Aktion "Dein Kind auch nicht"
Schauspieler Wilson Gonzales Ochsenknecht schlüpft für die Aktion "Dein Kind auch nicht" in die Rolle eines Kindes. Bildrechte: Toyah Diebel

Provokative Aktion "Dein Kind auch nicht" Kinderfotos im Netz: Würdelos und gefährlich?

Mit einer einfachen, aber wirkungsvollen Kampagne macht Toyah Diebel gerade darauf aufmerksam, wie unpassend es sein kann, wenn Eltern Fotos ihrer Kinder posten. Auf der Seite "Dein Kind auch nicht" und auf ihrem Instagram-Account veröffentlichte die Bloggerin mehrere Bilder, die Erwachsene in typischen Babyposen zeigen: auf dem Töpfchen, schlafend, beim Stillen oder beim Essen von Brei. Unter den Fotos steht der Slogan: "So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht." Wir haben mit Toyah Diebel über ihre Intention gesprochen.

Aktion "Dein Kind auch nicht"
Schauspieler Wilson Gonzales Ochsenknecht schlüpft für die Aktion "Dein Kind auch nicht" in die Rolle eines Kindes. Bildrechte: Toyah Diebel

MDR KULTUR: Angefangen haben Sie Ihren Kampf gegen Babybilder vor einem Jahr. Da haben Sie Ihr Gesicht in die Fotos von Mama-Bloggerinnen mit ihren Babys reinmontiert. Wie waren die Reaktionen der Mütter?

Toyah Diebel: Die finden das natürlich gar nicht toll. Wer will schon kritisiert werden für die Handhabung des eigenen Kindes? Allgemeine Kritik annehmen, ist immer etwas schwierig, aber gerade die Erziehung ist ein rotes Tuch.

"Die Handhabung des Kindes" formulieren Sie. Wieso ist das Ihrer Meinung so kritikwürdig?

Es ist einfach so, dass im Grundgesetz steht, dass die Privatsphäre eines Kindes immer geschützt werden muss. Also nicht nur eines Erwachsenen, sondern auch eines Kindes. Und es ist offensichtlich, dass das in den sozialen Medien nicht immer der Fall ist. Und ich gehe noch viel weiter: Es geht nicht nur um Privatsphäre, sondern auch um die Würde. Auch die ist im Grundgesetz verankert und unantastbar. Ich frage mich schon, was das mit Würde zu tun hat, wenn ein nacktes Kind auf der Toilette sitzt neben seinem ersten Geschäft.

Aktion "Dein Kind auch nicht"
Wilson Gonzales Ochsenknecht posiert auf dem Topf Bildrechte: Toyah Diebel

Was sind ansonsten die würdelosesten Motive für Sie?

Ich finde alles würdelos oder sehr fragwürdig, wo die Privatsphäre des Kindes offensichtlich nicht geschützt ist. Das sind Motive wie: Das Kind weint. Ist nackt. Ist mit Brei verschmiert. Ist unglücklich. Oder es schläft. Das sind einfach Momente, die wir Erwachsenen ja auch nicht im Internet dokumentiert wissen wollen. Warum muss also das Kind darunter leiden?

Sie schreiben auch, dass Fotos von Kindern im Netz gelegentlich in andere Zusammenhänge gestellt werden. Auch in sexualisierten Motiven?

Richtig. Und das ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Es gibt ganze Reihen von Servern, wo Bilder ohne das Wissen der Eltern geklaut werden, diese werden auf anderen Servern hochgeladen und in sexuelle Kontexte gebracht. Bei Youtube-Videos, wo ein Kind die Beine überschlägt, machen diese Leute in dem Moment, wo die Beine gespreitzt sind, einen Screenshot und sammeln diese Bilder. Nun kann man sich vorstellen, dass es Menschen gibt, die diese Bilder mehr als süß finden. Warum möchte man das als Eltern verantworten können? Wenn man Bilder und Videos ins Netz stellt, muss man damit rechnen, dass so etwas passieren kann. Das finde ich absolut fahrlässig.

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Auch Bloggerin Toyah Diebel ließ sich für ihre Aktion als Säugling fotografieren. Bildrechte: Toyah Diebel

Da fängt der Missbrauch manchmal schon an.

Richtig. Ich finde es immer sehr wichtig, zu überlegen, welches Bild ich ins Internet stelle und welche nicht. Ich kann darüber entscheiden, wie ich im Internet aussehen möchte, wie meine Identität wahrgenommen werden soll. Ein Kind hat überhaupt keine Kontrolle und keine Wahl. Es wird irgendwann im Internet aufwachen und die eigene Identität bereits vorhanden sehen. Und dann ist die Frage: Möchte dieses Kind das überhaupt so haben? Und was macht das mit der eigenen Psyche?

Die meisten Mütter und Väter ahnen vielleicht oft nicht mal, was sie damit anrichten. Fehlt da die Medienkompetenz?

Total. Das ist definitiv nicht nur ein Thema für den einzelnen Elternteil, sondern für uns als Gesellschaft. Es benötigt absolut mehr Bildung, frühe Aufklärung, wie man sich Im Internet zu verhalten hat. Internetführerschein klingt immer lustig, ist aber ernst gemeint. Man sollte von Klein auf beigebracht bekommen, was es für Konsequenzen haben kann, wenn man Daten und Bilder von sich freiwillig ins Netz stellt. Gerade Erwachsene sollten das wissen, weil die Kinder dieses naive fehlerhafte Verhalten sonst auch noch adaptieren.

Aktion "Dein Kind auch nicht"
Oft werden Kinderfotos auch für Werbezwecke in den sozialen Medien veröffentlicht. Bildrechte: Toyah Diebel

Wenn jemand auf dem Spielplatz Fotos machen würde, würden sofort die Eltern oder die Ordnungsmacht einschreiten. Wieso ist das im Netz nicht so?

Das ist ein gutes Beispiel. Wenn Thomas, 44, auf dem Spielplatz zu meiner 5-jährigen Tochter sagen würde: Du bist aber süß, dich würde ich gerne kennenlernen. Dann wäre die Sanktion sofort da. Ich und andere Eltern würden einschreiten, vielleicht sogar die Polizei holen. Wenn eine fremde Person den selben Satz als Kommentar unter ein Bild meiner Tochter schreibt, freuen wir uns. Das ist paradox! Und es ist ein Irrglaube, dass Realität und Internet zwei verschiedene Welten sind. Das ist nämlich nicht so.

Als Sie diese Kinderfotos nachgestellt haben, wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Es kann sich wahrscheinlich jeder vorstellen, dass es ein unangenehmes Gefühl ist, sich vor anderen Leuten auszuziehen, wenn man das nicht gewohnt ist. Dadurch dass wir uns als Erwachsene in diese Positionen gebracht haben, kann man sich vielleicht besser reinfühlen, wie abstrus der Fakt ist, dass wir Kinder nackt auf dem Klo posten.

Wenn man diese Bilder bei Ihnen gesehen hat, wird man solche Kinderbilder vielleicht nicht mehr so süß finden.

Das hoffe ich. Meine Intention ist die, dass darüber diskutiert und drei Mal darüber nachgedacht wird, bevor man ein Kinderfoto posten möchte, ob das richtig ist. Man sollte sich darüber klar sein, wer das womöglich alles sieht. Gibt es jemanden, der dieses Foto nicht sehen sollte? Ist die Privatsphäre meines Kindes auf dem Bild geschützt? Und wenn das nicht so ist, hoffe ich, dass meine Kampagne den einen oder anderen dazu bringt, das Foto nicht hochzuladen.

Aktion "Dein Kind auch nicht"
Toyah Diebel mag es auch als Erwachsene nicht, wenn sie schlafend fotografiert wird. Bildrechte: Toyah Diebel

Das Interview führte Alexander Mayer für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. März 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2019, 18:23 Uhr

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