Jugendliche werfen Steine, 1953 Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin. - Sowjetische Panzer in der Leipziger Strasse werden von Jugendlichen mit Steinen beworfen
Die Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 ist ein Grund für Heinz Lippmanns Flucht in den Westen. Bildrechte: dpa

Sachbuchkritik "Sie nannten ihn Verräter" KZ, FDJ-Vize, Spitzel: Das krimireife Leben des Heinz Lippmann

Nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung wurden unzählige Bücher über das Ende der DDR veröffentlicht, Fachbücher, Sachbücher und auch Romane. Nun ist mit "Sie nannten ihn Verräter" ein Sachbuch erschienen, das sich einmal mit dem nicht weniger spannenden Anfang der DDR beschäftigt. Die Autorin Karoline Kleinert folgt darin den Spuren ihres Großvaters. Der Auschwitz-Überlebende bringt es Anfang der 1950er-Jahre bis zum Stellvertreter des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker, verlässt die DDR später aber Richtung Westen. Das sorgt für einige Aufregung bei den zuständigen Organen.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Jugendliche werfen Steine, 1953 Arbeiteraufstand in der DDR am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin. - Sowjetische Panzer in der Leipziger Strasse werden von Jugendlichen mit Steinen beworfen
Die Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 ist ein Grund für Heinz Lippmanns Flucht in den Westen. Bildrechte: dpa

In "Sie nannten ihn Verräter" erzählt Karoline Kleinert die Geschichte eines Mannes mit einer filmreifen Biografie, die zugleich exemplarisch steht für alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts: Heinz Lippmann wird 1921 in eine jüdisch-christlichen Familie geboren, womit - wir ahnen es - die Weichen bereits gestellt sind. Als Heinz Lippmann 1942 vor der Judenverfolgung flüchten will, geht das schief. Freiwillig stellt er sich der Gestapo und wird nach Auschwitz deportiert, wo er wider Erwarten mit dem Leben davon kommt. Fortan widmet er sich mit Haut und Haar dem Aufbau einer sozialistischen DDR und schafft es bis zum Stellvertreter Erich Honeckers, dem Vorsitzenden der FDJ. Doch 1953 kommt es zum Bruch mit dem System.

"Kommunistischer Kassenräuber"

Die Gründe für die Abkehr vom System liegen vor allem in der zunehmenden Paranoia innerhalb der SED, der FDJ und des gesamten Ostblocks. Überall werden Agenten vermutet und kommt es zu Schauprozessen nicht nur, aber vor allem gegen jüdische Kommunisten. Heinz Lippmann muss sich unterstellen lassen, er wäre nicht als Häftling sondern als Gestapo-Agent in Auschwitz gewesen, ein völlig absurder Gedanke, der ihn tief kränkt. Dazu erlebt er, wie der Volksaufstand am 17. Juni 1953 niedergeschlagen wird und Mitstreiter politisch kalt gestellt werden. Heinz Lippmann ist nun davon überzeugt, auch ihm würde bald der Prozess gemacht. Weil er allerdings bei der FDJ für die Propaganda in Westdeutschland zuständig ist, lässt er sich schließlich 300 000 DM auszahlen und flüchtet nach Hamburg. Eine peinlicher Affront gegenüber der Nomenklatura der DDR, ein gefundenes Fressen für die Bild-Zeitung, die ihm den Titel "kommunistischer Kassenräuber" verpasst.

Glaube an den dritten Weg

Karoline Kleinert: Sie nannten ihn Verräter
"Sie nannten ihn Verräter" ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Bildrechte: Rowohlt

Jedoch ist damit die rasante Geschichte Heinz Lippmanns nicht zu Ende. Denn auch in Westdeutschland ist er noch davon überzeugt, dass der Sozialismus grundsätzlich das bessere System sei, nur eben nicht so, wie er im Osten des Landes praktiziert wird. Die DDR lässt ihn also nicht los, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Er bleibt weiter im Visier der Stasi und gründet zugleich eine Zeitschrift mit dem vielsagenden Titel "Der dritte Weg", er schreibt eine Biografie über Erich Honecker und wird selbst zum Spitzel des Verfassungsschutzes.

Am Ende seines Lebens, das nur 52 Jahre dauert, arbeitet er im Gesamtdeutschen Institut in Bonn. Ein wechselvoller beruflicher Werdegang, doch lässt Karoline Kleinert natürlich auch das Privatleben von Heinz Lippmann nicht aus. Das ist so turbulent, dass wiederum die BILD-Zeitung ihn zum "roten Lebemann" erklärt, während die Großmutter von Karoline Kleinert, wenn sie ihn denn überhaupt erwähnt, immer nur vom "Schwein" spricht.

Traumatisierte Generation

Karoline Kleinert
Karoline Kleinert hat ein Buch über das krimireife Leben ihres Großvaters geschrieben. Bildrechte: Roholt/Dennis Dirksen

Und so bekommt das Buch neben seiner rein faktischen, krimireifen, eine weitere, genauso bemerkenswerte Ebene. Es ist der persönliche Blick einer Frau auf einen Mann, der in ihrer Familie nur als Tabu existiert. Eben weil das "Schwein" die Großmutter so früh hat sitzenlassen, dass selbst ihr Vater ihn nie kennengelernt hat. An diesen tiefen Verletzungen will niemand rühren, zu groß ist der Schmerz. Aber Karoline Kleinert, geboren 1977, gehört zu einer Generation, die den nötigen Abstand mitbringt, um auch schmerzhafte Fragen zu stellen. Das tut sie mit Respekt, kein bisschen reißerisch und ohne ein abschließendes Urteil zu fällen. Sie will einfach nur wissen, wie es gewesen ist. Wobei natürlich Lücken und Zweifel bleiben, die die Autorin aber immer mitformuliert, auch das eine Stärke des Buches.

Trotzdem bekommt man als Leser ein sehr genaues Bild vor allem der frühen DDR, die mit allen Mitteln um ihre Existenz kämpft und der dafür kein Opfer zu groß ist. Was jedoch am meisten berührt: wie hier nicht nur ein Mann, sondern eine ganze Generation beschrieben wird. Eine Generation, die es zwischen den Systemen, zwischen Ost und West, regelrecht zerreißt und die darauf nur mit einem großen Schweigen reagieren kann. Ein Trauma, dessen Folgen man bis heute spüren kann.

Angaben zum Buch Karoline Kleinert: Sie nannten ihn Verräter
Rowohlt Verlag
320 Seiten
ISBN: 978-3-498-03418-4

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 15. August 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2018, 04:00 Uhr

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