Gay Pride Feier in Paris.
Die internationale LGBTQ-Fahne. Bildrechte: Getty Images / Aurelien Meunier

Vor 25 Jahren Als Homosexualität entkriminalisiert wurde

Es gibt Worte, deren verschwinden man nicht bedauern muss. 175er gehört dazu. Ein Schimpfname aus der Zeit, da die männliche Homosexualität, und nur die männliche, noch unter Strafe stand. Festgehalten seit 1871 im Bürgerlichen Gesetzbuch unter Paragraph 175. Heute vor 25 Jahren wurde der Paragraph abgeschafft. Ein Kalenderblatt von Hartmut Schade.

Gay Pride Feier in Paris.
Die internationale LGBTQ-Fahne. Bildrechte: Getty Images / Aurelien Meunier

Sex unter Männern – im Osten Berlins kein Problem. Im Westen strafbar. Nicht nur vor, sondern auch nach dem Mauerfall. In der DDR wurde der Paragraph 175 schon 1968 gestrichen. In Bonn hingegen herrscht Handlungsbedarf. Während beim Paragraph 219 über Schwangerschaftsabbrüche das restriktive Westrecht in den Osten ausgedehnt wird, zeigt sich der Gesetzgeber bei den Schwulen liberal und macht es andersherum.

Volker Beck
Volker Beck von Bündnis 90/Die Grünen. Bildrechte: IMAGO

Grünen-Politiker Volker Beck, im Jahr 1994 Vorstand des "Schwulenverbandes Deutschland", spricht damals von einer historischen Stunde für die Schwulen in Deutschland, "weil damit ein Schlussstrich unter 123 Jahre strafrechtliche Homosexuellenverfolgung in Deutschland gezogen wurde."

Historische Verfolgung

Schon die Bibel lehnte die "widernatürliche Unzucht" unter Männern ab. In Kaiser Karls "Constitutio Criminalis" von 1532 heißt es: "So ein Mensch mit einem Viehe, Mann mit Mann, Weib mit Weib, unkeusch treiben, die haben auch das leben verwirckt, und man soll sie mit dem Feuer vom Leben zum Todt richten." Dreieinhalb Jahrhunderte später werden die Frauen aus dem Gesetz gestrichen. Da heißt es dann nur noch: "Widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen."

Einige tausend Männer werden aufgrund des Paragraphen 175 alljährlich verurteilt. Die Nazis verschärfen das Gesetz. Schon Küssen und Händchenhalten reichen aus, wegen "widernatürlicher Unzucht" ins KZ oder den Knast zu kommen. Der verschärfte Paragraph 175 gilt nach 1945 weiter. Im Westen. Im Osten nur die alte kaiserliche Variante. Ab 1968 steht die Homosexualität unter Erwachsenen in der DDR gar nicht mehr unter Strafe.

Sittenpolizei und Überwachung

Zwei Männer halten sich an den Händen
Noch vor 25 Jahren unter Strafe: Männliche Homosexualität. Bildrechte: colourbox

Im Westen macht die Sittenpolizei derweil weiter Jagd auf Schwule. Manfred Schreiber erinnert sich, wie es auch noch in den 1980er-Jahren verdeckte Beobachtungen gab. Da sei von den Homosexuellen aufgedeckt worden, dass es in einer Bedürfnisanstalt durchsichtige Spiegel gab. "Dahinter saß dann die Polizei und hat die Leute beobachtet."

Manfred Schreiber wird einmal zu 500 Mark Strafe verurteilt. Auch Fahrerlaubnisentzug und Entlassung gehören neben Gefängnis zu den gängigen Strafen. Noch 1984 wird der General und stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Günther Kießling wegen angeblicher Homosexualität als Sicherheitsrisiko entlassen. Alles mit höchstrichterlicher Erlaubnis.

Legitimiert durch das Bundesverfassungsgericht

1957 stellt das Bundesverfassungsgericht fest: "Paragraph 175 folgende verstoßen nicht gegen das Grundrecht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit da homosexuelle Betätigung gegen das Sittengesetz verstößt und nicht eindeutig festgestellt werden kann, daß jedes öffentliche Interesse an ihrer Bestrafung fehlt."

Im Zuge der sexuellen Revolution und Libertinage zeigt die Bevölkerung immer weniger Interesse an einer öffentlichen Bestrafung. Und da nach der Einheit der Gesetzgeber zum Handeln gezwungen ist, wird 1994 der Paragraf 175 gestrichen. Ein erster Schritt, sagt Volker Beck damals.

Wir wollen nach der strafrechtlichen Entdiskriminierung die zivilrechtlichen Gleichstellung in allen Lebensbereichen erreichen.

Volker Beck nach der Abschaffung des Paragraphen 175

Diesmal dauert es nicht 123 sondern nur 23 Jahre, bis Schwule auch heiraten dürfen.

Mit Konfetti bejubeln die Fraktionsmitglieder von Bündnis 90/Die Grüne am 30.06.2017 im Bundestag in Berlin das Ergebnis nach der Abstimmung zu Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts.
Die Grünen-Fraktion 2017, nach dem Beschluss zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2019 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2019, 10:32 Uhr

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