in der Tasche.

Ein Eichhörnchen kratzt sich.
Genau wie Ratten oder Mäuse fühlen sich Eichhörnchen in der Nähe des Menschen wohl – hat jedoch einen viel besseren Ruf. Bildrechte: dpa

Eichhörnchen kennt jedes Kind: ihre dunklen runden Augen, das rote Fell und den aufrechten, buschigen, Schwanz. Aber wo leben diese putzigen Tiere im Winter? Wie paaren sie sich und wo ziehen sie ihre Jungen auf? Antworten darauf gibt der Evolutionsbiologe Josef Reichholf in seinem neuen Buch "Das Leben der Eichhörnchen".

Mit einem vom Himmel gefallenen Eichhörnchen fing es an. Eine Frau ging im Münchner Norden gerade auf den Hof hinaus, als ihr etwas Kleines vor die Füße fiel. Es war ein winziges Eichhörnchenbaby.

Josef Reichholf, "Das Leben der Eichhörnchen"
Ein Eichhörnchen guckt neugierig hinter einem Baumstamm hervor. 5 min
Bildrechte: MDR/Judith Doberstein

Joseph Reichholf ist Erzähler und Biologe. Er malt Geschichten, die den Leser in die Eichhörnchen-Welt ziehen. Anders als andere Wissenschaftler scheut er sich nicht, persönliche Erlebnisse oder die von Freunden einfließen zu lassen. Dazwischen jongliert er mit Zahlen und sortiert: Das Eichhörnchen gehört zur Familie die Nagetiere, von denen es 2.280 verschiedene gibt. Reichholf listet die Arten auf, vom kleinsten bis zum größten, vom dicksten zum dünnsten – und mittendrin das Eichhörnchen mit seinem typischen Nagetier-Gebiss.

Vom Eichhörnchen sollte man sich nicht beißen lassen. Der Druck, den der Kaumuskel auf die Spitze der Schneidezähne übertragen kann, ist gewaltig.

Josef Reichholf, "Das Leben der Eichhörnchen"

Mensch und Kletterer

Prof. Dr. Josef H. Reichholf, 2007
Prof. Dr. Josef H. Reichholf war bis 2010 Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München und Professor für Ökologie und Naturschutz an der Technischen Universität München. Bildrechte: IMAGO

Mit seinen Zähnen knackt das Eichhörnchen sogar Walnüsse. Das Schafft nicht jedes Nagetier, schreibt Reichholf und sieht das als einen Grund, warum es sich evolutionär so gut durchsetzen konnte. Der Autor stellt immer wieder Vergleiche mit dem Menschen an, etwa beim Energiehaushalt. Für ein Säugetier sei der Mensch für seine Größe recht beweglich und sollte sich auch oft bewegen, damit der Kreislauf in Schwung bleibt – beim Eichhörnchen sei das genauso. Es braucht wie wir viele Proteine und fällt deshalb im Frühjahr auch über die Nester von Singvögeln her, wodurch es einen schlechten Stand bei Ornithologen hat. Eine weitere Ähnlichkeit mit dem Eichhörnchen finde sich bei der Länge des Darms.

Gemeint ist damit das Verhältnis der tatsächlichen Länge des Darms zur Körperlänge. Beim Menschen ergibt sich 7,5 als Verhältniszahl, bei Eichhörnchen etwa neun. Wie nahe die beiden Werte beieinander liegen, zeigt der Blick auf die Katze mit 3 bis 4, oder das Rind mit einer Verhältniszahl von 22 bis 29.

Josef Reichholf, "Das Leben der Eichhörnchen"

Ein Nager, der sich nicht festlegen lässt

Josef H. Reichholf: „Das Leben der Eichhörnchen”
Das Eichhörnchen lässt Ökologen verzeifeln, glaubt Josef Reichholf. Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Der Leser erfährt, dass Eichhörnchen sich die Nase putzen und natürlich alles Wichtige über Nahrung, Paarung, Lebensweise und Nestbau. Er beschreibt nicht nur den Bau des Eichhörnchens, sondern auch die Behausungen ihrer Verwandten: Vom kleinen Nest der Feldmaus bis hin zum Biber, dessen Burg nur ein wahrer Baumeister zustande bringt.

Davon ausgehend knüpfen sich Fragen an, welches Nagetier wo und wann am besten schläft, überlebt und überhaupt: Wieso ist das Eichhörnchen überhaupt rot und nicht grün oder braun, wenn es auf Bäumen zuhause ist? Und was braucht es für ein gutes Leben, eher Wälder, Städte oder Parkanlagen? Das Eichhörnchen lässt sich nicht festnageln, glaubt Josef Reichholf: "Für Ökologen, die das sogenannte Habitat einer Tierart wissenschaftlich zutreffend beschreiben möchten, sind die Eichhörnchen ein Albtraum."

Im Schlepptau des Menschen

Wie Mäuse und Ratten folgen Eichhörnchen dem Menschen in seinen Kulturraum. Im Vergleich zu den beiden andern bleibe es dabei aber zurückhaltend vornehm, schreibt der Evolutionsbiologe. Es klettert vor unseren Augen die Bäume hoch und runter und stiehlt uns dabei höchstens eine Nuss. "Haben Sie schon einmal Eichhörnchenkot entdeckt?", fragt der Experte rhetorisch. Erstaunlich wäre das, denn im Gegensatz zu Mäusen oder Ratten kommt der kleine Kletterer nicht in unsere Häuser.

Woher kommt der Spruch "Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen"? Josef Reichholf erzählt es – und das kann er gut. 2007 bekam er den Sigmund-Freud Preis für wissenschaftliche Prosa der deutschen Akademie der Sprache und Dichtung. Und er schreibt mit Botschaft: Findet wieder zur Natur zurück, will er dem Leser sagen.

Mehr zum Buch
Josef H. Reichholf: "Das Leben der Eichhörnchen"
illustriert von Johann Brandstetter
Carl Hanser Verlag, 176 Seiten
Preis: 20 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. November 2019 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2019, 07:36 Uhr

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