Judith Schalansky
Judiths Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet.  Bildrechte: IMAGO

Buchkritik Judith Schalansky über Verluste, Verlorenes und Figuren im Abseits

2009 veröffentlichte Judith Schalansky ihren "Atlas der abgelegenen Inseln", der sowohl durch die von der Autorin selbst besorgte Gestaltung als auch durch seine irrlichternden, kuriosen Geschichten Aufmerksamkeit erregte und zu einem erstaunlichen Verkaufserfolg wurde. Schon in diesem "Atlas" zeigte die 1980 in Greifswald geborene Schalansky ein wunderbares Gespür für Abseitiges, Verschollenes und Untergegangenes, und genau dieses macht sie – auf ganz andere Weise – in ihrem neuesten Werk "Verzeichnis einiger Verluste" erneut fruchtbar.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Judith Schalansky
Judiths Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet.  Bildrechte: IMAGO

Unter dem bewusst lapidaren, bürokratisch anmutenden Titel "Verzeichnis einiger Verluste" blickt Judith Schalansky, wie es im programmatischen Vorwort heißt, auf die Erde als einen "Trümmerhaufen vergangener Zukunft". Angetrieben vom "Begehren (...), etwas überleben zu lassen, Vergangenes zu vergegenwärtigen, Vergessenes zu beschwören, Verstummtes zu Wort kommen zu lassen und Versäumtes zu betrauern", hat sie in Archiven und Bibliotheken Verlorengegangenes aus aller Herren Länder aufgespürt und ihrer Fantasie freien Lauf gelassen, um ihren Funden neues literarisches Leben einzuhauchen.

Zwölf Geschichten, die allesamt sechzehn Seiten umfassen, breitet Judith Schalansky aus und zeigt sich einmal mehr als Stilvirtuosin, die alle Register zu ziehen weiß. Der Einstieg knüpft unverkennbar an den "Atlas der abgelegenen Inseln" an, führt zu den Südlichen Cookinseln und erinnert an das Atoll Tuanaki, das wohl 1842/43 durch ein Seebeben verschwand und 1875 nolens volens aus den offiziellen Karten eliminiert werden musste. Und wie so oft: Ausgerechnet diese versunkenen Inseln verklären sich in Schalanskys erinnernder Beschwörung zu einer utopischen Gegenwelt, die von einem "Frieden liebenden Menschenschlag" bevölkert gewesen sei – und deshalb wert, dem Vergessen entrissen zu werden.  

Greta Garbo in Manhattan und kaspische Tiger

Was immer Schalansky erzählt - Fiktion oder Nicht-Fiktion - diese für die Literatur letztlich unerhebliche Frage spielt keine Rolle. Egal ob sie, angeregt durch Friedrich Wilhelm Murnaus verschollenen ersten Stummfilm, mit der unter Aufmerksamkeitsverlust leidenden Greta Garbo 1952 durch Manhattan spazieren geht, im alten Rom den ausgestorbenen Kaspischen Tiger gegen einen Löwen kämpfen lässt oder sich an das dichterische Werk Sapphos erinnert, von dem gerade mal sieben Prozent erhalten geblieben sind.

Judith Schalansky - Verzeichnis einiger Verluste
Die Protagonisten in Judith Schalanskys neuem Buch sind Figuren im Abseits, die gegen die Vergänglichkeit ankämpfen: Bildrechte: Suhrkamp

Auf den Spuren von Flaubert

"Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Texte ist irreführend", notierte Schalansky in der Taschenbuchausgabe ihres Inselatlasses, und diese Erkenntnis gilt für ihr "Verzeichnis" nicht minder. Betörend schöne, mitunter von Adjektiven überquellende Texte hat sie diesmal versammelt, und das historisch überlieferte Material zu Erzählungen verdichtet, deren leicht melancholischer Grundton sich poetisch verwandelt. Meisterliches findet sich in diesem Buch, das von der Autorin wieder gestaltet und in ein elegantes Schwarzgrau getaucht wurde. Zu den unvergesslichen Glanzstücken zählt zum Beispiel der Lebenslauf des Schweizers Armand Schulthess, der sich 1951 ins Tessin, ins Valle Onsernone zurückzog, auf den Spuren der Flaubert-Figuren Bouvard und Pécuchet das Wissen der Welt sammeln wollte und es auf Tausenden beschriebener Blechtafeln an den Kastanien seiner Casa Armando aufhängte. Max Frisch nahm sich des 1972 verstorbenen Sonderlings übrigens auch an, in seiner Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän".

Schalansky lässt auf Verluste und Verlorenes blicken

Und ja, das ist natürlich noch die – von einem verbrannten Gemälde Caspar David Friedrichs ausgehende – Geschichte "Hafen von Greifswald". In der schickt sich eine naturkundige Ich-Erzählerin, die wir gern mit der Autorin verwechseln, an, den Ursprung des Rycks aufzuspüren, "jenes alten Hildaflusses, der viele Kilometer meerwärts den Hafen Greifswald speist". Allein dieser intensiven Beschwörung von Rauchschwalben, Schilfgräsern, Goldammern und Schleimpilzen wegen lohnt es sich, Judith Schalanskys neues Buch zu lesen. Und weil wir nach dieser Lektüre anders auf Verluste und Verlorenes blicken.   

Infos zum Buch Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
Suhrkamp, 2018
252 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN 978-3-518-42824-5

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 04:00 Uhr