Jürgen Kaube, Journalist, Mitherausgeber der FAZ
FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube Bildrechte: imago/Sven Simon

Debatte Ist die Schule wirklich zu blöd für unsere Kinder?

Die internationale Schulvergleichsstudie PISA brachte 2002 ans Licht, dass deutsche Schülerinnen und Schüler nicht hervorragend abschneiden – und nicht mal unbedingt gut. Seitdem haben nicht nur Bildungspolitiker zu tun, auch der Buchmarkt profitiert von der Misere. Jährlich erscheinen mehrere Sachbücher zum Thema Bildung und Schule: Mal sind die Lehrer zu faul, mal die Eltern zu übereifrig, die Schüler zu desinteressiert. Jetzt soll die Schule zu blöd sein. Der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube hat jahrelang als Journalist über Bildungsthemen geschrieben. Jetzt ist sein Buch dazu erschienen mit dem provokanten Titel "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?" Die MDR KULTUR-Redakteurin für Bildung, Regine Schneider, stellt es vor.

Jürgen Kaube, Journalist, Mitherausgeber der FAZ
FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube Bildrechte: imago/Sven Simon

Endlich mal eine berechtigte Frage, könnte man meinen: "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?", so lautet der Titel des neuen Buches von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube. Bei der allgemeinen Stimmungslage hierzulande scheint die Antwort klar: Zustimmung. Klar ist aber auch, wer solch populäre wie gleichermaßen provokante These aufstellt, plant mitunter die Verteidigung. Und Jürgen Kaube verteidigt: Schule als einen Ort, der außerhalb der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen liegt. Ob man dem nun zustimmt oder nicht, diesem Ansatz folgend muss es dann konsequenterweise weiter bei ihm heißen, dass gerade darin der Sinn der Schule liegt: Den Schülern etwas zu zeigen, was sie nicht kennen, womit sie nicht vertraut sind, was sie womöglich nur in der Schule lernen können, aber nicht im Leben.

Was kann in der Schule vermittelt werden? Immerhin sind die Lebenswelten Siebenjähriger heute so unterschiedlich wie nie zuvor, entweder vollgestopft mit Dingen und Erlebnissen oder recht anregungsarm. Kaubes Idee von Schule richtet sich nicht an erster Stelle auf Inhalte. Die will er die Lehrer vor Ort selbst wählen lassen, als eine Form von Autonomie der Schule. Ihm geht es um die Herangehensweise.

Aus "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?" Die Schule muss die Schüler vor Schwierigkeiten stellen. Es darf nicht leicht sein zu erfüllen, was sie verlangt. Wenn alle Aufgaben von allen gleichermaßen gut gelöst werden, ist das ein schönes Ergebnis des Unterrichts – aber nur, wenn Probleme überwunden, wenn Konzentration nötig war, wenn Gedächtnis, Denken, Urteilskraft und Sprachvermögen eingesetzt werden mußten.“

Geht es um die endgültige Absage an die alte Paukschule? Nein, schreibt Kaube, denn Denken setze angeeignetes, geübtes Wissen voraus – nicht kurzfristig im Internet ergoogeltes. Zugleich bedauert er, dass die Schule den Sinn verloren hat für Wiederholung, Übung Einübung. Dass man ihr einfach die Zeit und die Ressourcen dafür genommen hat, darüber schreibt Kaube nichts.

Die Autorität der Lehrer

Cover zu Jürgen Kaubes Buch
Jürgen Kaubes Buch stellt eine provokante These auf. Bildrechte: Rowohlt Verlag

Nein, er mischt sich nicht ein in Bildungspolitik – Kaube geht es um Höheres, den Sinn von Schule. Einer Einrichtung, in der das Denken Vorrang hat, in der die Lehrer und das Lehren wichtig sind, ganz im altgriechischen Sinne. In Kaubes Ausführungen dazu wird aus dem Lehrer wieder eine Persönlichkeit, die lacht und weiß, dass über ihre Schuhe geredet wird, die Autorität hat, weil sie dem Kind an Lebens – und Alterserfahrungen weit voraus ist. Das alles liest sich schlüssig und fließend. Ohne Polemik. Bis sie dann plötzlich doch einsetzt. Wenn es nämlich um die geht, für die die Schule überhaupt veranstaltet wird. Den schülerzentrierten Unterricht etwa mag er so wenig, dass er das den Leser gleich an mehreren Stellen des Buches wissen lässt.

Wobei er schülerzentriert in zugespitzter Form verstanden haben will als "wenn die Schüler sich allein unterrichten". Wohl wissend, dass schülerzentriert ein sehr facettenreicher Begriff und selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Lernen in vielen Klassenzimmern längst erfolgreich ist – die Schüler lernen trotzdem oder gerade deshalb gut. Anders sieht das in der Lesart von Kaube aus.

Aus "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?" Der schülerzentrierte Unterricht ist eine Idee von Erwachsenen, die ihre Klientel als besonders kompliziert und autonom und partizipationsbedürftig darstellen, was ihre eigene Rolle aufwertet und zugleich von Belastungen ablenken will, indem man sie als vermeidbar darstellt.

"Reformpädagogische Gesänge"

Schüler sind Kinder – ist ein ganzes Kapitel überschrieben – und mit der Philosophin Hannah Arendt kommt der Autor Jürgen Kaube wieder zur  Bestimmung von Schule als einem Ort, der Kinder davor bewahren sollte, schutzlos ihren Impulsen ausgesetzt zu sei. Er begründet diese, erst mal verständliche Aussage, mit Blick etwa auf die unendlich viele Zeit, die Kinder vor Bildschirmen jeglicher Art verbringen. Was aber ist mit den Impulsen der Kinder, auf Entdeckungstour zu gehen, zu beobachten, zu erkunden, zu spielen – wie kann Schule damit umgehen? Was Jürgen Kaube nicht macht, ist, jedem Wenn ein Aber entgegenzusetzen. Der Leser muss dabei auch aushalten, mal von, wie er sie nennt, "reformpädagogischen Gesängen" zu lesen. Alles Ansichtssache.

Das alles aber kann nicht davon ablenken, was dieses Buch leistet. Denn es ist ein Buch der Besinnung in der oftmals so aufgebrachten Debatte über Schule und Bildung. Auf 300 Seiten nimmt Kaube die Leser mit – auch wenn sich dabei 50-60 Seiten aber auch gut und gerne überspringen lassen (z. B. die langen Abhandlungen über eine missglückte Rechtschreibreform). Doch Jürgen Kaube schafft es, unterhaltsam und verlockend im Stil, einzuladen, sich auf das Wesentliche zu besinnen: Auf das Wesen von Schule. Und es wäre tatsächlich blöd, sich darauf nicht einzulassen.

Angaben zum Buch Jürgen Kaube: "Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?"
Rowohlt Berlin, 2019
336 Seiten, 22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2019 | 14:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2019, 14:01 Uhr

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