Katerina Poladjan
Schriftstellerin Katerina Poladjan Bildrechte: imago images/gezett

Rezension Lesenswert: Katerina Poladjans Roman über die armenische Geschichte

In "Hier sind Löwen" erzählt Katerina Poladjan von der Flucht zweier Kinder vor türkischen Massakern und von einer Historikerin, die verleugnete Massengräber findet. Der Roman, der Poladjans eigene Familiengeschichte mit der Geschichte des armenischen Volks verbindet, stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019.

von Sigrid Löffler, MDR KULTUR

Katerina Poladjan
Schriftstellerin Katerina Poladjan Bildrechte: imago images/gezett

Katerina Poladjan ist Schauspielerin und Autorin. Sie ist 1971 in Moskau geboren und russisch-armenischer Herkunft, lebt aber seit Ende der 1970er Jahre in Deutschland. Ihr jüngster, dritter Roman "Hier sind Löwen" steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.

Cover: Katerina Poladjan "Hier sind Löwen" 6 min
Bildrechte: Fischer Verlage

MDR KULTUR - Das Radio Di 17.09.2019 07:40Uhr 06:11 min

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Poladjans persönlichster und gelungenster Roman

Er ist zugleich ihr ehrgeizigster und ihr persönlichster – und ihr gelungenster, ein sehr bemerkens- und lesenswertes Stück Literatur. Der Roman verbindet Poladjans eigene Familiengeschichte mit der Geschichte des armenischen Volks: Der Bericht einer Recherche-Reise nach Armenien und in die Türkei auf der Suche nach möglichen überlebenden Verwandten ihrer in alle Welt verstreuten armenischen Familie wird verknüpft mit einer historischen Spurensuche nach Zeugnissen über und Erinnerungen an den Völkermord an den christlichen Armeniern vor hundert Jahren. Beide Recherchen müssen notwendigerweise lückenhaft bleiben, voller Leerstellen und weißer Flecken – jene unbekannten und unerforschten Regionen, die in alten Weltkarten mit dem lateinischen Vermerk "Hic sunt leones" (Hier sind Löwen) gekennzeichnet wurden.

Das Ganze wird überwölbt von der Frage nach der eigenen Identität, von Reflexionen über Notwendigkeit und Zufall im Leben, vom Nachdenken über Kontingenzen im eigenen Leben, vom Grübeln über den Schmerz des Exils, über den Verlust von Erinnerungen und das Fortwirken halbvergessener Traditionen und vom kurzen, aber heftigen Liebäugeln mit einem alternativen Lebensentwurf und einem Neubeginn mit einem anderen Partner in einem anderen Land.

Modernes Armenien mit 1000-jähriger Geschichte

Karte von Armenien und Anrainerstaaten
Armenien grenzt an die Türkei Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Katerina Poladjan wählt eine bewusst fragmentierte, zweigleisige Erzählweise, in der hinter dem Fiktiven das Autobiografische immer durchschimmert und hinter der Erkundung des modernen Armenien das Bewusstsein der tausendjährigen Geschichte des Landes aufscheint. Den Hauptteil des Romans legt die Autorin einem Alter Ego in den Mund. Als Ich-Erzählerin fungiert die Kunsthistorikerin und Buchrestauratorin mit dem armenischen Familiennamen Helen Mazavian, die im Rahmen eines wissenschaftlichen Austauschprogramms nach Jerewan kommt, um im Handschriften-Archiv der armenischen Hauptstadt ein altes Manuskript, ein armenisches Familien-Evangeliar aus dem Jahr 1710, zu restaurieren und neu zu binden. Gelegenheit für die Autorin zu beeindrucken: Sie untermauert die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte mit fachkundigen Beschreibungen der Arbeit an der Wiederherstellung dieser alten Handschrift und der Rätsel, die sie aufgibt.

Verleugnete Massengräber

Der Hauptstrang der Erzählung betrifft die Erkundungsreise der Protagonistin Helen ins Land ihrer Vorfahren, auf der Suche nach Verwandten auf beiden Seiten des Grenzberges Ararat, der armenischen und der türkischen Seite. Der Ararat, das Nationalsymbol Armeniens, bleibt – metaphorisch triftig – die meiste Zeit hinter Wolkenschleiern verborgen und zeigt sich nur momentweise klar in seiner ganzen Größe. Die Suche führt die Heldin auch nach Kars und Ordu an der Schwarzmeerküste – türkische Orte, aus denen der Familienlegende nach ihre Vorfahren stammen. Was sie jedoch dort vor allem findet, sind verleugnete Massengräber, zerstörte armenische Gedenksteine und Erzählungs-Bruchstücke alter Frauen mit undeutlichen Erinnerungen an Vertreibungen und Massaker in grauer Vorzeit.

Flucht mit der Familienbibel

Cover: Katerina Poladjan "Hier sind Löwen"
Katerina Poladjan "Hier sind Löwen" Bildrechte: Fischer Verlage

Der zweite Erzählstrang beruht darauf, dass Poladjans armenischer Großvater Hrant ein Überlebender des Genozids von 1915 war. Im Roman huldigt ihm die Autorin mit der halb biografischen, halb imaginierten und erträumten Geschichte der Flucht zweier armenischer Kinder, des Mädchens Anahid und ihres kleinen Bruders Hrant, vor den türkischen Massakern, mit nichts als der Familienbibel in der Hand, und der wundersamen Errettung der Geschwister, die dem Hungertod nahe sind, durch mitleidige Menschen.

Auf diese Namen ist die Restauratorin Helen in der Nachschrift dieser alten Familienbibel gestoßen, wo die Besitzer über Jahrhunderte hinweg wichtige Daten der Familiengeschichte zu notieren pflegten. An den Rand gekritzelt findet sie da den Namen Anahid und in derselben Schrift das Gebet: "Hrant will nicht aufwachen, mach, dass er aufwacht." In der Phantasie der Autorin verschmilzt der kleine Hrant aus der Bibel mit Poladjans eigenem Großvater gleichen Namens.

Irrfahrt der Familiensuche

Es sind zwei Dingsymbole, die diesen Roman in Gang setzen, Überbleibsel aus der Vergangenheit – schließlich umkreist der Roman ja das Thema der Wiederherstellung einer beschädigten und verlorenen Vergangenheit. Neben der geheimnisvollen armenischen Familienbibel ist es ein mysteriöses Familienfoto, das die Nachforschungen der Protagonistin auslöst. Ihre Mutter, eine Künstlerin, die wie besessen Assemblagen über den Völkermord 1915 herstellt, gibt ihr ein Foto aus dem Besitz der Großeltern mit, darauf dreizehn Unbekannte mit ernsten Gesichtern und der Vermerk: "Artaschat 1957". Der Auftrag der Mutter: "Das sind Mitglieder der Familie, wer noch lebt, weiß ich nicht. Fahr hin, sprich mit ihnen."

Die Fahrt erweist sich als Irrfahrt, weil die Heldin die Orte Artaschat und Aschtarak verwechselt und erst in der falschen Stadt sucht. Aber ist das überhaupt wichtig? Ist die Suche nicht vielleicht wichtiger als das Ergebnis?

Infos zum Buch Katerina Poladjan
"Hier sind Löwen"
Roman
Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2019.
288 Seiten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 04:00 Uhr

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