Kakaobohnen
Rohkakao macht glücklicher als bisher bekannt Bildrechte: IMAGO

Süßer Rausch Rohkakao - die neue (Ersatz)Droge?

Schokolade macht bekanntlich glücklich. Neuerdings findet man Kakao auch auf Partys und in speziellen Workshops: Denn Rohkakao soll unter bestimmten Umständen noch glücklicher machen als bisher bekannt. Kakao also statt Alkohol und Drogen? Wird man von Kakao wirklich "high"? MDR KULTUR-Autorin Martina Weber wollte es wissen und hat Menschen auf dem Weg zum süßen Rausch in Leipzig begleitet.

Kakaobohnen
Rohkakao macht glücklicher als bisher bekannt Bildrechte: IMAGO

Ich dachte tatsächlich, dass Kakao ein Synonym ist für eine Droge, die man auf öffentlichen Plattformen nicht kommunizieren darf. Und hab dann gelesen, dass es tatsächlich nur um Kakao geht und fand es super spannend. Ich hatte eigentlich null Erwartungen. Und habe mich einfach überraschen lassen.

Julia, Kakao-Workshop-Teilnehmerin

So erinnert sich Julia, die an einem Kakao-Workshop teilnimmt. Eingewickelt in Decken und mit Kissen gepolstert, hat es sich die 31-Jährige an einem Samstagnachmittag mit ihrem Freund Benjamin neben einem Ofen gemütlich gemacht. Der Raum in einem ehemaligen Industriegebäude im Leipziger Westen ist in gedämpftes Licht getaucht, es riecht nach Bitterschokolade und Räucherholz. Die Augen sind auf den großen Topf in der Mitte des Raumes gerichtet. Aus ihm wird jetzt ein öliges Getränk in eine Tasse geschöpft.

Mit Rohkakao auf schamanische Reisen gehen

Kakao-Baum
So wachsen Kakaobohnen Bildrechte: alltours

Etwa 30 Menschen haben sich zu einem Kakao-Workshop versammelt – oder wie es in der Beschreibung heißt: Zu einer gemeinsamen schamanischen Reise. Die Reisebegleiter: 40 Milligramm rohes Kakaopulver pro Tasse, welches mit Wasser sowie Chili und Zimt aufgekocht wird. Diese sollen den Weg zum höheren Bewusstsein ermöglichen sowie Glücksgefühle jenseits vom profanen Schokoladenessen erzeugen. Die Idee, Kakaotrinken in Verbindung mit Meditation und Klangreisen als Workshop anzubieten, kam dem Musiker und Kakao-Workshop-Leiter Steffen Kirchhoff vor einem Jahr in Berlin, als er selbst eine Kakao-Party erlebte:

Das Thema der Party war Shameless, also 'Schamlos', und ich wusste gar nicht, was mich erwartet. Und die Wirkung von Kakao hat mich echt umgehauen. Wir haben davor meditiert, und dann ging die Musik los, die Leute haben mitgesungen und mitgetanzt. Es war genau das, wonach ich gesucht habe. Und ich wusste dann, dass Kakao eine große Rolle in meinem Leben spielen würde.

Steffen Kirchhoff, DJ und Kakao-Workshop-Leiter

Durch Röstung und Fermentation gewonnene Kakaomasse

Kakao beim Yoga, Kakao beim Meditieren, Kakao auf Partys – in Berlin hat es das Superfood aus dem Einkaufsregal bereits auf die Tanzfläche geschafft. Auf Elektropartys bringen sich Menschen mit Rohkakao in Feierstimmung – statt mit Alkohol und chemischen Drogen. Und damit ist nicht das mit Zucker und Milch verarbeitete Süßgetränk gemeint, sondern eine durch Röstung und Fermentation gewonnene Kakaomasse, die angeblich Superkräfte und eine Portion Liebe enthält. Die Wirkungen, die dem Kakao zugeschrieben werden, sind extrem vielfältig. Doch "drauf sein auf Kakaobohne" – funktioniert das tatsächlich?

Theobromin ist der Schlüssel zum Rausch

Tatsächlich ist es so, dass das Theobromin eine aufputschende Wirkung hat, ähnlich wie das Koffein; das ist dem auch chemisch recht verwandt. Man muss auch eine ganze Menge zu sich nehmen, damit es eine Wirkung hat.

Martin Freiberg, Tropenökologe
Theobromin
Theobromin macht die Wirkung Bildrechte: IMAGO

Je dunkler und bitterer die Schokolade, umso größer sei der Anteil an Theobromin und folglich die euphorische und aufputschende Wirkung, weiß Martin Freiberg, Tropenökologe und wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens in Leipzig. Wenn man das mit einer normalen Schokolade erreichen wollte, müsste man drei, vier Kilogramm essen und würde erhebliche Verdauungsprobleme bekommen. Wenn man reine Kakaosamen zu sich nimmt, reicht schon erheblich weniger: 100 oder 120 Gramm.

Mit Kakao zurück in den Urzustand?

heiße Schokolade
Theobromin: Mehr als nur eine Tasse Kakao trinken Bildrechte: colourbox.com

Zurück zum Kakao-Workshop: Am DJ-Pult schiebt Steffen Kirchhoff die Regler hoch. Elektroklänge und tiefe Bässe erfüllen den Raum. Der Topf mit dem Kakaogebräu ist leer, die Tanzfläche dafür voll. Wo Kissen und Decken lagen, schunkeln nun die Menschen hin und her, andere wirbeln durch den aufgeheizten Raum. Manche fallen sich in die Arme, tanzen eng miteinander, zum Teil mit geschlossenen Augen.

Letztendlich führt uns Kakao in unseren Urzustand zurück. Verbindet uns mit Eigenschaften, die uns vielleicht etwas verlorengegangen sind, wie unsere Intuition, wie unser Herz- und Bauchgefühl. Richtet die Wahrnehmung einfach nach innen.

Steffen Kirchhoff , DJ und Kakao-Workshop-Leiter

Kakao entspricht also bei einigen Leuten dem Bedürfnis nach einem gesunden Lebensstil, zu dem Alkohol und harte Drogen nicht passen. In der Partyszene drückt der Genuss von Kakaobohnen wohl den Wunsch nach Nähe zu anderen Menschen und nach einem gesunden Rausch aus. Den Teilnehmern geht es darum, die Gemeinschaft zu zelebrieren, statt allein auf der Tanzfläche im Stroboskoplicht zu tanzen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2017 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2017, 11:00 Uhr