European Shooting Star Film-Star aus Jena: Albrecht Schuch über die Berlinale und internationale Aufmerksamkeit

Heike Makatsch, Daniel Brühl und Jella Haase – sie waren am Anfang ihrer Karriere einmal "European Shooting Star". Der Berlinale-Preis soll ein Sprungbrett für nationale und internationale Karrieren sein. Das braucht Albrecht Schuch eigentlich nicht mehr: Der Schauspieler, der in Jena geboren wurde und in Leipzig studierte, begeisterte in "Systemsprenger" an der Seite von Helena Zengel oder in "Berlin Alexanderplatz". Mit der Serie "Bad Banks" feierte er auch internationale Erfolge.

Albrecht Schuch 4 min
Der Schauspieler Albrecht Schuch auf der Berlinale Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

MDR KULTUR - Das Radio Mo 01.03.2021 06:00Uhr 03:58 min

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MDR KULTUR: Sie haben im letzten Jahr zwei deutsche Filmpreise bekommen, Sie spielen seit 20 Jahren Theater und machen seit zehn Jahren Kinofilme. Was bedeutet es Ihnen, jetzt als "European Shooting Star" ausgezeichnet zu werden?

Albrecht Schuch: Ich fühle mich geehrt, in diesem Jahr meine Zunft repräsentieren zu dürfen. Aber was überwiegt, ist das Glück. Das Glück mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen, die ich sonst vielleicht nicht getroffen hätte. Der Blick über den deutschen Tellerrand. Menschen zu treffen, die eine andere Geschichte haben, andere Geschichten erzählen, andere Biografien, einen anderen Witz und eine andere filmische Umsetzung dafür suchen. Das ist für mich als Schauspieler und als Mensch horizonterweiternd bis unters Dach. Und darüber hinaus.

In den vergangenen Jahren waren die Tage während der Berlinale für die "Shooting Stars" immer eine Mischung aus Bootcamp und Ferienlager. Auf einer Welle der Euphorie eilten die "Shooting Stars" von einem Event zum nächsten.

Das werden wir dieses Jahr ganz bestimmt leider nicht so machen können. Aber wir versuchen, das Beste draus zu machen – in virtuellen Räumen eben. Es wird im Ansatz nicht so sein, als würden wir uns live sehen. Aber hoffen wir, dass wir im Sommer die Gelegenheit haben werden, dann holen wir das alles nach.

Im vergangenen Jahr waren Sie in der Neuadaption von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" zu sehen, jetzt auf der Berlinale in Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde". Im Herbst kommt noch "Die Schachnovelle" nach Stefan Zweig. Es scheint, als hätte Sie ein Abo auf deutsche Klassiker.

Ich weiß nicht, ob ich von Abo sprechen würde. Für mich sind das erstmal drei schöne Projekte.

Was hat Sie an "Fabian" gereizt?

Gleich zwei Dinge: Der eine Grund war die Rolle des Stefan Labude selbst. Für mich als Schauspieler ist es immer interessant, wenn die Rolle, die ich spiele in einem inneren Konflikt steckt. Labude steht zwischen zwei Lebensentwürfen: Sein Traum ist es, romantisch-poetisch-politischer Schriftsteller zu werden. Auf der anderen Seite steht der Gegenentwurf, der Wunsch und Druck des Vaters in seine Fußstapfen zu steigen und Jurist zu werden. Ein Jurist, der die Korrupten und Reichen vertritt. Mit tragischem Ausgang.

Und der andere Grund?

Dominik Graf. Er ist ein begnadeter Regisseur. "Die Katze" oder seine Serie "Im Angesicht des Verbrechens" haben mich wahnsinnig inspiriert. Aber nicht nur das. Ich lese immer mit großer Freude seine Texte. Der Zustand der Filmbranche übertragen auf den Zustand der Gesellschaft. Er sucht immer wieder nach neuen Zugängen in seiner filmischen Umsetzung. Er verliert nie die Neugier, ruht sich nie auf seinen Erfolgen aus. Diese Mischung aus kindlicher Neugier und intellektueller, kluger, weiser Art hat mich umgehauen.

Wie nah lassen Sie Figuren wie Reinhold in "Berlin Alexanderplatz", Micha in "Systemsprenger" oder Stefan Labude in "Fabian" an Sie heran?

Filmszene aus "Berlin Alexanderplatz"
Schuch in "Berlin Alexanderplatz" Bildrechte: Verleih Entertainment One Germany

Das ist von Film zu Film ganz unterschiedlich. Micha habe ich ganz nah an mich herangelassen, ihm habe ich ganz bewusst viele eigene Töne mitgegeben, habe aus meinem eigenen Erfahrungsschatz geschöpft, nach Gemeinsamkeiten gesucht. Bei Reinhold war das ganz anders. Da habe ich sehr darauf geachtet, dass immer mindestens zehn Zentimeter zwischen ihm und mir sind. Ich brauchte eine räumliche Distanz.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

Albrecht Schuch und Helena Zengel (M) Darsteller des Films "Systemsprenger" freuen sich nach der Preisverleihung
Mit Helena Zengel auf dem Roten Teppich der Berlinale Bildrechte: dpa

Ich brauche Rituale. Bei Reinhold habe ich jeden Abend nach Drehschluss eine Wassertherapie und Atemtechniken genutzt, um zur Ruhe zu kommen. Ich will da gar nicht zu sehr aus dem Nähkästchen plaudern, das ist mein eigener, persönlicher Schatz. In der Ausbildung und im Studium wurde wenig darauf eingegangen. Es werden einem oft 15 Techniken präsentiert, wie man sich einer Figur oder einem Charakter nähern kann. Aber niemand erklärt einem, wie man Figuren wieder los wird.

Wie haben Sie es dann gelernt?

Filmszene: Systemsprenger
Zengel und Schuch in "Systemsprenger" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Begegnung mit Helena Zengel in "Systemsprenger" hat mir sehr geholfen. Genauso wie die Arbeit mit der Regisseurin Nora Fingscheidt. Helena war bei den Dreharbeiten 9. Nora und sie hatten nach jedem Drehtag ein Ritual. Dadurch habe ich mich vielmehr getraut, denn ich wusste, dass es am Ende des Tages eine Art Ventil gibt, das Gespielte zu verarbeiten.

Helena Zengel wurde für ihre Rolle in "Neues aus der Welt" für einen Golden Globe nominiert, Sie selbst haben mit der Serie "Bad Banks" international viel Anerkennung erfahren. Würden Sie gerne international(er) arbeiten?

Jana (Paula Beer, 2.v.r.) bekommt ein Team zur Seite gestellt: Thao Hoang (Mai Duong Kieu, l.), Adam Pohl (Albrecht Schuch, 2.v.l.) und Shanti Bhardevej (Utsav Agrawal, r.) legen sich ins Zeug, um einen lukrativen Auftrag ans Land zu ziehen in dieser Szene der Folge "Die Kündigung" der ZDF-Serie "Bad Banks".
Schuch als Jung-Banker Adam Pohl (h.l.) in "Bad Banks" Bildrechte: picture alliance/dpa/ZDF | Sammy Hart

Ja, unbedingt, denn wenn ich auf Englisch spiele, habe ich das Gefühl, dass es in mir noch einmal etwas komplett anderes auslöst. Dass mein Körper ein anderer wird. Denn das, was da in meinem Körper schwingt, ist nicht meine Muttersprache. Ich habe im Spiel eine ganz andere Distanz. Klar wird die auch irgendwann weniger. Je mehr ich die Sprache spreche, je mehr ich das Land kennenlerne, in dem ich drehe. Diese Horizonterweiterung reizt mich. Denn das bedeutet für mich als Schauspieler, dass ich mich und mein eigenes Spiel nochmal ganz neu erfahre.

Sie sind in Jena geboren und aufgewachsen, haben in Leipzig Schauspiel studiert, leben jetzt in Berlin. Wie wichtig sind Ihnen Ihre Wurzeln?

Uwe Mundlos (Albrecht Schuch. li.), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe, mi.) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky, re.)
Schuch als Uwe Mundlos im ARD-Film "Mitten in Deutschland" über die Anfänge des NSU in Jena Bildrechte: SWR/Stephan Rabold

Sehr wichtig. Jena und Leipzig sind Teil meiner Geschichte, mein Leben findet an diesen Orten noch statt. Meine Eltern, meine Großeltern, meine ersten Schritte als Schauspieler sind damit verbunden. Leipzig ist vor allen Dingen der Ort, an dem ich mein Schauspiel vertieft habe, nochmal anders erlernt und erfahren habe. Jena ist das Umfeld meines Erwachsenwerdens. Da habe ich die Erfahrungen gemacht, die mich heute noch ausmachen.

Das Gespräch führte Anna Wollner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. März 2021 | 07:10 Uhr

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