Die Autorin Karen Köhler steht vor einer Grafitti-besprühten Wand.
Karen Köhler ist Autorin und hat zuvor als Schauspielerin gearbeitet. Bildrechte: dpa

"Miroloi" Romandebüt mit Christa Wolf-Potenzial

Von großen Erwartungen begleitet ist Karen Köhlers erster Roman "Miroloi" erschienen. Als im Herbst 2014 ihr Erzählband "Wir haben Raketen geangelt" herauskam, stimmte die Kritik in seltener Eintracht Lobeshymnen an: Hier sei ein Meisterwerk entstanden, handwerklich tadellos, unsentimental und phantastisch. Es ginge um Indianer und … – vor allem aber in allen Geschichten um Frauenfiguren, denen Aberwitziges widerfährt und die von der Autorin liebevoll durch alle Fährnisse geleitet werden. Die gelernte Schauspielerin Karen Köhler ist Jahrgang 1974 und hat lange in ihrem Beruf gearbeitet, sich dann auf Theaterstücke und Drehbücher verlegt. MDR KULTUR-Kritikerin Sabine Frank hat "Miroloi" gelesen.

Die Autorin Karen Köhler steht vor einer Grafitti-besprühten Wand.
Karen Köhler ist Autorin und hat zuvor als Schauspielerin gearbeitet. Bildrechte: dpa

Gleich in den ersten Sätzen ihres Roman "Miroloi" schlägt Karen Köhler einen hohen Ton an: farbig, rauh und kraftvoll – und sie spart nicht mit drastischen Details:

Ich war schon von Anfang an so hässlich, daß meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand. Was für eine Mutter, sagen sie, was für eine Sünde, das ganze Dorf hat sie damit befleckt.

Aus: "Miroloi"

Die hier spricht, ist ein Mädchen von 16 Jahren. Ein Findelkind, eine namenlose Außenseiterin. Und sie erzählt ihre Geschichte in 128 Strophen, als wäre sie eine Sängerin, die einen "Miroloi" anstimmt, eine Totenklage. Das abgelegene Dorf in den Bergen wird vom Ältestenrat in einer vormodernen Isolation gehalten – dabei sieht man bereits Flugzeuge am Himmel ziehen. Doch die Bewohner dürfen nicht einmal hinunter zum Hafen. Wer von hier zu fliehen versucht, den erwartet eine grausame Strafe:

Der Angstmann holt aus und für einen letzten Moment glaubst Du an ein Missverständnis, aber er trifft dein rechtes Bein, zermatscht es mit einem Schlag und du wirst ohnmächtig.

Aus: "Miroloi"

Lesen und Schreiben als Männerprivilegien

Ein Buchcover ist mit blauen Wellen bedruckt.
Bildrechte: Hanser Literaturverlage

In dieser brutalen, rückständigen Welt nun vollzieht sich die Emanzipation der Ich-Erzählerin. Der alte Priester, der sie gefunden, beschützt und aufgezogen hat, bringt ihr vieles bei, was eigentlich Männerprivileg ist, vor allem Lesen und Schreiben. Verbotenerweise verliebt sie sich und freundet sich mit den anderen Außenseitern des Dorfes an. Die alte Maria zeigt ihr die Höhle mit der Orakelquelle aus einer längst vergangenen, matriarchalen Welt:

Es heißt, das Orakel ist viele tausend Jahre alt und es dürfen nur Frauen herkommen, die das Gesicht haben. Das Orakel wird wie ein Geheimnis gehütet und weitergegeben. Außer Mariah, der Hebamme und mir kennt niemand aus dem Dorf die Höhle.

Aus: "Miroloi"

"Miroloi" erinnert an Christa Wolf

Karen Köhler hält ihr Buch "Miroloi" in den Händen.
"Miroloi" ist der erste Roman von Karen Köhler nach ihrem Erzählband "Wir haben Raketen geangelt". Bildrechte: dpa

Szene um Szene entfaltet sich und wie in einem Drama spitzt sich der Konflikt immer weiter zu. Als der alte Priester stirbt, zerbricht der Zusammenhalt. Die Regeln werden rigider, die Strafen noch brutaler, es gibt Wächter und Denunzianten und plötzlich sehnen sich die Dorfbewohner, sehnt man sich als Leser zurück nach der wohlgeordneten, patriarchalen Welt. 

Das archaische Tableau erinnert an "Kassandra" und so wie die Erzählung von Christa Wolf ein Klassiker des Feminismus geworden ist, hätte auch der Roman von Karen Köhler mit seiner sprachlichen Wucht und den drastischen Details das Zeug dazu. Vielleicht erkennen sich auch heute jungen Leserinnen in dieser literarischen Versuchsanordnung – auch wenn sie lediglich eine Parabel auf vormoderne, autoritäre Verhältnisse zu sein scheint.

Wie viele meiner Bewegungen mache ich nur, weil ich genau mein Leben lebe? Könnte ich mich anders bewegen, wenn ich ein anderes Leben lebte, ein Leben in dem ich nicht fortwährend das Kleid raffen, das Bein nachziehen müßte. Und wäre ich eine andere, wenn mich meine Mutter nicht weggeben hätte? 

Aus: "Miroloi"

Fazit

Karen Köhler ist sich der Dialektik und der Tragik bewusst, die in einer gesellschaftlichen Umwälzung, ja selbst in einer Befreiung liegen. Doch bei allen feministischen und politischen Lesarten, die das Buch anzubieten scheint, ist der Autorin vor allem ein packend erzähltes Stück Literatur gelungen, das seinen hohen Ton und seinen hohen Anspruch bis zum dramatischen Finale durchhält.

Angaben zum Buch Karen Köhler: "Miroloi"
Roman
Hanser Verlag
464 Seiten, fester Einband
ISBN 978-3-446-26171-6
Preis: 24,00 €

Mehr Romane

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. August 2019 | 15:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren