Jack Barsky
Jack Barsky war ehemaliger KGB-Spion Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

KGB-Spion Jack Barsky "Der falsche Amerikaner" packt aus

Der 1949 in der Oberlausitz geborene Albrecht Dittrich wurde während seines Chemie-Studiums in Jena vom KGB angeworben und in die USA geschickt - dort wurde aus ihm Jack Barsky. Nach dem Mauerfall wurde Barsky enttarnt. Jetzt hat der Mann sein Leben aufgeschrieben

von André Meier, MDR KULTUR

Jack Barsky
Jack Barsky war ehemaliger KGB-Spion Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jack Barsky ist ein Ex-Agent, der über zehn Jahre für den sowjetischen Geheimdienst in den USA spionierte. Die KGB-Karriere des Sachsen beginnt Anfang der 70er-Jahre in Jena. Damals heißt er noch Albrecht Dittrich, geboren 1949 in der Oberlausitz, SED-Mitglied und ein Musterstudent. Sein Ziel: Das Studium als Bester abschließen und Chemiker zu werden.

Ich war sehr ehrgeizig. Und in den Gruppen, von denen ich ein Teil war, haben sich die meisten zum Kommunismus bekannt. Ich war total überzeugt.

Jack Barsky

Statt der Stasi kommt der KGB

Im September 1970 kontaktiert ein Unbekannter den linientreuen Studenten. Anfänglich glaubt Albrecht Dittrich, die Stasi wolle ihn als Mitarbeiter rekrutieren. Doch dann stellt sich heraus, es ist der KGB.

Die Stasi, das war DDR. Aber die Sowjetunion, der große Freund, das mächtigste Land der Welt, so ungefähr das gleiche wie die USA, die wollten mich! Das ist natürlich sehr schmeichelhaft.

Jack Barsky

Identität eines verstorbenen Jungen

Jack Barsky
Jack Barsky heute in Berlin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dittrich zieht nach Berlin, wo er zwei Jahre lang vom KGB trainiert wird. Dann geht es weiter nach Moskau, denn der sowjetische Geheimdienst hat Großes mit dem jungen Chemiker vor. Er soll die Identität eines gebürtigen Amerikaners annehmen. Den Namen Jack Barsky gab ihm der KGB von einem verstorbenen Jungen, dessen Identität der KGB für seinen Spion gefälscht hatte. Und so wird aus dem DDR-Bürger Albrecht Dittrich der US-Amerikaner Jack Barsky.

Ich habe wie ein Verrückter zwei Jahre daran gearbeitet, den deutschen Akzent loszuwerden - ziemlich erfolgreich. Aber innen drin war ich immer noch ein Deutscher.

Jack Barsky

Fernsehen, um das Land zu verstehen

1978 ist es schließlich soweit. Jack Barsky landet in New York. Vom KGB mit reichlich Dollars ausgestattet hat er viel Zeit, um sich im Feindesland einzuleben – und tut erstmal ein Jahr lang nichts.

Das erste Jahr, wo ich noch nicht gearbeitet habe in den USA, habe ich mir alles im Fernsehen angesehen. Auch Sport, denn ich musste ja lernen, wie American Football gespielt wird und Baseball. Ich wollte Amerikaner sein, und das war der schnellste und ungefährlichste Weg, zu lernen, mich nicht wie so ein Dummkopf zu benehmen.

Jack Barsky

Findet keine richtigen Geheimnisse

Jack Barsky jobbt als Fahrradkurier, absolviert ein Informatikstudium und landet schließlich als Programmierer in einem US-Versicherungskonzern. Er sendet regelmäßig Berichte nach Moskau, erstellt Dossiers über Freunde und Kollegen – doch an wirklich brisante Informationen kommt er nicht.

Tatsächlich habe ich mich ziemlich schuldig gefühlt, weil es das erste Mal war, dass ich nicht der Klassenbeste war. Denn ich habe keine richtigen Geheimnisse rausgefunden.

Jack Barsky

Eine Familie hier und eine Familie da

Alle zwei Jahre reist Barsky über Moskau zurück in die DDR. Hier hat er Frau und Kind, die sehnsüchtig auf ein Ende seiner Mission warten. Doch auch in New York lebt Barsky nicht allein. "Die Frau, mit der ich in Deutschland verheiratet war, habe ich total geliebt", sagt er. "Dann hatte ich eine Freundin in den USA, sie ist schwanger geworden und ich habe mich in das Kind verliebt."

Plötzlich war ich in der Sackgasse: Jetzt hatte ich eine Familie hier und eine Familie da. Habe ich mich schuldig gefühlt zu der Zeit? Nee! Weil ich die beiden Personen, den Amerikaner und den Deutschen, total auseinandergehalten habe.

Jack Barsky

Am Ende ist dann aber doch eine Entscheidung notwendig.

Aids als Ausrede

Das Ende kommt 1988. Moskau fordert Barsky zu Rückkehr auf. Doch der will bei seiner amerikanischen Familie bleiben.  Also tischt er dem KGB eine faustdicke Lüge auf.

Ich habe einen Geheimbrief geschrieben und erklärt, dass ich Aids habe und eine Behandlung in den USA suchen werde. Das haben die total geglaubt. Die sind zu meiner Familie gegangen und haben gesagt, dass ich schon tot war. Das war das Ende meiner Agententätigkeit.

Jack Barsky
Der Falsche Amerikaner
Das Buch von Jack Barsky Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vom KGB abgeschrieben lebt Jack Barsky den amerikanischen Traum. Er verdrängt sein früheres Agentenleben, vergisst Frau und Kind in Ostberlin. Fast zehn Jahre geht das gut, doch dann gerät Barsky ins Visier des FBI. Ein russischer Überläufer hat seinen Namen verraten. 1997 schnappt die Falle zu.

Rettung durch "Plaudern"

Doch er besaß noch genügend Informationen, sagt Barsky. "Die waren wichtiger als mich ins Gefängnis zu werfen und denen noch Geld zu kosten."

Mein Wert war das, was ich in meinem Kopf hatte. Ich hatte ja keinen Wert als Austauschobjekt. Die Russen wollten mich nicht mehr zurück und die Deutschen hatten auch nichts mehr mit mir zu tun.

Jack Barsky

Indem er umfangreich "plauderte“, konnte sich Barsky vor einer Gefängnisstrafe retten. Jetzt, gut zwei Jahrzehnte nach seiner Enttarnung, hat Jack Barsky seine unglaubliche Story aufgeschrieben. Es ist die tragisch-komische Geschichte eines jungen Ostdeutschen, der als roter James Bond für Moskau in den kalten Krieg zieht. Und schließlich aus Liebe im Feindesland die Waffen streckt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 22. März 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2018, 09:17 Uhr

Info

Jack Barsky mit Cindy Coloma "Der falsche Amerikaner. Ein Doppelleben als deutscher KGB-Spion in den USA"

"Der falsche Amerikaner. Ein Doppelleben als deutscher KGB-Spion in den USA"

Erschienen im Verlag SCM Hänssler.
424 Seiten,
ISBN: 978-3775158268

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