Ein Mann hockt vor einer Mauer und raucht
Genau wie sein Vater, Steve Earle, hat Justin Townes Earle eine schwierige Vergangenheit – Drogen und Gefängnis mit inbegriffen. Bildrechte: New West Records

Album "The Saint of Lost Causes" Justin Townes Earle hat den Funk und Blues im Blut

Es ist ein neues Kapitel des großen Buches: Ein Sohn steigt in die musikalischen Fußstapfen des Vaters und macht ihm auch ansonsten viel nach. Die Rede ist von Justin Townes Earle, dem Sohn von Steve Earle. Während der Vater nach seiner wilden Zeit mittlerweile als Musiker, Romanautor und Schauspieler erfolgreich ist, hat Sohn Justin mit 37 längst seine musikalische Sprache gefunden und legt jetzt sein achtes Album vor: "The Saint of Lost Causes". Eine Albumkritik.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikkritiker

Ein Mann hockt vor einer Mauer und raucht
Genau wie sein Vater, Steve Earle, hat Justin Townes Earle eine schwierige Vergangenheit – Drogen und Gefängnis mit inbegriffen. Bildrechte: New West Records

Die einzige Chance gegen seinen Vater zu rebellieren, wäre, Republikaner zu werden – so sagte Justin Townes Earle in einem Interview. Er schleppt mehr als nur einen schweren Gitarrenkoffer mit sich herum. Als Sohn des ewigen Country-Außenseiters Steve Earle hätte er schon Bankbeamter werden müssen, um den Vater aufzuschrecken – denn der alte Earle hat Drogen konsumiert, wie kein anderer, viel Zeit im Gefängnis und im Entzug verbracht. Justin Townes Earle entschied sich für die Flucht nach vorn und dazu, das Erbe des Vaters anzutreten. Dazu gehörten: Musik, Drogen, Gefängnis. Seit einiger Zeit ist JTE clean, nachdem er nach einer Schlägerei mit einem Club-Besitzer in Indianapolis im Gefängnis landete. "The Saint of Lost Causes" heißt das neue Album des Rebellen.

Gebrochene Herzen, Grabsteine, leeren Flaschen

Auf einem Albumcover ist eine Christusfigur abgebildet.
"The Saint of Lost Causes" ist das bereits achte Album von Justin Townes Earle. Bildrechte: New West Records

Die Stimme von Justin Townes Earle klingt nach tiefen Verletzungen. Immer wieder thematisiert er seine Kindheit – zuletzt in den beiden Alben "Single Mothers" und "Absent Fathers". Aber JTE ist auch kämpferischer geworden, bezieht sich auf alte Blues-Helden wie Son House und auf Bo Diddley. JTE klingt, als hätte er den Funk ebenso im Blut wie den Blues. In den Texten wimmelt es nur so von gebrochenen Herzen, Grabsteinen und leeren Flaschen. Zwischendurch gibt es mal eine kleine Rockabilly-Einlage. Rockabilly (so nennt sich die Art, mit der weiße Musiker in den 50er-Jahren in den US-Südstaaten schwarzen Rhythm & Blues mit weißem Country kombinierten).

Auf dem musikalischen Niveau seines Vaters?

Ein Mann sitzt im Tonstudio am Pult und blickt nachdenklich in die Kamera
Justin Townes Earle ist Jahrgang 1982. Sein zweiter Vorname ist eine Verneigung seines Vaters vor dem Songwriter Townes Van Zandt. Bildrechte: New West Records

JTEs Stimme klingt schon mit 37 Jahren brüchiger als die seines Vaters – seine Band hingegen wie eine gut geschmierte Maschine, die die ganze Bandbreite des Americana beherrscht. Dafür sorgt nicht zuletzt die Pedal-Steel-Guitar von Paul Niehaus, der sonst zur festen Besetzung von Lambchop gehört.

Die Musik der Appalachen und die Arbeiterlieder Amerikas hat JTE mit der Muttermilch bekommen. Er kocht diese traditionelle Musik mit etwas Blues, Country und Soul auf – wie sein Vater es früher mit den Drogen machte. In etwa so gehen die Lieder von Justin Townes Earle direkt ins Ohr und ins Blut. Es gibt verzweifelte Lieder, in denen wie so oft die Mutter eine Rolle spielt, genau wie Weitermach-Hymnen mit dem typischen Johnny-Cash-Boom-Shaka. Mit seinem achten Album erreicht Justin Townes Earle das musikalische Niveau seines Vaters – mindestens.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2019, 04:00 Uhr