Wenn Kinder trauern
Manchmal ist es für Kinder besser, aus ihrer elterlichen Umgebung genommen zu werden Bildrechte: colourbox

Gespräch Wenn Kinder nicht bei ihren Eltern bleiben können

Immer wieder müssen Kinder aus der Obhut ihrer Eltern genommen werden, wenn ihr psychisches oder gar körperliches Wohlergehen in Gefahr ist. In Deutschland sind die Hürden dafür hoch. Warum es dennoch dazu kommen kann, wie dann vorgegangen wird und was man selbst vielleicht tun kann, wenn man eine Gefahr für Kinder zu erkennen glaubt, erläutert Jugendamtsleiter Alexander Frolow aus Halle.

Wenn Kinder trauern
Manchmal ist es für Kinder besser, aus ihrer elterlichen Umgebung genommen zu werden Bildrechte: colourbox

MDR KULTUR: Was raten Sie Nachbarn, Bekannten, die annehmen, ein Kind in Ihrer Umgebung könnte von Kindeswohlgefährdung betroffen sein? Wie verhält man sich da, ohne sich zu stark einzumischen aber ohne auch passiv zuzusehen?

Alexander Frolow: Ja, das hängt ein bisschen davon ab. Also eine Kindeswohlgefährdung kann ja sehr verschieden sein. Auch ein Kind mit einer Schnur im Pullover an der Kapuze, das vielleicht an einer Rutsche steht, kann ja in dem Moment gefährdet sein. Wichtig ist, wenn die Eltern in der Lage sind, hier etwas zu tun: Hinweise an die Eltern! Geben Sie den Eltern Bescheid! Seien Sie aktiv! Vielleicht reicht das schon aus, um Schlimmeres zu verhindern.

Das sind natürlich nicht die akuten Fälle, die sich die Meisten darunter vorstellen, das ist ganz klar. Aktivität ist in jedem Fall gut, also auch in den akuten Fällen natürlich. Wir bieten als Jugendamt Beratungsangebote an. Sie können sich also, wenn Sie sich nicht sicher sind, wenn Ihnen Dinge auffallen, an das Jugendamt wenden, auch beraten lassen zu der Situation. Wir versuchen das dann aufzuklären. Und in ganz akuten Fällen, wo es also wirklich eilig ist, können Sie sich über jede Notfallnummer, in der Regel die Polizeinummern an uns wenden. Die Polizei ist mit unserem Bereitschaftsdienst verbunden und dann werden die notwendigen Schritte eingeleitet.

Wie sieht so ein Prüfungsverfahren aus, bis letztlich entschieden wird über Inobhutnahme oder nicht?

Der Schriftzug "Jugendamt" ist auf einem Schild zu lesen.
Das Jugendamt ist für gefährdete Kinder zuständig Bildrechte: dpa

Nach der eingegangenen Information beginnt ein ziemlich komplizierter Prozess der Abwägung. Daran sind mehrere Fachkräfte beteiligt. In der Regel sind es Mitarbeiter unseres Allgemeinen Sozialen Dienstes also des ASD und die Teamleitung dieses Dienstes, unter Hinzuziehung weiterer Expertisen. Das ist vom Einzelfall abhängig. Es können Ärzte sein, Psychologen sein, die dann über das weitere Vorgehen beraten und die Frage, ob eine Kindeswohlgefährdung überhaupt vorliegt, erstmal klären. Ob sie vorliegt und ob wir mit Mitteln der Jugendhilfe dieser Kindeswohlgefährdung begegnen können. Das ist auch ganz stark davon abhängig, wie kooperationsbereit die Eltern sind. Also, ob das Familiengericht angerufen werden muss, notwendige Maßnahmen angeordnet werden können oder wir eben von einer dringenden Kindeswohlgefährdung reden, wo all das nicht mehr fruchtet, wo dann die Gefahrenabwehr im Vordergrund steht. Und dann wird anhand dieser Gefährdungsprognose die Entscheidung getroffen. Und entweder kommt man zu dem Schluss, andere Hilfen sind möglich und angebracht und können hier noch tätig werden – bei Kooperationsbereitschaft der Eltern. Oder, wenn diese eben nicht mehr besteht und das Gericht nicht mehr angerufen werden kann, dann entscheidet das Jugendamt ad-hoc. Das ist also wie so eine Gefährdungsgala, die da abgearbeitet wird. Und das endet dann natürlich mit der Inobhutnahme und der Anordnung der sofortigen Vollziehung einer Inobhutnahme.

Inwieweit wird das Kind da mit einbezogen oder eben nicht mit einbezogen in die Entscheidung?

Natürlich wird das Kind mit einbezogen, das ist ganz klar. Es wird ja mit dem Kind auch die Situation erörtert. Das ist natürlich abhängig vom Alter des Kindes, das ist ganz klar. Bei Gefährdung im Kleinkindbereich, dann sind es meistens äußere Erscheinungsbilder, die zum Beispiel auf eine Kindeswohlgefährdung schließen lassen, auch Verhaltensweisen, die man dann feststellt. Aber bei reiferen Kindern wird natürlich mit den Kindern geredet. Bei Selbstmeldern sowieso, ganz klar. Da steht das natürlich im Vordergrund, dass man erstmal aufklärt, was liegt denn hier für eine Situation vor? Was führt hier zu einer Krise? Und ist tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegend? Und dann wird auch gehandelt. Und bei der Entscheidung geht es in erster Linie darum, jetzt nicht gleich das Beste fürs Kind rauszuholen, sondern erst mal das Schlimmste zu verhindern. Also Gefahrenabwehr steht also da wirklich primär im Vordergrund.

Ein Kind sitzt mit dem Gesicht in den Armen auf dem Boden 11 min
Bildrechte: colourbox
Ein Kind sitzt mit dem Gesicht in den Armen auf dem Boden 11 min
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Wenn die Eltern dagegen sind, was passiert dann? Ich kann mir vorstellen, dass es da mitunter zu dramatischen Situation kommt.

Wenn die Eltern dagegen sind – wir reden ja von Sofortvollzug hier – dann ist es natürlich so, dass wir in erster Linie natürlich, wenn wir eine Kindeswohlgefährdung feststellen, auf die Kooperationsbereitschaft der Eltern setzen. Wenn die nicht gegeben ist, kommt es ja erst überhaupt zur Inobhutnahme durch das Jugendamt. Und im Anschluss an diese Inobhutnahme durch das Jugendamt muss dann auch über das Familiengericht geklärt werden, ob diese Inobhutnahme dann wirklich gerechtfertigt war. Ob das Kindeswohl wirklich gefährdet ist. Diese Entscheidung liegt dann in diesen Fällen, wo die Eltern partout nicht mitbestimmen, dann auch wirklich in den Händen des Familiengerichts.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR

Kinder sitzen beim Spielen auf einer Sitzbank an einem großen Fenster. 7 min
Bildrechte: Stiftung "Ein Platz für Kinder"

MDR KULTUR - Das Radio Do 22.08.2019 18:05Uhr 06:57 min

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Ein Kind hält einen Teddy mit Pflaster auf dem Kopf und verbundenem Arm 5 min
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Eine Frau sitzt mit zwei kleinen Kindern an einem Tisch, daneben ein größeres Mädchen 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. August 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 04:00 Uhr

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