Menschenmassen auf der Loveparade 1999.
Zum Höhepunkt feierten im Jahr 1999 knapp 1,5 Millionen Menschen auf der Loveparade. Bildrechte: imago/Contrast/Behrend

Boris Dlugosch im Interview Friede, Freude, Eierkuchen – 30 Jahre Loveparade

1989 fand die erste Loveparade in Berlin statt – damals mit knapp 150 Personen. Wenige Jahre später sollten es Millionen Tanzende werden. Boris Dlugosch ist ein Hamburger Elektro-DJ und war dabei. Die Entwicklung der Loveparade hat er selbst miterlebt – anfangs als Besucher, später auch als Künstler auf der Bühne. Bei MDR KULTUR hat er über diese Zeit gesprochen und was sich seitdem verändert hat.

Menschenmassen auf der Loveparade 1999.
Zum Höhepunkt feierten im Jahr 1999 knapp 1,5 Millionen Menschen auf der Loveparade. Bildrechte: imago/Contrast/Behrend

MDR KULTUR: Kann das Tanzen und Feiern auch politisch sein? Dann könnte man ja auch den Karneval in Brasilien auch zu einer politischen Situation machen ...

Boris Dlugosch: Ja, das kann sein. Zum Karneval in Brasilien habe ich keinen Bezug. Für uns war das, aus dem fernen Hamburg – alle kommen zusammen. Die Rave-Szene aus München, die Rave-Szene aus Frankfurt, die Kölner. Man traf sich dort. Und wir haben alle unter dem Friedens-Engel geraved.

Das traurige Ende der Loveparade müssen wir auch beleuchten, 2010 in Duisburg mit 21 Toten. Auch bei dieser Loveparade waren Sie dabei?

Genau, ich war viele Jahre davor nicht mehr dabei. Es gab immer um die Loveparade herum, an den Freitagen oder Samstagen abends in Clubs Partys, da hab ich häufiger gespielt. Aber bei den Paraden selber nicht mehr. Und dann in Duisburg war ich auch eingeladen, auf einer Bühne zu spielen – und wie ich hinterher erfuhr, ist dieses Unglück dort passiert, wirklich in dem Moment, wo ich aufgelegt habe.

DJ Boris Dlugosch in schwarz weiß mit starrem Blick
Der Hamburger DJ Boris Dlugosch. Bildrechte: Globalstage

Ich hab später einige Bilder, so Handyvideos gesehen, wo ich im Hintergrund Musik hörte und das war halt ein Track, den ich gespielt habe zu dem Zeitpunkt, daran kann ich das ausmachen. Ich habe vor Ort erstmal gar nichts mitbekommen. Nur als wir dann vom Festivalort wegfuhren, da hat uns irgendein Shuttleservice Richtung Flughafen gebracht. Ich hab abends dann noch in München gespielt. Wir fuhren halt weg und dann sah man, dass die Leute liefen, Krankenwagen und so weiter. Und da dachte man, was ist denn da los, was ist denn passiert? Und dann am Flughafen die Fernsehbilder: Überall Monitore und man stand davor und konnte es gar nicht fassen. Also, das war ganz ganz schrecklich. Und das Schlimmste daran: Dann ins Flugzeug steigen, nach München fahren und abends dort auflegen. Das war Totentanz.

Das ist Selbstverleugnung auf hohem Niveau, Herr Dlugosch. Möglicherweise haben Sie ja in den Jahren vorher schon gedacht: pass auf, die Loveparade lebt nicht mehr lange, eigentlich ist sie schon tot?

Ja, für mich war das natürlich mit der Eine-Million-Grenze, die man irgendwann mit den Besuchern dort erreicht hatte, das war sicherlich der Zenit und da kippte es. Und dann diese Live-Übertragung, nur noch Plakate von Sponsoren und Getränkeherstellern und Zigarettenwerbung. Was da alles dran mitverdienen wollte und sicherlich auch gut dran verdient hat, das war dann nicht mehr meins.

Hätte das Jahr 2019 Platz für eine neue Loveparade? Eine Loveparade für "Fridays for Future" oder etwas Ähnliches, könnten Sie sich so etwas vorstellen?

Die "Fridays for Future" in diesem Sinne zu erweitern, fände ich eine gute Idee. Und dann mal wirklich was Politisches. Das wäre auf jeden Fall ein Thema, für das es sich lohnen würde, auf die Straße zu gehen. Und ich hab ja deswegen auch dieses – die Loveparade zum Politischen zu machen – ein bisschen belächelt, weil unsere Szene halt total unpolitisch war. Die Leute waren völlig unpolitisch, haben ihren Müll auf die Straße geschmissen und haben sich um nichts gekümmert eigentlich. Und ich hab das Gefühl, die jungen Leute – ich habe jetzt selber eine 20-jährige Tochter – die sehen das schon anders. Und ich glaube, die könnte man so noch zu Millionen mehr auf die Straße kriegen. Bestimmt.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 09:52 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR