Nirvana v.l.n.r.: Schlagzeuger Dave Grohl, Bassist Krist Novoselic und Sänger Kurt Cobain, 1991.
Nirvana im Jahr 1991 (v.l.n.r.) Schlagzeuger Dave Grohl, Bassist Krist Novoselic und Sänger Kurt Cobain. Bildrechte: IMAGO/LFI

25 Jahre "Nevermind" von Nirvana Wut, Verzweiflung und Erfolg

Darauf waren sie nicht vorbereitet: Mit ihrem zweiten Album "Nevermind" wird Nirvana plötzlich weltberühmt und stößt selbst den King of Pop, Michael Jackson, von Platz 1 der US-Charts. Doch der schnelle Ruhm wird bald zur größten Last der Band. Ein Blick auf die Geschichte dieses legendären Albums.

von Linda Schildbach

Nirvana v.l.n.r.: Schlagzeuger Dave Grohl, Bassist Krist Novoselic und Sänger Kurt Cobain, 1991.
Nirvana im Jahr 1991 (v.l.n.r.) Schlagzeuger Dave Grohl, Bassist Krist Novoselic und Sänger Kurt Cobain. Bildrechte: IMAGO/LFI

Am 24. September 1991 erscheint "Nevermind", das zweite Studioalbum der Grunge-Band Nirvana. Angefangen hatte alles vier Jahre zuvor, 1987, in einer trostlosen Wohnwagensiedlung von Aberdeen – nahe der US-Großstadt Seattle. Hier gründeten Kurt Cobain und Krist Novoselic die Band. Ihr erstes Album "Bleach" (1989) war weit davon entfernt, ein großartiges Debüt zu sein. Doch es enthüllt bereits einige von Kurt Cobains Lieblingsthemen: persönliches Unwohlsein und Hass auf die Welt, auf das politische System.

Ich wollte einerseits so etwas wie Led Zeppelin, total extremen Punkrock und komplett naiven Pop machen.

Kurt Cobain über den Stil der Band, 1989

Nach einigen Mitgliederwechseln, findet die Band in dem jungen Dave Grohl den passenden Drummer für ihren Stil: kraftvoll, energetisch, präzise. Nirvana ist vollständig. "Smells Like Teen Spirit", die erste Single-Auskopplung aus dem zweiten Album "Nevermind" schlägt mit seinem Wechsel zwischen bedrückender Ruhe und Klang-Explosionen mit voller Wucht in die Hitparaden der USA. "Here we are now, entertain us" – Hier sind wir nun, unterhaltet uns – singt Kurt Cobain in dem Lied, dessen Titel auch als Werbeslogan einer Deodorant-Marke fungiert.

Amerikas Jugend leidet an den Nebenwirkungen des Kapitalismus

Das Album "Nevermind" ist ein akustisches Manifest von Kurt Cobains Verachtung des Mainstreams, als Massenmentalität der Anpassung. Die Band, damals selbst in ihren Zwanzigern (Kurt Cobain, 24, Krist Novoselic 26, Dave Grohl 22), gibt der Wut, Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit Ausdruck, die Amerikas Jugend in den Neunzigern spürt. Sie sind eine Generation des Konsums, für die das Albumcover Symbol stehen könnte: Ein Baby, das auf einen Dollarschein am Angelhaken zu schwimmt.

Für die Kritiker ist "Nevermind" ein Meilenstein: Fortan sollten Alben nur noch in Prä- und Post-Nirvana eingestuft werden. Durch die Mischtechnik von Produzent Andy Wallace wurde der raue, holprige Klang des Vorgänger-Albums auf "Nevermind" durchdringender und geschliffener. Lieder wie "Come as you are", "Lithium" oder "In Bloom" krachen, sind aber durchaus auch melodiös.

Dieses kommerzielle Potential entgeht auch nicht dem Publikum: Mit "Nevermind" stürzt Nirvana den King of Pop, Michael Jackson, von der Spitze der amerikanischen Albumcharts. Zuvor hat dessen "Dangerous" einen Monat lang Platz eins gehalten. In Deutschland dagegen bleibt "Nevermind" neun Wochen lang auf Platz drei, hinter Genesis‘ "We can’t dance" und einem "Greatest Hits"-Album von Queen. Weltweit verkauft sich "Nevermind" rund 30 Millionen Mal.

Gefangen im System

Kurt Cobain in einer Szene des Kinofilms "Cobain: Montage of Heck"
Sänger Kurt Cobain in einer Szene des Films "Cobain: Montage of Heck" Bildrechte: dpa

Doch der Erfolg zeigt schnell seine Schattenseiten. Mit "Nevermind" wird Nirvana zum Hype. Medien krönen Kurt Cobain zum Sprecher der Generation X, in Bezug auf den gleichnamigen Roman des Kanadiers Douglas Coupland. Die Modeindustrie kommerzialisiert den Kleidungsstil der Band, der in seinem Understatement eigentlich ein Protest gegen den Konsum sein soll. Die Fangemeinde wächst rasant an. Und plötzlich kommen nicht mehr nur die alternativen Kids zu den Konzerten der Band, sondern auch jene aus dem Mainstream – die Mitläufer, die Frauenhasser; all jene, die Kurt Cobain so sehr verabscheut. Auf ihren zahlreichen Konzerten spielen Nirvana mehr und mehr gegen ihr eigenes Publikum an. Sie zerstören ihre Instrumente, treten in Frauenkleidern auf. Doch die Vermarktungsmaschine ist nicht mehr zu stoppen.

"Nevermind" – zu Deutsch, "Vergiss es", ist seinem Motto nicht nachgegangen und gilt mittlerweile als eines der wichtigsten Alben der Musikgeschichte. Am 10. April 2014 wurde Nirvana in die Hall of Fame aufgenommen.


Was ist aus Nirvana geworden? Die Band veröffentlicht 1993 noch ein drittes Album "In Utero" sowie das berühmte Akkustik-Album "MTV Unplugged in New York", doch die Probleme sind nicht mehr zu lösen. Nirvana ist im System gefangen. Kurt Cobain bekommt seine Heroinabhängigkeit nicht in den Griff. Die Band spielt ihr letztes Konzert am 1. März 1994 in München.

Kurt Cobain flieht nach einem Krankenhausaufenthalt aus der Entzugsklinik nahe Los Angeles. Am 8. April 1994 wird er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Im Alter von 27 Jahren hatte er sich das Leben genommen.

Krist Novoselic spielte danach in anderen Bands wie Sweet 75 oder Flipper. Jedoch knüpfte keine annähernd an den Erfolg von Nirvana heran. Neben der Musik engagiert sich Novoselic inzwischen politisch, u.a. für ein faireres Wahlrecht in den USA.

Dave Grohl gründet 1994 die Rockband Foo Fighters und ist bis heute erfolgreich im Musikgeschäft tätig. Vier der bisher insgesamt acht Alben der Band sind mit Grammy-Awards ausgezeichnet worden.

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2019, 19:56 Uhr