Kia Vahland - Leonardo da Vinci und die Frauen (Cover)
Bildrechte: Insel Verlag

Sachbuch: "Leonardo da Vinci und die Frauen" "Leonardo da Vinci und die Frauen" – der Künstler als Frauenrechtler

In ihrem Buch "Leonardo da Vinci und die Frauen" zeigt Kia Vahland den Renaissance-Künstler als Avantgardisten der Emanzipation. Seine Porträts offenbaren Frauen von einer zuvor nicht sichtbaren Seite: eigensinnig, verführerisch und klug. MDR KULTUR-Literaturkritikerin Bettina Baltschev stellt die Künstlerbiografie vor.

Kia Vahland - Leonardo da Vinci und die Frauen (Cover)
Bildrechte: Insel Verlag

"Leonardo da Vinci und die Frauen" heißt ein neues Buch, das sich mit den Frauen um den berühmten Renaissance-Künstler beschäftigt. Geschrieben hat es Kia Vahland und es ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch.

Glück trotz unehelicher Geburt

Selbstportrait von Leonardo da Vinci
Selbstportrait von Leonardo da Vinci Bildrechte: imago/Leemage

Leonardo da Vinci hatte Glück. Obwohl er 1452 als unehelicher Sohn einer Frau aus armen Verhältnissen zur Welt kam, war seine Kindheit behütet. Geprägt von der tiefen Liebe seiner Mutter, behütet von Wohlstand seines reichen Großvaters konnte er früh seine Talente schulen.

Auf Streifzügen durch die toskanische Landschaft widmet er sich dem Naturstudium, dem später auf den Straßen und Plätzen von Florenz das Menschenstudium folgt. Und während es ihn privat zu den Männern hinzieht, rückt er auf seinen Gemälden vor allem in Frauen ins Licht.

Laut der Autorin haben sie in den Porträts von da Vinci "eine Seele und einen starken Willen" erhalten, sie "bewegen sich in Zeit und Raum, sind Wesen eigenen Rechts in einer Epoche weiblicher Rechtlosigkeit."

Bis zu seiner Zeit wurden Mädchen auf italienischen Porträts nur im keuschen Profil gezeigt. Erst Leonardo wendet seine Frauenfiguren dem Betrachter zu und erlaubt beiden einen innigen Dialog.

Kia Vahland in "Leonardo da Vinci und die Frauen"

Drei entscheidende Frauen

Dame mit dem Hermelin
Dame mit dem Hermelin Bildrechte: imago/Leemage

Es sind drei Schlüsselwerke des Malers, die Kia Vahland in ihrer Künstlerbiografie in den Blick nimmt. Drei Porträts von Frauen, die durch ihn in die Kunstgeschichte eingegangen sind; Ginevra de’ Benci, Cecilia Gallerani, besser bekannt als die Dame mit dem Hermelin und, natürlich, ohne sie geht es nicht, die Mona Lisa.

Mit Ginevra de’ Benci, so würde man es heute wohl nennen, malt sich Leonardo frei, löst sich vom traditionellen, immer gleichen und seltsam starren Schönheitsideal.

Diese Frau, im echten Leben Dichterin und eine eigensinnige kluge Dame, wirkt auch auf der Leinwand lebendig. Mit nachdenklichem und melancholischem Blick schaut sie den Betrachter an.

Die innere und äußere Schönheit der Frau führt zur Schönheit einer neuen eigenwilligen Malerei. Diese Verbindung tut beiden gut, der Kunst und den Frauen.

Kia Vahland in ihrem Buch

Von da verfeinert Leonardo da Vinci die Darstellung seiner Frauenfiguren immer weiter, bis er eine neue Stufe seiner Meisterschaft erreicht: Cecilia Gallerani, die Dame mit dem Hermlin. Sie schaut den Betrachter nicht an, senkt aber auch nicht demütig den Kopf, sondern blickt verführerisch in die Ferne, in dem Armen das kleine Raubtier, gelenkig und stark, das viel Raum für Interpretationen lässt.

Mona Lisa als ebenbürtige Weltenfrau

Mona Lisa
Mona Lisa Bildrechte: imago/Leemage

Seinen Höhepunkt findet die die Hinwendung Leonardo da Vincis zu den Frauen schließlich in einem Porträt, an dem er so lange arbeitet, dass sich irgendwann nicht mehr mit Sicherheit sagen lässt, wer dafür eigentlich Modell gesessen hat. Autorin Vahland meint dazu: "Die Frau, die er malt, ist möglicherweise anfangs ein bestimmter Mensch, die Mittzwanzigerin Lisa del Giocondo aus Florenz. Bald aber gerät sie ihm zur Weltenfrau, zur großen Erzählerin seiner persönlichen Philosophie. Jeder Maler male sich selbst, sagt der Künstler einmal, und wenn die 'Mona Lisa' auch sicher kein Selbstbildnis Leonardos ist, ist diese bella donna doch das ideale Wunschwesen des älteren Meisters."

Dieses ideale Wunschwesen ist eine Frau, die dem Meister ebenbürtig ist, die ihn durch ihre Persönlichkeit und Ausstrahlung inspiriert, die sich nicht den gängigen Rollenzuschreibungen unterordnet. Der freie Geist Leonardo da Vincis, der die Malerei der Renaissance revolutioniert, befreit auch die Frauen aus der Enge ihrer arrangierten Ehen und ihres übersichtlichen Daseins in einer männlichen dominierten Welt. Und das, man muss es nochmal betonen, im 15. Jahrhundert!

Kia Vahland
Kia Vahland Bildrechte: Alessandra Schellnegger/Insel Verlag

Sein tiefer Respekt vor der Schöpfung und vor den Frauen, sein Glaube an die regenerativen Kräfte der Natur, sein Vertrauen in selbstbestimmte Individuen, seien sie männlich oder weiblich: Das überlebt vielleicht nicht immer und überall in der Welt, wohl aber in den Werken Leonardo da Vincis.

Kia Vahland in ihrem Buch

Neue Ansichten

Jede Zeit kennt ihren eigenen Blick auf Leonardo da Vinci, resümiert Kia Vahland am Ende ihres fundierten, schön illustrierten und mit leichter Hand geschriebenen Buches. Und sie fügt hinzu: dieser Blick wäre vor einigen Jahrzehnten vermutlich so noch nicht möglich gewesen.

Doch im Jahr 2019, fünfhundert Jahre nach dem Tod des Meisters, ist die Zeit gekommen, ihn als Avantgardisten der weiblichen Emanzipation zu feiern. Viel Mühe kostete es ihn nicht, die Gleichheit der Geschlechter war Teil des humanistischen Weltbildes Leonardo da Vincis.

Angaben zum Buch Kia Vahland: "Leonardo da Vinci und die Frauen. Eine Künstlerbiografie"
350 Seiten, gebunden, 26 Euro
ISBN: 978-3-458-17787-6
Insel Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2019 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2019, 14:59 Uhr

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