Betrachtung Notstand in der Kita?

Erzieherinnen und Erzieher werden händeringend gesucht. Mancherorts müssen Kitas mittlerweile sogar tageweise schließen, weil sie nicht genügend Personal haben. Wie sieht der Kita-Alltag aus angesichts solcher Umstände? MDR KULTUR-Autorin Mareike Wiemann schildert ihre Sicht der Dinge. Sie ist Mutter von zwei Kindern, die eine städtische Kita in Leipzig besuchen.

Meine Tochter kam im August 2016 in die Kita. Eine Woche nach Beginn der Eingewöhnung erkrankte eine der zwei Erzieherinnen ihrer Gruppe – dauerhaft, wie uns nach ein paar Wochen klar wurde. Im Kita-Alltag hieß das nun: Eine Erzieherin stand ganz alleine vor der Herausforderung, eine neue Krippengruppe mit zwölf Einjährigen aufzubauen. Mit zwölf Kindern also, die gewickelt werden müssen und teilweise nicht alleine essen können.

In den Folgemonaten wurde jongliert: Wurden morgens nur acht Kinder oder weniger gebracht, blieb die eine Erzieherin weitgehend auf sich allein gestellt. Kamen mehr Kinder, musste eine Kollegin mithelfen. Hier waren immer wechselnde Mitarbeiterinnen im Einsatz, je nachdem, wer gerade verfügbar war. Eine kontinuierliche Betreuung mit festen Bezugspersonen, die ja gerade in diesem Alter so wichtig ist, fand nicht statt. Von einem dauerhaften Ersatz konnten wir alle, Erzieherinnen, Eltern und Kinder, nur träumen.

Die Kinder einen Tag zuhause lassen?

Nach einem halben Jahr kehrte die erkrankte Erzieherin damals wieder zurück. Aber der Eindruck vom Anfang ist hängen geblieben: Die Dienstpläne decken nur notdürftig den Bedarf ab. Und immer, wenn jemand ausfällt, wird es eng. So eng, dass uns dann die Erzieherinnen auch schon gefragt haben, ob wir unsere Kinder nicht früher abholen oder einen Tag ganz zuhause lassen können.

Der Personalmangel spielt in diesem ganzen Chaos natürlich eine Rolle, denn immer wieder zögerten sich auch in unserer Kita Neueinstellungen monatelang hinaus.

Schlechter Betreungsschlüssel in Sachsen

Außerdem heißt es noch lange nicht, dass Kinder adäquat betreut werden, wenn alle Stellen in unserer Kita besetzt sind. Der Betreuungsschlüssel in Sachsen gehört immer noch zu den schlechtesten bundesweit. Konkret heißt das, dass meine mittlerweile fast vierjährige Tochter schon lange keine Ausflüge oder Spaziergänge mehr mit ihrer Gruppe gemacht hat. Den Erzieherinnen ist das Risiko einfach zu groß, eines der vielen Kinder aus den Augen zu verlieren. Das einzige regelmäßige Gruppenangebot findet außerdem immer schon morgens um halb neun statt – einfach weil dann noch nicht alle Kinder da sind, und nur dann solch ein Programm möglich ist.

Dass die Personaldecke in den Kitas sehr dünn ist, bekomme ich immer wieder auch im Freundeskreis mit. Eine Bekannte bekam letztes Jahr in einer neu eröffneten inklusiven Kita den ehrlichen Rat, ihr Kind mit Förderbedarf lieber nicht dort anzumelden. Man sei unterbesetzt, finde kaum Personal und stelle dementsprechend alle ein, die sich vorstellten – nicht nur die guten Bewerber.

Burn-out: vermutlich kein Fremdwort

Ich mache den Erzieherinnen und unserer Kita-Leiterin hier keine Vorwürfe, ganz im Gegenteil: Sie sorgen unter schwierigen Bedingungen liebevoll für die Kinder. Eine Dauerlösung kann so aber nicht aussehen, denn sie geht zulasten aller Beteiligten: Sie geht zulasten der Kinder und der Beschäftigten, für die Burn-out vermutlich schon lange kein Fremdwort mehr ist.

Seit dem vergangenen Sommer geht nun auch mein kleiner Sohn in die Kita. In seiner Krippengruppe sind zwölf Kinder, auch wenn es laut dem aktuellen sächsischen Betreuungsschlüssel nur noch elf sein dürften. Betreut werden sie von zwei tollen Erzieherinnen – von denen die eine allerdings seit Januar krank ist. Aktuell springt glücklicherweise eine Kollegin von einer anderen Kita ein, deren Arbeitsstelle gerade saniert wird. Wie es weitergeht, wenn sie zurückgeht? Das weiß niemand.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 04:00 Uhr

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