Ein leerer Kinosaal, bei dem fas Netflix-Logo auf die Leinwand projiziert ist.
Kinobetreiber boykottieren Filme von Streamingplattformen zu zeigen. Bildrechte: MDR/Collage/IMAGO/dpa

Netflix, Amazon und Co. Kinos gegen Streamingplattformen: Verhärtete Fronten

Mit "The Irishman" kann man sich die bis dato teuerste Eigenproduktion von Netflix auf der Streamingplattform anschauen. Über 160 Millionen Dollar hat der Film von Regisseur Martin Scorsese gekostet. Der Film hätte auch in einigen Kinos zu sehen sein können, allerdings boykottieren viele Kinobetreiber die Filme der großen Streamingplattformen. Die Fronten zwischen Netflix & Co. und dem klassischen Kino sind verhärtet.

von Jörg Taszman, MDR KULTUR-Redakteur

Ein leerer Kinosaal, bei dem fas Netflix-Logo auf die Leinwand projiziert ist.
Kinobetreiber boykottieren Filme von Streamingplattformen zu zeigen. Bildrechte: MDR/Collage/IMAGO/dpa

Kinos in Berlin, Köln und Hamburg, die das neue Mafia-Epos "The Irishman" von Martin Scorsese zeigten, waren oft ausverkauft. Viele Zuschauer befürchteten, der Film liefe nur wenige Tage auf der großen Leinwand und dann nie wieder. Dabei darf diese Netflix-Produktion sechs Monate in Kinos gezeigt werden – hatte aber nur einen exklusiven Vorlauf von zwei Wochen. Das ist ärgerlich und gegen alle Regeln. Daher sind nur wenige Kinobetreiber bereit, Filme von Netflix zu spielen. Normalerweise besteht das Kinofenster aus mindestens drei Monaten.

Längere Kinoauswertungen gefordert

Sven Weser vom Dresdner Programmkino Ost hätte "The Irishman" gerne in seinem Kino gezeigt, bemängelt aber die Konditionen. Er kritisiert, dass das Auswertungsfenster für diese Filme deutlich höher sein sollte, als nur zwei Wochen. Weser erwartet einen Verhandlungsspielraum, in dem über Auswertungen von sechs, acht oder auch 12 Wochen gesprochen werden müsste. "Ich kann aber bei den Streamingdiensten bis dato überhaupt nicht erkennen, dass sie eine Handbreit bereit sind, überhaupt mit den Kinos über diese Zugänglichkeit zum Kinomarkt zu verhandeln."

Fest steht, dass die Kinoketten und die Streamingdienste sich zu wenig kompromissbereit zeigen. In den USA hatte Neflix den Kinos erstmals ein Kinofenster von sechs Wochen für "The Irishman" angeboten, was jedoch abgelehnt wurde. In Deutschland oder anderen europäischen Ländern gab es keine vergleichbaren Angebote. Der normale Kinozuschauer interessiert sich aber nicht für diesen Branchenstreit. Das Berliner Kultkino Filmkunst 66 hat "The Irishman" zwei Wochen lang in fast immer ausverkauften Vorstellungen gezeigt.

Der Zuschauer hat das Recht, den Film im Kino zu sehen

"Filmkunst 66"-Leiter Jasper Jacobs ist der Meinung, man solle Zuschauer nicht dafür bestrafen, "dass Netflix sich nicht an die geläufigen Regeln hält, bzw. eigene Regeln hat und die AG Kino Gilde für andere Regeln einsteht." Der Zuschauer könne nichts dafür und "The Irishman" sei ein Film, der auf die Leinwand gehöre, so Jacobs. "Deswegen finde ich, dass die Leute auch das Recht haben, den Film auch im Kino zu sehen."

In der Metropole Berlin zeigen parallel zur Ausstrahlung auf Netflix noch acht weitere Kinos den Film von Martin Scorsese. Das ist ein Indiz dafür, dass die Nachfrage groß ist. Das Kino kann übrigens auch eine interessante Lücke schließen, bestätigt Jasper Jacobs. Das klassische Arthouse-Publikum in seinem Kino habe überhaupt kein Netflix oder Amazon Prime, so Jacobs. Die Leuten sagen ihm: "Wir wollen die Filme im Kino sehen und ein Glück spielt ihr die."

Zu wenig Mittel für Werbung

Filmszene aus ''The Report'' - Ein Mann schaut skeptsich auf vor ihm sitzende Personen.
"The Report" lief nur kurz im Kino und ist seitdem auf Amazon Prime zu sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Derzeit laufen auch drei weitere Netflix- und zwei Amazon-Filme deutschlandweit in wenigen Kinos. Dabei bleibt es völlig unverständlich, warum die deutschen Verleiher, die einen Deal mit den Streamingdiensten eingegangen sind, so wenig Werbung in diese Produktionen stecken. Ein so herausragender Film wie die Amazon-Produktion "The Report" über die Verbrechen der US-Armee in Gefangenenlagern nach dem 11. September sahen gerade einmal 3428 Besucher. Und so kann man Sven Wesers Kritik an den US-Giganten durchaus nachvollziehen.

Seiner Meinung nach haben die Firmen kein Interesse daran, dass diese Filme im Kino eine größtmögliche Besucherzahl erzielen. "Sie benutzen die öffentliche Diskussion um diese Filme, um dann beim Start auf der Streamingplattform einen Werbevorlauf zu haben."

Verlierer auf beiden Seiten

Fakt ist bei Filmen wie "The Irishman", "The Report" oder dem Ehedrama "The Marriage Story" haben die Kinos  eine Chance vertan, Netflix und Amazon zu beweisen, wie hoch das Potential dieser Filme im Kinos ist. Frei nach dem Motto: Jetzt zeigen wir den US-Giganten einmal, wie man eine wirkliche Eventkampagne für Kinofilme lostritt. Aber auf diese Idee ist leider keiner gekommen. Und Netflix hat viel Geld verloren durch Sturheit und Arroganz. Branchenkenner in den USA vermuten: Allein in den Vereinigten Staaten hätte "The Irishman" bei einem normalen Kinostart locker 200 Millionen Dollar eingespielt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. November 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 04:00 Uhr

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