Sprache im Wandel Wie Jugendliche die Sprache erneuern

"Random", "fail" oder "creepy" – Keine Ahnung, was das heißt? Das ist Jugendsprache. Und die ist besser als ihr Ruf, auch wenn sich Erwachsene scheinbar schon immer über den Niedergang der Sprachkultur durch Jugendliche aufgeregt haben. Sprachexperte Peter Schlobinski, seit 2015 Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache, hält dagegen: Für ihn sind junge Menschen Erneuerer der Sprache. Im Interview erklärt er warum.

Ein junges Mädchen. 1 min
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MDR KULTUR: In der deutschen Sprache gibt es viele englische Begriffe. Besonders oft scheinen diese bei den Unter-30-Jährigen vorzukommen. Wie kommt das?

Peter Schlobinski: Wir reden über das Phänomen der Anglizismen. Und in der Tat ist es so. Wenn wir uns Anglizismen ansehen, gibt es drei Bereiche: Wirtschaft/Marketing/Werbung ­– dann die Technik/Internet – und dann tatsächlich Jugendkulturen. Und das hängt in erster Linie damit zusammen, dass Mitte der 50er-, 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts die anglophone Musikkultur einen sehr großen Einfluss auf die deutschen Jugendkulturen hatte. Und entsprechend wurden dann englische Wörter übernommen und mehr oder weniger stark in das deutsche System integriert.

Ist also in der Jugendsprache der Englischanteil besonders hoch?

Also zumindest was die Anglizismen betrifft. Wir haben eben einfach bestimmte Begriffe, die eine Rolle spielen: zum Beispiel im Hip Hop oder Rap. Ich gebe mal einfach ein Beispiel wie "biten" im Sinne von "abkupfern". Oder, was wir alle kennen, was sich bis in die Umgangssprache durchgesetzt hat: "chillen" von "to chill out", da gibt es noch die "Chillout-Party".

Man sieht, dass bestimmte Begriffe übernommen werden – teilweise in bestimmten Jugendgruppen, in Szenen bleiben und nicht weiter vordringen. Und andere dringen bis in die Umgangssprache vor: "dissen" zum Beispiel, "chillen" … das sind neuere Entwicklungen.

"Denglisch" auf der einen Seite und die Jugendsprache auf der anderen Seite – gibt es da Unterschiede?

Ich kann mit diesem Begriff "Denglisch" überhaupt nichts anfangen und weiß auch ehrlich gesagt nicht genau, was das sein soll. Als Sprachwissenschaftler reden wir wirklich einfach von Anglizismen. Und die gibt es in vielfältiger Art und Weise – und eben gehäuft besonders stark in Jugendkulturen. Weil natürlich junge Menschen auch besonders innovativ sind. Die spielen mit der Sprache, sie nutzen sprachliche Ausdrücke, wandeln die ab. Gerade diese Kreativität führt auch dazu, dass man in stärkerem Maße dann auch auf Anglizismen zurückgreift.

Frankreich hat vor einigen Jahren mal versucht, den Einfluss des Englischen per Gesetz einzudämmen. Verkommt die deutsche Sprache vielleicht ein bisschen, indem sehr viele fremde Einflüsse Einzug halten?

Ich sehe das auch unter dem Aspekt von sprachlicher Variation und Sprachwandel. Verrohung ist ja praktisch eine Bewertung. Wir behaupten einfach, dass bestimmte englische Wörter etwas Negatives sind. Das sehe ich nicht so. Und gerade das Deutsche hat eine reiche Tradition, Fremdwörter in den Wortschatz zu integrieren.

Was die Grammatik betrifft, gibt es relativ wenige Phänomene. Die Grammatik ist immer doch recht stabil im Vergleich zum Wortschatz. Der Einfluss der englischen Sprache im Sinne von Entlehnung ist wirklich primär im Bereich des Wortschatzes.

Ein zweiter Bereich, wenn man überhaupt darüber noch reden wollte, ist der Einfluss des Englischen als eine Art funktionale Verkehrssprache im Bereich der Wirtschaft und im Bereich der Wissenschaft. Aber das ist wirklich ein anderes Thema, was immer ein bisschen vermischt wird mit den Anglizismen.

Hat das auch Einfluss auf die sogenannte Hochsprache, also die Grundform des Deutschen? Wird sie auch beeinflusst durch den Einfluss des Englischen?

Zwei Jugendliche sitzen auf einer Treppe und schauen in ihre Smartphones
Der alltägliche Gebrauch von Smartphones prägt auch die Sprache. Bildrechte: imago/allOver-MEV

Auf jeden Fall. Gerade im technischen Bereich. Wenn wir uns mal die Entwicklung von Computer und Internet ansehen, dann sehen wir da viele Begriffe: "whatsappen" zum Beispiel oder "downloaden", die fest im deutschen Wortschatz integriert sind. Das ist dann fast so eine Art Fachwortschatz auf der einen Seite, auf der anderen Seite spielen natürlich die sozialen Medien eine große Rolle, die auch entsprechend Entwicklungen beschleunigen.

Und in den sozialen Medien sind gerade junge Leute immer die sogenannten "Early Adopters", die immer wieder neue Sachen aufnehmen, auch sprachlich. Und das wird dann entsprechend sehr schnell multipliziert durch die sozialen Netzwerke und kann sich dadurch entsprechend verbreiten. Nicht nur in Deutschland, sogar international.

Viele Jugendliche sind vom Englischunterricht eigentlich gar nicht so begeistert – und dennoch verwenden sie in ihrem Alltagsgebrauch mit einer großen Begeisterung Anglizismen. Woran liegt das?

Schule und Unterricht ist das eine und die Kultur, die, in der ich mich bewege – meinetwegen Hip Hop, House, Techno, was auch immer – das ist das andere. Aber was auch noch eine Rolle spielt, ist, dass man natürlich gar nicht immer weiß, dass das aus dem Englischen kommt. Und manche Begriffe, wenn man mal Jüngere fragt, zum Beispiel zu dem Wort LOL, woher das eigentlich kommt, dann wüssten die Wenigsten, dass das eigentlich ein Anglizismus ist, der zurückgeht auf die Abkürzung "Laughing Out Loud" und sich schon in den 90er-Jahren in der Internetkommunikation entwickelt hat. Das Entscheidende ist, dass man immer bestimmte Wörter gebraucht und sich eigentlich über die Herkunft und Bedeutung keine großen Gedanken macht.

Gibt es eigentlich grundsätzliche Unterschiede zwischen Ost und West? Im Westen gehörte ja der Englischunterricht zum Standard, im Osten war es oft fakultativer Unterricht oder wurde in manchen Schulen gar nicht angeboten. Stellt man da Unterschiede im Zugang zu diesen Anglizismen fest?

Da gibt es leider keine wirklich systematischen Untersuchungen, deswegen will ich da vorsichtig sein. Aber was man sicherlich sagen kann ist, dass Stadt/Land eine große Rolle spielt. Städtische Zentren, wo sehr viele junge Leute sind, die in Szenen leben, da finden wir stärker Innovationen als auf dem Land. Da gibt es auch entsprechende Untersuchungen, wo dann stärker auch noch Dialekt eine Rolle spielt. Und in den Städten dann bestimmte Umgangssprachen und so subkulturelle und teilkulturelle Milieus, wo dann auch Anglizismen eine stärkere Rolle spielen.

Nochmal zum Ost-West-Faktor. Das ist eine interessante Frage. Ich persönlich glaube, habe aber keine Belege dafür, dass da doch auch Unterschiede sind. Aber, wie gesagt, es gibt keine Untersuchung, die das wirklich systematisch belegt.

Das Interview führte André Sittner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2019, 04:00 Uhr

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