Sachbuch-Empfehlung: "Der Preis des Profits" Wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz den Kapitalismus retten will

Die USA gelten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit Aufstiegschancen für alle. Doch dieses jahrzehntelang vermittelte Bild hat schon längst Risse bekommen. Und sie werden immer tiefer. Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz legt in seinem neuen Buch "Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst retten!" den Finger in die Wunde.

New York Stock Exchange
Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz macht vor allem die Banker für die Finanzkrise verantwortlich. Bildrechte: imago images/Xinhua

Joseph Stiglitz spart nicht mit Patriotismus. Am Ende wird er die Väter der Verfassung und die Freiheitsstatue bemühen, um den Ernst der Lage deutlich zu machen. Das ist vielleicht etwas dick aufgetragen, führt aber direkt zum Kern. Denn die US-amerikanische Gesellschaft driftet immer weiter auseinander. "In den Vereinigten Staaten gibt es eine sehr kleine Elite, die einen immer größeren Teil der Wirtschaft kontrolliert, und eine große und wachsende Gruppe von weitgehend mittellosen Menschen am Fuß der Einkommens- und Vermögenspyramide", schreibt Stiglitz.

Der erste Teil des Buches ist eine Bestandsaufnahme. Stiglitz zeigt, wie die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes die Marktkräfte steuern und sich ihre eigenen Spielregeln machen. So durchleuchtet er zum Beispiel das Bankensystem, das er für moralisch verkommen hält.

Banker verantwortlich für Finanzkrise

Buchcover „Der Preis des Profits“ von Joseph Stiglitz
"Der Preis des Profits" von Joseph Stiglitz Bildrechte: Siedler/Random House

Der Finanzsektor veranschauliche, was in der Wirtschaft schieflaufe, so der Wirtschaftswissenschaftler. "Die Banker bereicherten sich auf Kosten des Rests der Gesellschaft. Sie beuteten diejenigen aus, die sich in Finanzfragen nicht auskannten." Banker hätten "hemmungslos" ihre eigenen Interessen verfolgt – das habe, so Stiglitz, nicht etwa den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand erhöht, sondern zur größten Finanzkrise seit der Großen Depression geführt.

Riesige Probleme sieht er auch im Sozial-, im Bildungs- oder im Gesundheitssystem. Das alles hat Stiglitz auch schon in früheren Büchern ausführlich beschrieben. Jetzt geht er einen Schritt weiter und entwickelt im zweiten Teil des Buches einen neuen Gesellschaftsvertrag. Er sagt dazu "progressive Agenda" und  spricht sich für einen starken Staat aus: "Der Staat kann dafür sorgen, dass alle oder zumindest die meisten Menschen besser dastehen. Er muss sicherstellen, dass die Märkte so funktionieren, wie sie sollten, und er muss das Gemeinwohl in einer Weise fördern, wie es Einzelpersonen oder Märkte von sich aus nicht können."

Der Staat als Lösung

Dass ausgerechnet ein Wirtschaftsgelehrter aus dem Kernland des Kapitalismus mehr Staat fordert, überrascht im Fall von Stiglitz nur auf den ersten Blick. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank mahnt schon seit Jahren große Reformen an, die den Staat als ordnungspolitische Kraft stärken – trotz aller Vorbehalte, die es gegenüber den Institutionen und Behörden gibt.

"Die Auffassung, der Staat sei das Problem, nicht die Lösung, ist schlichtweg falsch", so Stiglitz. Das Gegenteil sei der Fall: Die meisten Probleme der Gesellschaft seien von Märkten und dem privaten Sektor geschaffen worden. Nur der Staat könne die Umwelt schützen, für soziale und ökonomische Gerechtigkeit sorgen und durch Investitionen in die Grundlagenforschung und in neue Technologien die Rahmenbedingungen für eine dynamische Innovationsgesellschaft schaffen.

China als Vorbild

Joseph Stiglitz
Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz Bildrechte: Dan Dietch / SiedlerPantheon

Der Wissenschaftler geht sogar noch einen Schritt weiter und schreckt nicht davor zurück, die Wirtschaftsmacht China als Vorbild aufzurufen. Ausgerechnet China, das Feindbild von US-Präsident Donald Trump. Vielleicht reagiert der US-Präsident auch deshalb so gereizt, weil das Staatssystem Chinas die wirtschaftlichen Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte möglicherweise besser gemeistert hat als die USA.

Jedenfalls findet Nobelpreisträger Stiglitz dafür etliche Belege: "Als China vor 40 Jahren seine Umstellung auf ein marktwirtschaftliches System begann, hätte sich niemand vorstellen können, dass dieses verarmte Land in weniger als einem halben Jahrhundert ein Bruttoinlandsprodukt erreichen würde, das annähernd dem der USA entspricht." Die chinesische Wirtschaft wachse doppelt so schnell wie die US-Wirtschaft. In einigen Bereichen wie soziale Medien und Künstliche Intelligenz befinde sich das Land bereits an der Spitze, so der Autor. "Am wichtigsten war aber, dass die chinesische Regierung sicherstellte, dass fast jeder Chinese von der Globalisierung profitierte. Dadurch wurden 740 Millionen Menschen aus der Armut herausgeführt."

Die ideologische Brille abnehmen

Stiglitz ermuntert dazu, die ideologische Brille abzunehmen und spricht gleichzeitig viel über Werte und Vertrauen. Die Verfassung aus dem 18. Jahrhundert  und die Freiheitsstatue passen da gut ins Bild. Es wirkt, als wolle hier einer seine Landsleute wachrütteln, bevor sie im November darüber entscheiden, wer die Nation künftig als Präsident oder Präsidentin führen soll.

Angaben zum Buch Joseph Stiglitz:
"Der Preis des Profits. Wir müssen den Kapitalismus vor sich selbst retten!"
Siedler-Verlag, 372 Seiten, 25 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Februar 2020 | 12:40 Uhr

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