Ein lachender Junge liegt mit einem Buch auf dem Wohnzimmerboden
Dass Lesen Spaß macht, lässt sich erlernen. Bildrechte: Colourbox.de

Aktion zur Lesekompetenz Lesenlernen hängt zu sehr vom Bildungsgrad der Eltern ab

Die Schere geht in Deutschland auch bei der Lesekompetenz immer weiter auseinander. Zwar lesen viele Kinder besser als vor ein paar Jahren, doch ebenso mangelt es zahlreichen Leseanfängern am verstehenden Lesen. Das Elternhaus spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine Aktion will nun gegensteuern, initiiert von der Kinderbuchautorin Kirsten Boie und unterstützt u.a. vom Autorenverband PEN. Zu den Gründen und möglichen Problemlösungen ist Jeanette Hoffmann im Gespräch mit MDR KULTUR, Professorin für Grundschulpädagogik in Dresden.

Ein lachender Junge liegt mit einem Buch auf dem Wohnzimmerboden
Dass Lesen Spaß macht, lässt sich erlernen. Bildrechte: Colourbox.de

Knapp ein Fünftel der Zehnjährigen in Deutschland kann nicht so lesen, dass der Text auch gleichzeitig verstanden wird. Der Fakt ist schon bekannt aber er sorgt gerade jetzt für Wirbel. Angeregt von der Kinderbuchautorin Kirsten Boie haben mehr als zwanzig Leute aus Kultur, Politik Kirche und Medizin eine sogenannte Hamburger Erklärung verfasst, mit der sie die Politik dazu auffordern, dafür Sorge zu tragen, dass sich das ändert. Zu den Erstunterzeichnern gehören Sascha Staničić, der Journalist Ulrich Wickert und der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Das PEN-Zentrum Deutschland, also der Autorenverband, legt jetzt nach und unterstützt diesen Vorstoß.

Dass Deutschland im internationalen Vergleich seit 2001 von damals Platz 5 auf Platz 21 aller beteiligten Länder abgerutscht ist, das ist ein Skandal, der nicht weiter hingenommen werden kann.

PEN-Zentrum Deutschland

Wo liegen die Probleme und was muss passieren?

Im Gespräch ist dazu Jeanette Hoffmann, Professorin für Grundschulpädagogik Deutsch an TU Dresden. Sie befasst sich mit dem Thema Lesekultur seit Jahren wissenschaftlich und praktisch.


MDR KULTUR: Es ist ja die Rede vom Verlust der Lesekultur. Das heißt, es muss sie mal gegeben haben. Was ist da anders geworden, dass wir sagen, heute ist die Lesekompetenz schlechter.

Jeanette Hoffmann: Zunächst mal ist festzuhalten, dass sich die Leseleistung insgesamt kaum verändert hat in Deutschland. Allerdings sind innerhalb dieses Ergebnisses doch deutliche Veränderungen vonstatten gegangen. Zum einen gibt es nun mehr Leistungsstarke und gleichzeitig auch mehr Leistungsschwächere. Das heißt, die Schere ist aufgegangen, was doch erstmal doch sehr beunruhigend ist.

Kinder lesen in einem Buch.
Kinder brauchen auch geeignete Bücher, um sich für das Lesen zu begeistern Bildrechte: Colourbox.de

Im internationalen Vergleich ist Deutschland zwar innerhalb der Leistung gleich geblieben aber doch zurückgefallen. Das heißt, andere Länder haben deutlich aufgeholt, haben die Leseleistung ihrer Schüler deutlich verbessert.

Was Deutschland auch sehr negativ abschneiden lässt, sind die sozialen Unterschiede, die festgestellt wurden. Und die sind auch in Deutschland am größten. Das heißt, der Erfolg der Leseleistung von Kindern ist im hohen Grad vom Bildungsgrad der Eltern oder auch von der Anzahl der in der Familie vorhandenen Bücher abhängig. Es sind weniger Kinder geworden, das ist für mich nochmal alarmierend, die wirklich täglich oder fast täglich zum Vergnügen lesen, also die eine Lesekultur entwickelt haben.

Hängt das auch damit zusammen, dass man sagt, diese Lesepaten und -stiftungen, die das Lesen fördern, die erreichen diese Klientel nicht, um die es wirklich geht? Also die Kinder, die wirklich so weit auseinandergerutscht sind, dass sie das verstehende Lesen eben wirklich nicht drauf haben?

Kleines Mädchen liest im Bett mit einer Taschenlampe
Leuchtet bei vielen Kindern heute unter der Bettdecke eher das Handy als die Leselampe? Bildrechte: IMAGO

Ich denke diese Aktionen und Aktivitäten von den Lesepaten, Stiftung Vorleseaktion und so weiter, die sind natürlich erstmal äußerst wichtig. Aber es sind eben Einkinderaktivitäten. Wichtiger im Alltag ist eine kontinuierliche Unterstützung aller Kinder, und dies im sozialen Kontext. Und da sind wirklich Personen wichtig, sind Gespräche wichtig, auch über das Gelesene. Oder eben auch gemeinsame Vorlesesituationen, -aktionen, wirklich im Alltäglichen.

Und da ist die Schule wirklich zentral im alltäglichen Unterricht, also sowohl im gesamten schulischen Alltag, als auch ritualisiert, zum Beispiel mit Lesestunden, Vorlesezeiten, Patenlesezeiten, Vorstellungen eigener Texte, Bibliotheksbesuche und so weiter. Also sozusagen nicht nur Highlights am Schuljahresanfang oder -ende, sondern eine Lesekultur, die im Alltag gepflegt wird und die eben immer auch sozial unterfüttert ist.

Also Kinder dort ansprechen, wo sie zu erreichen sind: In der Schule. Das fordert auch die Hamburger Erklärung, auch das PEN-Zentrum. Wie lernen denn Kinder in der Schule lesen?

Also zunächst mal ist es eben nicht nur alleine das Lesen, sondern das Lesen ist ja eingebettet in einen ganz komplexen Prozess des Schriftspracherwerbs. Das heißt, man lernt Schrift, aber auch eine ganz eigene Sprache, nämliche die Schriftsprache oder auch Bildungssprache, wie sie in der Diskussion oft genannt wird.

Und dass Lesen und Schreiben immer in Verbindung miteinander betrachtet werden. Und hier gibt es ja auch unterschiedliche methodische Zugänge, die beide Ansätze eng miteinander verbinden und nicht losgelöst, wie es früher der Fall war, als man voneinander getrennte Lehrgänge unterrichtete.

Um Kinder auf diesem doch sehr herausfordernden Prozess des Schriftspracherwerbs zu begleiten ist Kinderliteratur und sind Kindermedien elementar wichtig, weil sie natürlich an die frühen Vorlese- und Rezeptionserfahrungen der Kinder anknüpfen und natürlich mit einer hohen Motivation, mit einem Interesse verbunden sind. Literatur oder Schrift, die sich direkt auch an Kinder wendet! Aber auch selbstgeschriebene Texte, eigene Texte haben natürlich eine unglaubliche Motivation, diese auch präsentieren zu können und mit diesen auch kommunizieren zu können.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. August 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. August 2018, 04:00 Uhr