Zum 70. Geburtstag Jürgen Kerth – Der Blues-König aus Erfurt

Drei seiner Bands, u.a. Rampenlichter, wurden in der DDR verboten - und doch machte Blues-Legende "Kerthe" immer weiter. Bis heute ist der begnadete Gitarrist ein Vorbild: Clueso coverte sein Lied "Nachts unterwegs". Zum 70. Geburtstag blickt Tatjana Kadegge auf das klangvolle Leben des Gitarristen zurück.

Er ist immer noch ziemlich fit, mit seinen 70 Jahren: Jürgen Kerth. Im Schloss zu Sondershausen fühlt er sich heimisch, hier glaubt er sich verwurzelt, denn: Seine Großmutter sei das Ergebnis eines tête-à-tête mit dem letzten Herzog. Ob das stimmt? Ein Fürstensohn wurde nicht aus ihm. Dafür ein König: Der König des Blues.

Bekannt wurde der gebürtige Erfurter in den 70er-Jahren mit seiner Gruppe Jürgen Kerth. In einem Interview mit dem DDR-Fernsehen wurde der Musiker damals gefragt, wie man mit so einer "speziellen Musik wie dem Blues, bei den jungen Leuten Gehör" finden könne. Seine Antwort: "Zurzeit ist der Trend sogar so, dass man mit Blues sogar sehr gut ankommen kann. Man könnte nur Blues machen und hätte heute volle Häuser."

Nicht zuletzt mit seinen Texten traf Kerth verlässlich die Herzen seiner Fans. Während seiner Karriere spielte er alles: Rock und Reggae, Jazz und Swing. Doch der Blues war wie eine Erleuchtung: "Für mich war Radio Wien der Auslöser. Sonntags gab es so eine Rocksendung - und da kam 'Rebel Rouser' von Duane Eddy."

Clueso, 2016
Der Erfurter Musiker Clueso hat drei Lieder von Jürgen Kerth gecovert. Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Ich habe das Gefühl, wenn er ein Solo spielt, er erzählt wirklich eine Geschichte. Entweder ist es der Tag oder es sind die Jahre oder es ist das, was er gerade fühlt auf der Bühne. Und man merkt das dann.

Clueso, Musiker

Ein Erfurter Urgestein

Geboren wurde "Kerthe" 1948 als uneheliches Kind. Im Erfurter Norden wuchs er auf, einem Arbeiterviertel. In einfachen Verhältnissen und zunächst allein unter Frauen, betreut von der Großmutter: "Ich wurde dahin verfrachtet", so Kerth. "Meine Mutter war wohl zu schwach, weil sie mich zu spät bekommen hat. Als 39-Jährige hat sie mich geboren, und da ging noch der Betrieb, den man ihr anvertraut hatte, die Gärtnerei Burau, den Bach runter."

Jürgen Kerth, Blues-Musiker aus Erfurt
Jürgen Kerth wurde am 19. Juli 1948 in Erfurt geboren. Bildrechte: DRA

Mit der Musik fing er im zarten Alter von 14 Jahren an: Er, der auf der Erfurter Sportschule den Turner gab, begann eine folgenreiche Freundschaft mit Hans-Jürgen "Gotte" Gottschalk. Der besaß sogar schon eine Gitarre. "Wir waren ja beide Geräteturner", erinnert sich Kerth. "Und da waren wir in der Umkleidekabine, da hat es so schön gehallt […] und wir haben da schön zweistimmig wie die Everly Brothers gesungen." Die zwei gründeten 1964 die Band Rampenlichter und erlangten schnell lokale Berühmtheit. Man war auf der Höhe der Zeit.

Man erschien natürlich in den entsprechenden Klamotten: Schwarze Hosen, enger gemacht von Oma, dazu Stiefel mit hohen Absätzen, was für so einen kleinen Mann wie mich natürlich sensationelle Mode war.

Wolfgang Beese, ältester Freund von Jürgen Kerth

In den 60ern wurde Kerth klar: Ich gehöre auf die Bühne. Als Laie in der DDR kein einfaches Unterfangen. Man musste sein Können regelmäßig vor einer sogenannten Einstufungskommission nachweisen. Karl "Karli" Naue bewertete in dieser Zeit mehrmals das Können des aufstrebenden Gitarristen: "Ich weiß es nicht, wie wir ihn eingestuft haben. Auf jeden Fall nicht schlecht. Er war ein Naturtalent auf der Gitarre."

Jürgen Kerth
Jürgen Kerth war in der DDR Vorbild für andere Gitarristen Bildrechte: Imago

Drei Mal in der DDR verboten

Drei Bands verschliss Jürgen Kerth in dieser Zeit - denn genau so oft wurde er verboten. So ging es nicht weiter. Der Profistatus musste her, und den bekam man nur durch eine ordentliche Ausbildung: "Da habe ich Musikschule gemacht und wurde immer schlechter. Herr Friedel möge es mir nachsehen, aber der kam ja von der Volksmusik, mit diesen Wechselschlägen. Ich wurde immer schlechter, immer gehemmter auf der Bühne. […] Da hab ich die Ausbildung abgebrochen und habe mich auf mich selbst verlassen." Die Prüfung auf der Musikschule bestand er 1971 trotzdem. Dann ging alles ganz schnell. Aus dem Lokalmatador Kerth wurde ein landesweites Gitarren-Idol.

Legendär waren die Konzerte, wir waren alle dabei. Er hat uns alle inspiriert. Er hat alle meine Freunde begeistert. […] Wir haben ihn alle verehrt, ihm nachgeeifert mit unseren Bands, Sachen von ihm gespielt. Er hat uns ganz schön beeinflusst.

Klaus Müller von Baczko, Gitarrist von Kirsche & Co.
eine Frau im Gespräch
Barbara Kerth hat Jürgen schon mit 14 Jahren kennengelernt Bildrechte: Savidas Filmproduktion

Der Durchbruch kam 1978. Es war seine Frau Barbara, die die richtigen Türen öffnete: "Wenn du da eine Kassette hingeschickt hast, haben sie sie dir wieder zurückgeschickt. Die von Amiga, die haben sich's gar nicht angehört. Und da bin ich einfach hin und [...] dann haben wir so ein bisschen was getrunken [...]. Dann hat er gesagt: Na gut [...] und im September machten wir eine Platte."

Nach dem Durchbuch bleibt Kerth bodenständig

Als der Erfolg kam, die TV- und Radioauftritte, die Plattenaufnahmen, da blieb der Thüringer der Provinz und seiner Heimatstadt Erfurt treu. "Wer richtig nach Berlin ist, [...] durfte meistens tagsüber aufnehmen und wir von abends um elf [...] bis frühs um fünf oder so, da haben wir die Nachttermine bekommen. Es ist auch manches Gutes entstanden, weil es eine andere Atmosphäre war, nachts aufzunehmen."

Kerth ist jemand, der jeden ernst nimmt, der Musik ernst nimmt.

Clueso, Musiker

Jürgen Kerth und seine Band waren Idole der ostdeutschen Blues-Szene. Tausende von jungen Fans pilgerten jedes Wochenende zu ihren Konzerten: Ein ganz bewusstes Zeichen gegen den Mief des DDR-Alltags. Die Konzerte wurden Inseln der Freiheit, und der Musiker hielt weitmöglichsten Abstand zum System. Da passt es gut, dass Kerth einen eher bescheidenen Lebensstil bevorzugt. Der Kleingarten der Familie gehört seit 1974 dazu. Der liegt, wie sollte es anders sein, im Erfurter Norden. Und für Kerth bildet er die Mitte der Welt: "Die haben früher gefragt: Warum haust du denn nicht ab in den Westen? Wegen den Kommunisten? - Ich sagte: Nee, wegen den Bäumen und Büschen meiner Kindheit. Das war für mich das halbe Leben, Lebensqualität, die richtigen Wurzeln."

eine Frau in einem Garten
Der Garten der Kerths in Erfurt-Nord Bildrechte: Savidas Filmproduktion

Kerths Texte wurden kritischer, er sang Zeilen wie "Hey, junge Mutti, warum schlägst du denn dein Kind?". "Gloriosa" sollte schließlich sein letztes Album in der DDR sein. Er war längst eine Legende. Hatte zweimal den Publikumspreis als bester Gitarrist der DDR gewonnen und galt mit seiner Band als begehrter Live-Gig. "Es gab ja wirklich Bands, die 10.000 Mark, manche unbegrenzte Gagen hatten, meistens die Berliner Bands", erzählt Kerth. "Wir hatten 1.500 Mark als Gage, und da hat mal einer von der KGD gesagt: Jürgen, wollt ihr nicht auch ein bisschen mehr haben? Da hab ich gesagt, ich will nur so viel wie ich selber verdiene, alles andere wäre Bestechung."

Ein Mann raucht Zigarre.
Jürgen Kerth raucht gern mal Zigarre Bildrechte: Savidas Filmproduktion

Er ist so der Columbo unter den Musikern: Allein, wenn man in sein Auto einsteigt, kriegt man mit, welchen Lifestyle er hat. Da ist aus jeder Epoche seines Lebens irgendein kleines Andenken. Und sein Haus sieht auch aus wie ein kleines Museum. Das finde ich schon geil, das ist eine gewisse Haltung.

Clueso

Die große Liebe: Migma

ein Musiker auf der Bühne
Kerths legendäre Gitarre, die Migma, besitzt er bereits seit 1966 - ihr widmete er sein Lied "Ich liebe die eine" Bildrechte: Savidas Filmproduktion

Eines seiner schönsten Lieder hat er ihr gewidmet: Seiner Gitarre, Marke Migma, gekauft 1966 für 500 Ost-Mark. Sie ist Teil der Legende Jürgen Kerth. Beide sind miteinander verwachsen. Ohne die alte Migma wäre Kerths Musik eine völlig andere. Da ist er sich sicher. Und wo immer er mit der "Einen" hinkommt, sorgt das Instrument für großes Staunen.

ein Mann im Gespräch
Jürgen Kerth im Interview Bildrechte: Savidas Filmproduktion

Das Instrument spielt den Musiker. Die [Migma] ist so eingestellt, nicht so verzerrt, wie die ganzen High-Tec-Gitarren jetzt, die spielen ja fast von alleine. [...] Hier muss man die Töne erkämpfen. Die haben einen Anfang und ein Ende. [...] Das hat dann Charakter.

Jürgen Kerth, Musiker

Sehnsuchtsort Florida - fast wie Thüringen

Nach dem Fall der Mauer wollte besonders Kerths Frau Barbara einiges nachholen: Die beiden fanden ihren amerikanischen Traum. Jeden Winter verbringt das Paar drei Monate in Florida, seiner zweiten Heimat. "Ich habe gesagt, ich will nicht nach Westdeutschland, ich will nach Amerika", so Barbara Kerth. "Das war immer unser Sehnsuchtsort, und die Musik, die Musik!"

Menschen am Strand
Mit Florida haben Barbara und Jürgen Kerth ein zweites Zuhause gefunden. Die Blues-Szene hier empfing den begnadeten Gitarristen aus East Germany mit offenen Armen. Bildrechte: Savidas Filmproduktion

Florida erinnere ihn an Thüringen, meint Kerth oft - und wenn man ihn dort so erlebt, versteht man, warum. Es ist die Neugier und die Offenheit der Leute, die Kerths Wesen genau entsprechen. Und immer wieder zieht es ihn auf die Bühne. Er, der Ost-Blueser, spielt eine Gitarre, die man auch im Geburtsland des Rhythm and Blues durchaus zu schätzen weiß. Und er liebt das Raunen und die Schwingung im Raum nach den ersten gespielten Takten.

Auf jeden Fall [spielt er] immer mit einer Ruhe, mit Liebe. […] So ist er auch mit den Mitmusikern. Er ist sehr einladend, es ist sehr einfach, mit ihm zusammen zu musizieren.

Stefan Kerth, Sohn von Jürgen Kerth und ebenfalls Musiker

Jürgen Kerth, der die Welt durchaus mit der Gelassenheit des Alters betrachtet, kann es noch immer nicht lassen: Er nutzt jede Gelegenheit, um eine Bühne zu entern. Und das mit großer Spielfreude, die man dem älteren Herrn auf den ersten Blick eher nicht zutraut. Die große Musikerkarriere hat den Blues-Mann aus Erfurt nie interessiert. Er ist ein Meister der Gelassenheit, der sich von niemandem antreiben lässt. Bescheiden und ohne Allüren.

Die Jürgen Kerth Band erleben: Seit 15 Jahren ein fester Termin: Die Eröffnung der Open Air-Saison in der Erfurter Heiligen Mühle durch die Jürgen Kerth Band, meist Mitte Mai.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 19. Juli 2018 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2018, 04:00 Uhr

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