Moderedakteur Alfons Kaiser Was mit Karl Lagerfelds Erbe geschieht

Karl Lagerfeld hat nach seinem Tod nicht nur eine hohe Summe an Geld hinterlassen, sondern auch eine riesige Kunstsammlung. FAZ-Moderedakteur Alfons Kaiser im Gespräch, wem er all das hinterlassen hat und ob es in Zukunft vielleicht auch ein eigenes Karl-Lagerfeld-Museum geben sollte.

Karl Lagerfeld
Karl Lagerfeld mit einer Zeichnung seiner Katze Choupette. Bildrechte: dpa

Karl Lagerfeld hat sich im Laufe seines Lebens ein immenses Vermögen angehäuft - das er auch immer wieder in rare Kunst gesteckt hat. Alfons Kaiser ist Moderedakteur bei der FAZ und hat das Leben und die Karriere Karl Lagerfelds über Jahrzehnte verfolgt.

MDR KULTUR: Der Modezar hat zwischen 400 und 800 Millionen Euro hinterlassen. Wer sind denn die Erben?

Alfons Kaiser: Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich kenne das Testament. Da kann man sich immer nur aus zweiter oder dritter Hand informieren. Aber ich denke, es ist schon sehr wahrscheinlich, wie es jetzt in der französischen Presse behauptet wird, dass erstens, sein Leibwächter und Vertrauter Sébastien Jondeau sehr großzügig bedacht wird. Der die letzten 20 Jahre sehr eng mit ihm zusammen war.

Modedesigner Karl Lagerfeld geht am 14.02.2014 in Essen (Nordrhein-Westfalen) im Museum Folkwang durch eine von ihm mitkonzipierte Ausstellung.
Karl Lagerfeld Bildrechte: dpa

Zweitens, dass sein Patenkind Houdson Kroenig bedacht wird, auch großzügig wahrscheinlich. Er ist der Sohn von Brad Kroenig, dem Männermodel, der eben auch mit Karl Lagerfeld befreundet war. Und in dem Sohn sah Lagerfeld so ein bisschen, glaube ich, sich selbst - einen kleinen, frechen Jungen, der immer für einen guten Spruch zu haben ist. Deshalb hatte der ein besonderes Gefühl gegenüber ihm. Und drittens auch noch Baptiste Giabiconi, ebenfalls ein Männermodel - eine Muse, wenn man so will - der offenbar auch ganz gut was abbekommt.

Und seine Katze Choupette, was wird mit ihr?

Sie ist in der Obhut von Françoise. Das ist eine liebevolle Dame, die sich auch damals schon um die Kleine gekümmert hatte, zu seinen Lebzeiten, wenn er weg war. Und er war ja sehr viel unterwegs und hat sie nur sehr selten mitgenommen. Ich glaube, Katzen reisen nicht so gerne. Und die wohnt jetzt in einem Haus außerhalb von Paris mit Choupette zusammen. Die beiden führen ein ganz ruhiges Leben. Nur jeden Tag, oder jeden zweiten Tag, kommt ein Social-Media-Redakteur von einer Agentur vorbei, die sich auf Tier- Marketing versteht, und macht ein paar Bilder und denkt sich ein paar Sprüche dazu aus, so dass Choupette auch auf Instagram am Leben bleiben.

Cat-Marketing ist es in jedem Fall - da ist der Tierfreund in mir beruhigt. Und der Kunstfreund fragt: Was ist denn mit den millionenteuren Kunstwerken,Fotografien und Design-Objekt, die er hinterlassen hat?

Das ist eben genau die Frage, die jetzt aufkommt. Er wollte ja nie zu seinen Lebzeiten, dass ein Museum entstehen würde in seinem Namen. Wobei man sich das sehr gut vorstellen könnte. Vielleicht wäre es ja schön, wenn man eine Bibliothek in seinem Namen gründen würde, so ähnlich wie die amerikanischen Präsidenten eine bekommen, wenn sie abgetreten sind. Ein großes Haus, in dem man eben all seine Bücher unterbringen könnte, für die Forschung sozusagen. Auch seine eigenen Bücher. Er hatte ja unglaublich viele Vorworte geschrieben, unglaublich viele Bücher im Steidl-Verlag herausgegeben - und eben auch Kunstwerke.

Karl Lagerfeld (Gestalter) bei der Eröffnung der Ausstellung Karl Lagerfeld.
Lagerfeld besaß eine riesige Büchersammlung. Bildrechte: imago/Schwörer Pressefoto

Wobei das, glaube ich, nicht so viele sind, wie man vielleicht denkt – und auch Einrichtungsgegenstände, weil er eben auch viel hat versteigern lassen. Er hat sich ja immer wieder gehäutet, immer wieder geändert. Und das hieß auch, dass fast seine gesamte Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert, die er einmal besessen hat - eine der größten Sammlungen von Kunstwerken und Einrichtungsgegenständen aus dem 18. Jahrhundert, die es überhaupt gab - die hat er schon vor 20 Jahren versteigern lassen.

Das heißt, sein künstlerischer- oder Kunst-Nachlass ist dann nicht ganz so bedeutend, wie der von Yves Saint Laurent, die in Marrakesch vor drei Jahren ein eigenes Museum bekommen hat?

Ja, genau so ist es. Ich glaube, durch seine lange Anwesenheit hat Lagerfeld seinen - erst Freund, dann Feind - Yves Saint Lauren überrundet. Aber es war immer wieder so, wenn man zurückblickt, dass Saint Laurent ihm ein Stückchen voraus war. Erst mit ikonischen Entwürfen in der Mode, aber eben auch zum Beispiel mit seiner Kunstsammlung, die dann hunderte von Millionen erbrachte. Wobei auch Lagerfeld wahrscheinlich, weil er eben auch sehr rare Kunstwerke sammelte - zum Beispiel Plakatkunst Deutscher von Beginn des Jahrhunderts – so auch er wahrscheinlich ein paar hundert Millionen dann doch an Wert dort hatte.

Und er hat natürlich ununterbrochen gezeichnet als Modeschöpfer. Zehntausende von Skizzen verfertigt und hinterlassen. Was passiert mit diesem zeichnerischen Werk?

Das ist in den Archiven der jeweiligen Marken, also von Fendi in Rom, wo er seit 1965 gearbeitet hat, von Chanel, wo er von 1983 arbeitete und von Chloé, wo er mit Unterbrechungen von 1963 ungefähr bis 1995 gearbeitet hat. Die haben die Zeichnungen all der Entwürfe, die er gemacht hat, und das wirklich jeweils Zehntausende. Aber er selbst, hat er gesagt, hat nichts aufbewahrt. Das größte Möbelstück in seinen Wohnungen war immer der Papierkorb. Und er hat unglaublich vieles weggeworfen und vernichtet.

Wie bedeutend ist aus ihrer Sicht das fotografische Werk des Modeschöpfers für seinen Nachruhm? Er hat ja mal gesagt: "Was ich sage oder was ich tue, das hält maximal sechs Monate.“

Naja, die Fotos sind ja doch schon eher so angelegt, dass sie in gewisser Weise Klassiker sind. Sei es, dass da Einflüsse der Pop-Art oder der modernen Kunst in anderer Richtung oder auch des Konstruktivismus aus den 20er-Jahren zu sehen sind. Diese Fotos halten definitiv länger als die Mode. Wer das Yves-Saint-Laurent-Museum in Paris besichtigt, dem weht da ein doch sehr alter Hauch an.

Heißt: Die Mode wird hinterher museal wirken. Die Fotos bleiben, glaube ich, von dauernder Aktualität und werden wahrscheinlich auch immer wieder ausgestellt werden. Ob er jetzt als Fotografie-Künstler einen solchen Rang erhalten wird, wie als Mode Mensch, das vermag ich nicht zu sagen. Aber er hat jedenfalls ein großes, unglaublich Ouevre hinterlassen. Und das ist natürlich toll, wenn das jetzt einmal in Gänze zu sehen ist.

Sind Sie ihm selber mal begegnet? Was bleibt dann in Erinnerung?

Es bleibt ein Mensch, und das habe ich in vielen Interviews erfahren, da bin ich dankbar für diese Interviews. Weil er eben unglaublich spritzig, witzig, schnell, gedankenreich war. Es bleibt ein Mensch, der eben, ich steigere mich zum Wort, "Genie" war. weil er eben auch in so vielen Feldern bewandert war. Weil er interessiert war, an allem von Geschichte bis aktueller Politik, von Kulturgeschichte bis Mode, von Design bis Kunst. Das heißt, ein unglaublich vielseitiger, witziger, offener, lustiger Mensch. Und da vermissen ihn sehr viele, auch in der Modeszene in Paris, die bei all dem Kommerz doch irgendwie einen Sinn, einen Geist braucht. Und er fehlt da ein bisschen.

Das Interview führte Alexander Mayer.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. März 2020 | 18:00 Uhr

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