Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer
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Interview Bildungsempfehlung: Warum alle aufs Gymnasium wollen

Vor den Winterferien werden die Bildungsempfehlungen für Viertklässler vergeben. Die meisten Eltern wollen, dass ihre Kinder aufs Gymnasium gehen. Ist das Bildungsbegeisterung oder Angst vorm Abgehängt-Sein? Christian Füller, Journalist für Bildungspolitik, erklärt die Vor- und Nachteile des bundesweiten Ansturms aufs Gymnasium.

Eine Schülerin meldet sich in einem Klassenzimmer
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MDR KULTUR: Wodurch wurde der Boom des Gymnasiums ausgelöst?

Christian Füller: Durch den Pisa-Schock im Jahr 2001, als Deutschland im internationalen Vergleich die rote Karte bekommen hat. Der hat dazu geführt, dass die Eltern gemerkt haben, dass das Schulsystem in den unteren Schulformen, zum Beispiel an Hauptschulen, nicht so gut ist. Wir haben einen extremen Abiturboom seit 2001. Die Zahl der Abiturienten ist von 214.000 auf über 500.000 gestiegen. Die Hauptschulen laufen aus. Im Jahr 2001 hatten wir noch über eine Million Hauptschüler, 2011 waren es noch 400.000.  Die Hauptschule ist also ein sterbendes System. Das haben die Leute vorher schon gemerkt, aber durch Pisa wussten sie: Mein Kind sollte am besten auf eine höhere Schulform gehen und im Idealfall das Abitur machen.

Hat das auch mit sozialen Zukunftsängsten zu tun?

Ja, das Abitur ist der Standard. Jeder weiß, das braucht man. Auch meine Cousine in München weiß, dass ihre Kinder Abitur machen müssen, um den Standard zu halten. Um das Einkommensniveau zu halten, das man braucht, um dort zur Miete zu wohnen oder gar ein Häuschen zu kaufen.

Dass die Hauptschule stirbt, würden Sie aber nicht begrüßen?

Christian Füller
Bildungsjournalist Christian Füller Bildrechte: dpa

Was heißt begrüßen? Es ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Die Hauptschule ist Teil eines viergliedrigen Schulsystems. Traditionell wird in Deutschland sehr früh, also nach der vierten Klasse aufgeteilt, wer Richtung Studium geht und wer nicht. Dieses System ist zerbrochen, weil die Menschen gemerkt haben dass sich in den Hauptschulen teilweise Milieus gebildet haben. Wenn mehr Menschen aufsteigen, sind die, die zurückblieben, der doofe Rest. Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut hat das die Marienthal-Schulen genannt: Dort sammeln sich die Verzweifelten. Lehrer berichten, dass da keiner ist, der noch was will. Wenn es, wie in Berlin oder Bremen, auch keine Jobs gibt, gibt es keine Motivation, in der Hauptschule noch was zu machen. In Bayern war das eine Weile anders, weil es da auch gute Jobs für Hauptschüler gab.

Als Folge davon wird der Mangel an Facharbeitern beklagt. Die nicht akademischen Ausbildungsberufe sind in Gefahr, Nachwuchs fehlt. Wer bestimmt diese Bildungsbiografien?  

Christian Füller: Muß mein Kind aufs Gymnasium? Bildungserfolg ohne Druck
"Muss mein Kind aufs Gymnasium" heißt das aktuelle Buch von Christian Füller Bildrechte: Duden

Die gesellschaftliche Nachfrage nach höherer Bildung und die Dickköpfigkeit der Bildungsminister. Die Entwicklung nach Pisa 2001 war chaotisch. Die Bildungsminister haben damals beschlossen, auf keinen Fall an die Schulstruktur zu gehen. Aber nichts hat sich so dramatisch verändert wie die Schulstruktur. Wir haben seit 2008 einen Zuwachs bei den integrierten  Gesamtschulen von 700 auf über 2000. Also ein Plus von 200 Prozent. Das ist der stärkste Zuwachs bei einer Schulform. Dazu zählen Gemeinschaftsschulen, Stadtteilschulen, Oberschulen. Diese Gemeinschaftsschulen gibt es auch in Sachsen-Anhalt. Da schicken Eltern ihre Kinder hin, weil es da noch nicht festgelegt ist: Man muss nicht zwingend das Abitur machen, aber der Weg steht offen.

Sind Gemeinschaftsschulen eine Form, die Sie begrüßen würden?

Ja, auf jeden Fall.

Stimmt denn die These "Aufstieg durch Bildung" noch?

Das ist interessant: Der Bildungsaufstieg in den Sechzigern und Siebzigern wird heroisiert, zumindest im Westen der Republik. Der Osten hatte ein spezielles Aufstiegsmanagement, das mit Absolventenlenkung funktioniert hat. Aber im Westen hieß es mit Willy Brandt: Mehr Demokratie wagen mit Bildungsaufstieg. In den Sechzigern haben 65.000 Menschen in Westdeutschland Abitur gemacht.  Seit 2011 haben wir zwischen 470.000 und 500.000 Abiturienten. Trotzdem sagen manche, der Aufstieg sei schwieriger geworden. Wir haben das Problem: Wenn immer mehr Menschen hochfahren, aufs Gymnasium oder die Gesamtschule, herrscht bei denen, die unten bleiben, eine Bildungsarmut, die noch nicht mal mehr für die Jobs oder Lehrstellen ausreicht. Wir haben einen großen Bildungsaufstieg, aber wir müssen uns mit den Kindern unten – auch mit einem Teil der Zuwandererkinder – befassen, damit wir ihnen Mindestchancen geben.

Ein Fazit – was wäre Ihnen wichtig?

Von einem drei- oder viergliedrigen Schulsystem wie in Nordrhein-Westfalen oder Hessen zum Beispiel, mit Hauptschule, Realschule, Gesamtschule und Gymnasium nebeneinander, geht man auf ein zweigliedriges Schulsystem. Das Ideale ist meiner Ansicht nach in Schleswig-Holstein, Saarland und Berlin: Man braucht zwei Schulformen, das Gymnasium und eine zweite Schulform, die auch das Abitur anbietet, aber nicht jedes Kind zum Abitur führen muss.

Dann findet das erste Mal in der deutschen Geschichte, wo Auslese zum Gymnasium immer wichtig war, eine Verteilung der Talente auf diese beiden Schulformen statt. Dann können sich verschiedene Profile bilden, dann entfällt dieser große Druck und dann kann man das machen, worum es geht, zu sagen 'was brauchen die Kinder?'. Die Kinder brauchen nicht nur Leistung, sondern auch Liebe. Sie brauchen auch die Möglichkeit, sich zu entwickeln, wenn sie etwas langsamer sind. Und deswegen brauchen wir Schulformen, egal wie man sie nennt, Gemeinschaftsschule wäre mein Favorit, weil sich diese Schule jetzt bewährt in vielen Bundsländern, wo es auch andere Lehr- und Lernformate gibt, nicht nur frontal unterrichtet wird, entscheiden die Kinder auch vieles selbst. Und was die Eltern wollen, das darf man nie aus dem Auge verlieren.

Das Interview führte Stefan Maelck.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Bildungschancen - Bildungsgerechtigkeit. Der Tanz ums Gymnasium" | 14. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 09:03 Uhr

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