"Ein Jahr Corona – ein Blick zurück nach vorn" Leipziger Filmemacherin Alina Cyranek über Regeneration und fehlenden Austausch

Seit mehr als zehn Jahren dreht Alina Cyranek Dokumentationen und kurze, experimentelle Filme. So begleitete sie in "Szenen eines Abschieds" drei Theatermacherinnen, die über 80 Jahre alt waren. Beim DOK Leipzig 2020, das wegen der Pandemie auch online stattfand, erzählte Cyranek mit Hilfe von Animationen vom "Hotel Astoria". Im Lockdown besuchte sie zudem Kinos in Thüringen. Die Corona-Krise ist für die Filmemacherin Segen und Fluch zugleich.

Alina Cyranek 7 min
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Die Leipziger Filmemacherin Alina Cyranek hat den Lockdown zur Regeneration genutzt. Später stellte sie Kinos ins Thüringen vor. Im Gespräch mit Thomas Bille erzählt sie, was im Lockdown fehlt.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 19.03.2021 06:00Uhr 07:22 min

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Für Alina Cyranek bedeutete der Lockdown zuerst eine wohlverdiente Zwangspause: "Ich habe mich viel ausgeruht. Denn das Filmbusiness – wie vermutlich viele Kulturbereiche – ist sehr schnelllebig", erzählt die Leipziger Filmemacherin. "Das war keine Zeit des Stillstands, sondern Regeneration, Auftanken, neue Ideen sammeln und entwickeln." Vor zwei Jahren, erzählt sie, habe sie kurz vor dem Burn-out gestanden. Dass sie nun durch äußere Umstände in ihrem Schaffensdrang ausgebremst wurde, sei vielleicht gar nicht so schlecht.

Der Austausch fehlt

Metropol Kino
Das Metropol Kino in Gera wurde vor Jahren als Programmkino wiederbelebt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dennoch vermisste Alina Cyranek die filmische Arbeit und deshalb auch im Lockdown ein Projekt realisiert: Für die Reihe "Heimatkino" besuchte sie besondere Kinos in Thüringen, um zu zeigen, wie vielfältig und wertvoll die Kinolandschaft ist. "Es war toll, wieder einen Drehtag zu haben", meint Cyranek. Denn auch für sie wurden viele Projekte abgesagt oder vorerst verschoben. "Aber mir blutete auch das Herz, weil ich gesehen habe, dass da alle am Schwimmen sind. Sie wissen nicht, wie lange das geht, wann die Hilfen kommen, wie sie mit dem Publikum in Kontakt bleiben können. Es ist schwierig, mit den Händen im Schoß abzuwarten."

Cyranek hat in dieser Zeit nicht nur mit Kinobetreiberinnen und -betreibern gesprochen. Für ihren Film "Szenen eines Abschieds" hat sie drei Theatermacherinnen im Alter von 85, 86 und 87 Jahren begleitet. Im Lockdown habe sie eine dieser Protagonistinnen im Altersheim angerufen, erzählt Cyranek im Gespräch. "Bei ihr ist es so, dass sie sehr vereinsamt. Es gibt keinen Austausch, es werden keine Reize gesetzt, auch das Gedächtnistraining. Das ist für alte Menschen sehr schwer, wenn sie 24 Stunden am Tag alleine in ihrem Zimmer verbringen müssen."

Anneliese (87) blickt in einen Spiegel. In der erhobenen linken Hand hält sie einen Apfel.
In "Szenen eines Abschieds" begleitete Alina Cyranek drei Theatermacherinnen. Bildrechte: MDR/Alina Cyranek

Auch darüber hinaus beobachtet Cyranek, dass die Menschen zunehmend in ihren eigenen "Blasen" bleiben. "Es fehlt der Austausch, die Begegnungen, das Zwischenmenschliche." Gleichzeitig kritisiert Cyranek das Verhalten von Menschen, die scheinbar entgegen der Anstrengungen der vergangenen Monate nach Mallorca reisen. "Da fehlt mir einfach das Verständnis."

Der Bedarf an Geschichten

Hotel Astoria
"Hotel Astoria" erzählt von dem legendären Haus in Leipzig. Bildrechte: Dok Leipzig/Hotel Astoria/Falk Schuster, Alina Cyranek

"Andererseits habe ich das Gefühl, dass der Bedarf an Geschichten unglaublich groß ist – seien es Bücher, Hörspiele, Filme oder Serien. Da ist ein großer Bedarf, sich in andere Welten zu flüchten und sich die Zeit zu vertreiben, was für meine Branche ein gutes Zeichen ist", stellt Cyranek fest. Deswegen ist sie auch der festen Überzeugung, dass das Kino die Krise überleben wird – trotz aller verlockenden Streaming-Angebote für das eigene Zuhause.

Allerdings glaubt sie nicht an eine baldige Öffnung. Dafür brauche es eine gut durchdachte und einheitliche Strategie der Länder, erklärt Cyranek. "Da hängen nicht nur die Kinos, sondern auch die Filmverleiher dran. Wenn ein Film in Bayern in den Kinos startet, aber nicht in Sachsen, weil da die Kinos zu sind, werden die Filme verbrannt. Die Kinos machen ihre Umsätze außerdem gar nicht so sehr mit den Tickets, sondern mit Gastronomie, mit Cola und Popcorn. Wenn sie das aus Hygienegründen nicht verkaufen dürfen, ist das prekär. Ich weiß nicht, ob sich die Politik Gedanken darüber gemacht hat, wie Kinos wirtschaftlich funktionieren."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2021 | 08:10 Uhr

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