Neues Sachbuch Was heißt eigentlich, "Kinder Wollen"?

Kinder wollen? Diese Frage überhaupt stellen zu können, ist nicht so selbstverständlich. Barbara Bleisch und Andrea Büchler – die eine Philosophin, die andere Juristin – zeigen in ihrem Sachbuch all die Facetten eines nur scheinbar privaten Themas, das sie präzise und empathisch ausleuchten. Moralisieren tun sie angesichts all der heutigen Machbarkeiten nicht, aber sie laden ein, demütig zu sein und offen gegenüber dem Ungebetenen und Unbekannten. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Cover zum Sachbuch "Kinder wollen" 6 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.06.2020 06:00Uhr 05:46 min

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Kinder wollen – zwei Worte, um die kaum jemand drum rum kommt in seinem Leben. Sie verlangen, sich in Beziehung zu setzen zu dem, was in uns allen als Möglichkeit angelegt ist, und nach einer Entscheidung: Elternschaft oder nicht. Wollen wir oder nicht?  Und können wir verwirklichen, was wir wollen: ein Kind bekommen oder verhindern, schwanger zu werden?

Reine Privatsache?

Die scheinbar intimste aller privaten Angelegenheiten, mit wem wann jemand Kinder bekommt, wird dennoch per Gesetz und Recht begleitet – und damit öffentlich. So wird auch die Weite des Themas deutlich, das die Autorinnen Barbara Bleisch und Andrea Büchler nach mehrjähriger umfangreicher, ja weltumspannender Recherche ausbreiten. Bleisch ist bekannt als Moderatorin der Sendung "Sternstunde Philosophie" im Schweizer Fernsehen, Büchler Juristin und Professorin an der Uni in Zürich. So prägen die philosophische und die rechtliche Sicht dieses Buch, geschrieben in überaus deutlicher und präziser, dennoch leichter warmherziger Sprache. Und das angesichts von Sachverhalten, die, wie moderne Fortpflanzungsmedizin, keineswegs leicht und eindeutig sind und oftmals mehr als nur zwei Seiten haben. Und nicht immer eine Antwort, wie auf die Frage, warum wir Eltern werden?

Was alles machbar ist

Dass wir uns diese Frage so überhaupt stellen können, d.h., dass wir heute wählen können, ob und wann wir Eltern werden, ist noch nicht lange so selbstverständlich, wie sie klarmachen: Erst die Pille ermöglichte die sichere Verhütung. Doch so befreit von Unsicherheiten und Ängsten, tun sich damit wiederum andere Zwänge auf: Wir müssen planen, entscheiden: Wann ist der richtige Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen? Können wir beeinflussen, dass es gesund sein wird – und wie? Zeugung im Labor, Einfrieren von Eizellen, vorgeburtliche Tests, Leihmutterschaft, Genschere – mit dem medizinisch-technischen Fortschritt scheint alles möglich, selbst der Wunsch nach dem einzigartigen, dem ganz bestimmten Kind.

Und was ist mit den moralische Bedenken? Genau damit kommen die beiden Autorinnen nicht: "Das Recht darf nicht einfach eine bestimmte moralische Auffassung in Gesetze gießen, sondern muss – in liberalen Gesellschaften – unterschiedlichen Moralvorstellungen gegenüber neutral bleiben. Die moralphilosophische Argumentation muss daher alle Argumente bedenken und sorgfältig prüfen, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, voreingenommen und bevormundend zu sein."

Ist reproduktive Autonomie noch zeitgemäß?

Ein Kind zu bekommen oder nicht ist ein Menschenrecht. Niemand darf daran gehindert oder gezwungen werden dazu. Zur nächsten Jahrhundertwende werden schätzungsweise zehn bis zwölf Milliarden Menschen auf der Erde leben, heute sind es etwa sieben.  Da gibt es die Warnungen vor der Übervölkerung und andererseits staatliche Geburtenprämien wie z. B. in Ungarn oder der Schweiz. Pro und Contra zitieren die Autorinnen aus Texten weltweit. Sie trafen bei ihren Recherchen auf den Vorwurf, Eltern vor allem in westlichen Ländern seien Klimasünder der besonderen Art. Schließlich sei der ökologische Fußabdruck jedes einzelnen hier entsprechend des Lebensstandards enorm hoch. Ein- Kind-Politik sei angebracht. Ist unsere reproduktive Autonomie – selbstbestimmt über den Kinderwunsch entscheiden zu können - verhandelbar und unter welchen Bedingungen?

Demut vor dem Unbekannten

Private Wünsche, gesellschaftliche Ansprüche. Genau davon lebt der Text, der verschiedene Sichten sammelt, Argumente gegenüber stellt, ohne zu werten. Am Ende kommt so der Wunsch nach einem eigenen Kind  mit der Ehrfurcht vor dem Leben doch wieder zusammen. Ein Zitat möge als Beweis dafür stehen und als unbedingte Leseempfehlung fürs gesamte Buch.

Für den Philosophen Michael Sandel lehrt uns Elternschaft mehr als jede andere Beziehung Offenheit gegenüber dem Ungebetenen – was wiederum Demut vor dem Unbekannten verlange. Gäben wir dagegen dem Impuls nach, zu beherrschen, anstatt anzunehmen, zu formen, anstatt zu betrachten, gehe die Achtung für das Leben als ein Geschenk und die Wertschätzung unserer ganz individuellen Besonderheiten und Begabungen verloren. Die Eigenschaften eines Kindes zu optimieren, beschädigt in den Augen Sandels Elternschaft als eine Praxis der unbedingten Liebe zum eigenen Kind.

Angaben zum Buch "Kinder wollen" Barbara Bleisch, Andrea Büchler: Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung
304 Seiten, 22 Euro
ISBN : 978-3-446-26575-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2020 | 07:40 Uhr