"Der Laden lässt sich nicht mehr zusammenhalten." Wenzels Kamenzer Rede über eine zerfaserte Gesellschaft

Woher rührt das Unbehagen am gegenwärtigen Zustand unserer Kultur und Gesellschaft? Dazu äußerte sich der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel in seiner Kamenzer Rede, die er im September in Lessings Geburtsstadt hielt.

Kultur

Hans-Eckart Wenzel hält 6. Kamenzer Rede mit dem Titel DIE MISSLUNGENE ERZIEHUNG DES MENSCHENGESCHLECHTS in der Klosterkirche und Sakralmuseum Sankt Annen in der Lessingstadt Kamenz. 71 min
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Mit genauem Blick und scharfer Zunge analysiert Wenzel unsere Gegenwart. Normalerweise teilt er seine Befunde als Liedermacher mit. Auf Einladung der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption in Kamenz, der Geburtsstadt Gotthold Ephraim Lessings, hat er das Genre gewechselt und am 10. September 2019 in der Kirche St. Annen die nunmehr sechste Kanzelrede gehalten. Ausgangspunkt dabei ist für alle zu Wort gebetenen Autorinnen und Autoren die Idee, "die Gedankenwelt Lessings als Angebot für Analyse und Beantwortung gegenwärtiger Probleme und Fragen zu entdecken".

Habgier und fehlende Mitmenschlichkeit

Für Wenzel lag es auf der Hand, sich auf Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" zu beziehen und nicht nur darüber nachzudenken, sondern auch präzise zu formulieren, woher das Unbehagen am gegenwärtigen Zustand unserer Kultur und Gesellschaft rührt.

"Der Laden lässt sich nicht mehr zusammenhalten." formuliert Wenzel zu Beginn seiner Rede und beschreibt: "Als hätten die Teile nichts miteinander zu tun, monologisieren Akteure und Phänomene, Parteien, Lobbyisten, Bürger, Wutbürger, Reichsbürger und Bürgerwehren, Fangruppen und Impfgegner, Nazis und Naturfreunde, Auto- und Radfahrer – allenthalben gründen sie neue, hochgerüstete Kleinstaaten mit Propagandaministerien und imperialem Habitus. Aufgeputscht durch die eigene Meinung im Sound der Echoräume. Unsere Hilflosigkeit gegenüber diesem Zerfransen der Welt offenbart, wie sehr uns das Instumentarium der Vernunft abhanden gekommen ist." Hans-Eckardt Wenzel fördert einiges zu Tage – von fehlender Mitmenschlichkeit über haltlose Habgier bis hin zur gewissenlosen Ausbeutung unserer Ressourcen.

Die Kamenzer Kanzelrede

Lessings Geburtsstadt Kamenz fühlt sich dem Erbe des Dichters der Aufklärung verpflichtet, darunter auch seinem Toleranzkonzept. Ein Ansatz dafür ist die Kamenzer Kanzelrede. Die erste hielt Friedrich Schorlemmer am 11. September 2014 über "Die Chancen der Aufklärung und die Fallen des Fundamentalismus". Weitere Redner in der Kamenzer Kirche St. Annen waren Feridun Zaimoglu, Jörg Bernig, Eva Menasse und Volker Braun.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2019, 10:12 Uhr