Vier Sängerinnen bei der Kammeroper "Freiberg" an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig
Vier Sängerinnen bei den Proben zur Kammeroper "Freiberg" an der HMT Leipzig. Bildrechte: Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig / S. Duryn

Hochschule für Musik und Theater Leipzig Junge Künstler setzen sich in Kammeropern mit Holocaust auseinander

Die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" (HMT) Leipzig bringt am 10. November ein Opernprojekt heraus, bei dem wohl alle, die daran beteiligt sind, emotional an ihre Grenzen gelangen dürften. Denn in den Kammeropern "Freiberg" und "Letzte Tage Lodz" werden Themen wie Zwangsarbeit, Vertreibung und Holocaust verhandelt. Bettina Volksdorf war für MDR KULTUR bei den Proben dabei.

Vier Sängerinnen bei der Kammeroper "Freiberg" an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig
Vier Sängerinnen bei den Proben zur Kammeroper "Freiberg" an der HMT Leipzig. Bildrechte: Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig / S. Duryn

Für so ein Projekt braucht es Hintergrundwissen, Feingefühl und Courage. Wer ist denn der Spiritus Rector?

Bettina Volksdorf: Der Mann heißt Markus Gille, hat in Leipzig, Detmold und Tel Aviv Musik und Gesang studiert, ist derzeit am Mittelsächsischen Theater Freiberg engagiert und über das Singen hinaus auch als Regisseur und Autor unterwegs; er hat für beide Opern das Libretto geschrieben und inszeniert auch selbst.

Wie kam er auf das Thema?

Das liegt schon eine Weile zurück und hat viel damit zu tun, dass Markus Gille Hebräisch spricht. Er begegnete in Israel Auschwitz-Überlebenden und Zwangsarbeiterinnen, auch einer Frau, die als junges Mädchen am Leipziger Konservatorium Klavier studierte, bevor sie aus Nazi-Deutschland fliehen musste.

Szene aus der Kammeroper "Freiberg" an der HMT Leipzig
Die Geschichten der Oper stammen von Holocaust-Überlebenden. Bildrechte: Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig / S. Duryn

Sie alle erzählten ihm ihre Geschichte, was bei Markus Gille Spuren hinterließ. Als er nach Deutschland zurückkehrte, wollte er unbedingt die Schicksale Einzelner künstlerisch verarbeiten, lernte zudem Nachfahren jüdischer Zwangsarbeiterinnen aus Polen und Tschechien kennen - die sogenannten "Freiberg Babys". Deren Mütter mussten bis kurz vor Kriegsende in Freiberg Tragflächen für Kampfflugzeuge herstellen und Markus Gille war es ein tiefes Bedürfnis, dass die Geschichten der Menschen, die er kennenlernte, auf diese Weise weitergetragen werden.

Eine Idee, die sich auswuchs und nunmehr vom Deutsch-Russischen Zentrum Sachsen, den sächsischen Staatsministerien für Wissenschaft & Kunst sowie für Gleichstellung & Integration und dem Mittelsächsischen Theater unterstützt wird. Erzählen Sie uns, wie dieses Projekt nun an der Leipziger Musikhochschule umgesetzt wurde.

In einer spannenden Konstellation, denn die Kammeroper "Freiberg" wurde von drei jungen Komponisten vertont: von Daria Maminova (Russland), Ido Spak (Israel) und dem Deutschen Max-Lukas Benedikt Hundelshausen. Den Bariton-Monolog "Letzte Tage Lodz" hingegen schrieb der aus Südkorea stammende Juheon Han (er ist 1. Kapellmeister am Mittelsächsischen Theater Freiberg/Döbeln). Herausgekommen sind musikalisch zum Teil sehr unterschiedliche, aber allesamt anspruchsvolle Werke, in denen die letzten Kriegstage thematisiert werden, also jene Zeit bevor die Rote Armee das Ghetto Lodz bzw. Freiberg befreit hat. Es geht dabei um Themen wie Hunger, Angst vor Vernichtung, um moralische Grenzerfahrungen und Verwerfungen, aber auch um Solidarität und wiedererwachende Hoffnungen.

Gesungen und gespielt wird von Studierenden - bei der Thematik eine ziemliche Herausforderung oder?

Ein Sänger in der Kammeroper „Letzte Tage Lodz" an der HMT Leipzig
Ein Sänger bei einer Probe der Kammeroper "Letzte Tage Lodz" an der HMT Leipzig. Bildrechte: Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig / S. Duryn

Absolut, denn so ein Thema erfordert intensive Vorbereitung und das legt man nach einer Probe auch nicht ohne weiteres ab. Ich ziehe den Hut vor der Leistung aller beteiligten Musiker bzw. Sängerinnen – darunter fünf Master-Studierende der Fachrichtung Klassischer Gesang/Musiktheater, zwei junge Sänger, die bereits im Engagement sind, sowie Mitglieder der Schola Cantorum Leipzig und des Freiberger Knabenchores. Bewundernswert auch, wie ruhig, souverän und ausdauernd Ulrich Pakusch diese komplexe Musik mit den jungen Leuten erarbeitet hat. Sie ist gespickt mit vertrackten Rhythmen, sängerisch diffizil und auch die Orchestermitglieder müssen Texte skandieren, flüstern und zischen.

Kammeroper "Freiberg" und "Letzte Tage Lodz" Blackbox der Hochschule für Musik und Theater Leipzig
Uraufführung am 10. November,
weitere Vorstellungen am 11., 12., 13. November 2018,
Beginn jeweils 19.30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Empfehlungen fürs Wochenende | 09. November 2018 | 08:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2018, 04:00 Uhr