Sowjetische Soldaten sitzen 1989 auf ihren Panzern vom Typ T-64
Sowjetische Soldaten sitzen 1989 auf ihren Panzern vom Typ T-64 Bildrechte: dpa

Sachbuch Spannend wie ein Krimi: "Der Kalte Krieg"

Die Konflikte des Kalten Krieges betrafen die ganze Welt, egal ob Kuba-Krise, Vietnam-Krieg oder Putsch in Chile. Das macht der Experte Odd Arne Westad in seinem spannenden Sachbuch "Der Kalte Krieg" deutlich.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Sowjetische Soldaten sitzen 1989 auf ihren Panzern vom Typ T-64
Sowjetische Soldaten sitzen 1989 auf ihren Panzern vom Typ T-64 Bildrechte: dpa

Odd Arne Westads Buch "Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte" ist ein Trumm von einem Buch, 763 Seiten. Es ist aber auch nicht weniger als die Geschichte eines weltumspannenden Phänomens. Die Konflikte des Kalten Krieges betrafen die ganze Welt, und sie trugen sich zu auf der ganzen Welt. Die Ereignisse, die vor unserer Haustür spielten – das geteilte Deutschland war ja gewissermaßen eine Hauptbühne des Kalten Krieges –, sind eben nur ein kleiner Teil der Geschichte. So wichtig sie sein mögen, drängen sie ein bisschen in den Hintergrund, dass die beiden Supermächte, die hinter den beiden Blöcken des Kalten Krieges standen, überall auf der Welt mitmischten. Die Kuba-Krise 1962 hat fast zu einem atomaren Krieg geführt, der Vietnam-Krieg war ein klassischer Stellvertreterkrieg der Supermächte, Korea, Afghanistan, der Putsch in Chile und vieles andere mehr. Dieses Buch stellt die globalen Zusammenhänge her, und zwar auf so spannende Weise, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, trotz seiner 763 Seiten. Dabei fasst sich Westad eigentlich kurz, im Vorwort entschuldigt er sich dafür, dass er nicht immer ausführliche Zitate und Quellen in den Fließtext eingefügt hat, weil er sonst mehrere Bände benötigt hätte.

Vom 19. Jahrhundert bis heute

Westad geht bei der zeitlichen Definition des Kalten Krieges deutlich weiter zurück, als er im engeren Sinn dauerte, von der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 bis zur Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991. Diesem Zeitraum fügt Westad durch den Blick auf das ausgehende 19. Jahrhundert etwas hinzu, und am Ende des Buches widmet er auch ein kleines Kapitel der Zeit nach dem Kalten Krieg an – dem Heute. Auch heute ist ja teilweise die Rede davon, dass wir uns vielleicht schon wieder in einem neuen Kalten Krieg befinden. Oder in einem Kalten Frieden, wie es der Diplomat Horst Teltschik jüngst in seinem Buch ("Russisches Roulette. Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden") nannte.

Zwei Supermächte ringen um die Vorherrschaft auf der Welt

Odd Arne Westad "Der Kalte Krieg"
Bildrechte: Klett-Cotta Verlag

Der Blick zurück ins 19. Jahrhundert ist überaus erhellend für das Verständnis des Kalten Krieges. Das Buch nennt dafür mehrere Gründe. Der erste ist: Sowohl Russland als auch die USA sind am Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Weg zu Weltmächten. Die Amerikaner vor allem wirtschaftlich, da sind sie Russland deutlich voraus. Ihre Stahlproduktion zum Beispiel vervielfachte sich innerhalb kürzester Zeit. Beide Staaten aber eint, dass sie damals eine expansive Politik betreiben. Beide werden Weltreiche, Imperien, die von einem Ozean zum anderen reichen, und mit der schieren Größe wuchs auch der Wille, weltpolitisch eine größere Rolle zu spielen. Der zweite Punkt ist, dass mit dem Ende des 19. Jahrhunderts weltweit verschiedene Bewegungen, von den Gewerkschaften über Marxisten bis zur Frauenbewegung, immer stärker Kritik am Kapitalismus äußerten und dieses System unter Druck setzten. Diese Widerstände beschreibt Westad sehr nachvollziehbar als Vorstufe des späteren Wettstreits der Systeme. Spätestens mit Gründung der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution ist schließlich die bipolare Welt aus zwei Supermächten und zwei miteinander um die Vorherrschaft auf der Welt ringenden Systemen entstanden, die den Kalten Krieg später definieren wird.

Deutschland als Teil der Weltgeschichte

Deutschland spielt in Westads Buch keine herausgehobene Rolle, es gibt kein Kapitel, dass sich speziell Deutschland widmet. Er bezieht Deutschland für jede historische Phase mit in seine Weltgeschichte ein, erzählt Deutschland Ost und West immer mit, wenn er globale Entwicklungen schildert, macht es aber nie zum Zentrum. Der gesamte Mauerfall findet auf wenigen Seiten statt. (Speziell zum Thema Kalter Krieg in Deutschland gibt es in der ARD-Mediathek die 3-teilige Dokumentationsserie "Deutschland im Kalten Krieg" zu sehen).

Keines der Systeme ist perfekt

An Westads Buch fällt auf, dass der Autor angenehm unideologisch argumentiert. Er bleibt immer Historiker und ergreift nicht Partei, wie wir es in den letzten Jahren in zahlreichen Büchern zur jüngeren Geschichte erlebt haben, etwa in Timothy Snyders "Der Weg in die Unfreiheit". Westad fällt nie in eine Art Siegerperspektive, im Gegenteil, er kritisiert sie indirekt, indem er den Amerikanern eine Art "Triumphalismus" zuschreibt, mit dem sie nach dem Kalten Krieg im Grunde politisch so weitermachen wie zuvor. Zugleich benennt er gnadenlos, was Russland nach dem Ende der Sowjetunion ruiniert hat. Am Ende findet Westad eine schöne Metapher dafür, dass eben keines der Systeme perfekt ist. Er schreibt, es sei wie beim Autokauf: Er hätte gerne etwas von einem Volvo, etwas von einem Ford und etwas von einem Toyota. Aber das gibt es leider nicht. Und so war es für die meisten Menschen mit dem Kalten Krieg: Sie mussten nehmen, was sie kriegen konnten.

Ein sympathisches, sehr lesenswertes Buch.

Informationen zum Buch Odd Arne Westad:
"Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte".
Erschienen bei Klett-Cotta,
763 Seiten lang, erhältlich für 34 Euro.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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