Nach Abgang des Museumsdirektors Warum in Radebeul um das Andenken von Karl May gestritten wird

Das Kuratorium der Karl-May-Stiftung in Radebeul tagt am 27. Juni darüber, wie mit dem Erfinder von Old Shatterhand und Winnetou in Zukunft umgegangen wird und wie man ihn zeitgemäß im Karl-May-Museum ausstellt. Dem war vorausgegangen, dass der jüngst berufene und als fortschrittlich geltende Direktor des Museums, Christian Wacker, hingeworfen hatte. In einem offenen Brief kritisierte er konservative Zustände in der Stiftung. Über die Hintergründe ein Interview mit Prof. Andreas Brenne, Kunstpädagoge und Mitglied der Karl-May-Gesellschaft.

Karl May als Old Shatterhand verkleidet auf einem Foto aus dem Jahr 1896. 7 min
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Das Kuratorium der Karl-May-Stiftung tagt darüber, wie in Zukunft mit dem Erfinder von Old Shatterhand umgegangen werden soll. Dazu Prof. Andreas Brenne, Kunstpädagoge und Mitglied in der Karl-May-Gesellschaft.

MDR KULTUR - Das Radio Do 25.06.2020 15:30Uhr 06:32 min

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MDR KULTUR: Was ist daran so schwierig, Karl May ordentlich auszustellen?

Andreas Brenne: Karl May ist ein hochkomplexes, kulturwissenschaftlich auch bedeutsames, interessantes Phänomen. Aber er ist aus einer gewissen Perspektive in die Jahre gekommen. Das heißt, er hat einen großen Anhängerkreis, der eben auch in die Jahre gekommen ist. Und man muss dieses Thema quasi öffnen, sodass junge Generationen, neue Leserschaften, sich damit auch aus der heutigen Perspektive beschäftigen können.

Inhaltlich etwas konkreter: Was ist der alte Karl May? Was steht dafür? Und was könnte ein modern aufgefasster Karl May sein?

Der traditionelle Karl May ist der Abenteuerschriftsteller für die reifere Jugend, der es geschafft hat, mit viel Fantasie und hochkarätiger Quellenkunde spannende Erzählungen zu liefern, über die sich Generationen von jungen Menschen in ferne Welten geträumt haben. Dieses funktioniert im heutigen Kontext auf diese Art nicht mehr. Es könnte vielleicht funktionieren, aber es braucht andere Narrative.

Prof. Andreas Brenne
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Die Karl-May-Stiftung ist eher konservativ unterwegs. Oder wie ist das zu verstehen?

Die ist nicht nur konservativ, die ist, man könnte fast sagen rückwärtsgewandt. Sie versucht, einen Status Quo der alten Zeit festzustellen. Das Museum ist dann quasi als Zeitkapsel zu verstehen. Aber eine Zeitkapsel, die sukzessive vermodert, um das zugespitzt zu formulieren.

Wer könnte daran Interesse haben, dass etwas vermodert?

Vermodern will natürlich keiner. Aber man möchte sich den alten May nicht nehmen lassen. Da steht natürlich im Zentrum auch Ralf Harder. Ein sage ich mal ungekrönter Apostel Karl Mays, der einen bestimmten Zustand, eben seine Sichtweise Karls Mays dauerhaft feststellen möchte.

Die Karl-May-Stiftung, 1912 ins Leben gerufen, ist ein reiner Männerclub und auch das Kuratorium. Ist das auch ein Problem?

Das ist auch ein Problem. Das ist, man könnte sagen, ein klassisches Old-Boys-Netzwerk, wo Leute aus Politik, Wirtschaft und auch durchaus Kenner von Karl May sich zusammengefunden haben, die Zeitkapsel quasi verwalten. Aber bisher eben kaum die Möglichkeit gefunden haben oder vielleicht auch nicht wollten, je nachdem, das Ganze zu öffnen für eine moderne, frische Sicht auf das Phänomen Karl May, was einfach unglaublich interessant ist.

Gibt es genügend Menschen in der Karl-May-Stiftung, die etwas anderes wollen als beispielsweise die konservativen Kräfte?

In der Karl-May-Stiftung selber, im Vorstand, gibt es die nicht. Es gibt sie sehr wohl im Kuratorium, da sind durchaus auch – wie Herr Schleburg, Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft – noch andere Persönlichkeiten, die große Kenner sind und die auch einen zeitgemäßen Blick haben. Die Frage ist nur, ob sie sich durchsetzen können oder ob bei dieser Kuratoriumssitzung nichts anderes passiert als Schuldzuweisungen gegen den ehemaligen Direktor. Eigentlich müsste das Kuratorium schauen, was braucht wirklich ein heutiges Museum, was auch öffentlich finanziert werden könnte.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Hintergründe zum Streit um Karl May

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Juni 2020 | 17:10 Uhr