Interview Lesbisch in der DDR: Barbara Wallbrauns Film "Uferfrauen"

Die Leipziger Filmemacherin Barbara Wallbraun tourt mit ihrem preisgekrönten queeren Film "Uferfrauen" durch Thüringen. Der Dokumentarfilm portraitiert sechs lesbische Frauen, die in der DDR gelebt und geliebt haben. Im Interview mit MDR KULTUR spricht die 1983 im thüringischen Eichsfeld geborene Barbara Wallbraun über die Arbeit am Film und künftige queere Projekte, die noch in diesem Jahr in Leipzig und Dresden realisiert werden sollen.

Frauen
Lesbisch in der DDR: Sechs sehr unterschiedliche Frauen berichten über ihr Leben und Lieben im realexistierenden Sozialismus Bildrechte: déjà-vu film

MDR KULTUR: Wie kam es zum Titel Ihres Dokumentarfilms "Uferfrauen"?

Barbara Wallbraun: 'Vom anderen Ufer kommen' wurde in der DDR häufig gesagt. Ein Ufer kann man ja auch als Element sehen: am sicheren Ufer bleiben oder ins kalte Wasser springen. Uferfrauen: Eine Bezeichnung für Frauen, die lange auch gar keine eigene Bezeichnung hatten. Und so wird eine schöne Metaebene aufgemacht, die jede für sich selber interpretieren kann.

Hat es das Wort "lesbisch" in der DDR gegeben?

Ich bin in den 90ern in Thüringen groß geworden. Da gab es das Wort nicht. Also wird das, glaube ich, in der DDR auch nicht anders gewesen sein. Das wird auch im Film immer wieder gesagt, wir hatten dafür gar keine Begrifflichkeit. Für Frauen, die ein Stück weit in aktivistischen Kreisen unterwegs waren, war das dann eine Selbstverständlichkeit. Aber bei weitem war das Wort nicht so geläufig wie heute. Ganz oft kam: 'Ach, bist du schwul?' Schwul war dann halt das Wort für Homosexualität, das auch für Frauen angewandt wurde. Und diese Selbstverständlichkeit, diesen Begriff zu nutzen, kam dann erst mit der Zeit.

Eine Stärke Ihres Films ist, dass er keine eindeutige politische Botschaft verbreitet. Er lebt von den Begegnungen mit den sechs Frauen und ihren Geschichten.

Die Kunst des Dokumentarfilms ist es, durch viele kleine Nebensätze, Gedankenspiele entstehen zu lassen. Dieser Film ist so reich an Informationen und jede kann sich das rausziehen, was sie möchte, was sie braucht. Deswegen spricht der Film eben nicht nur ältere Lesben an oder ältere Frauen, sondern auch sehr viele junge, lesbische und queere Menschen an, die etwas über die Geschichte wissen wollen und sich gleichzeitig etwas persönliches rausziehen können. Der Film, so wie er ist, erzählt zwar von der DDR, aber eigentlich, wenn man genauer hinguckt, erzählt er die Geschichte von ganz vielen Menschen weltweit zum jetzigen Zeitpunkt. Da muss man so ein bisschen zwischen den Zeilen lesen.

Wir leben in einer Zeit, in der es sehr stark darum geht, wie Personen gelesen werden wollen. Es geht viel um Identitäten und Genderdifferenzen. Ihr Film ist dabei sehr inklusiv, so dass selbst ich mich als weißer, nicht mehr junger cis Mann diesen queeren Frauen sehr nah fühle.

Der Film geht eigentlich darum, sechs Menschen zu porträtieren. Ein empathischer Mensch – egal ob cis, weiß, männlich, hetero, – wird natürlich unbedingt eingeladen, sich mit den Frauen zu identifizieren und aus ihren Geschichten etwas für sich selbst mitzunehmen. Als ich 2013/2014 mit der Idee zum Film hausieren ging, sagten Viele, dass sich den Film nur im Osten sozialisierte Lesben angucken würden. Und ich dachte mir: Das ist nicht der Film, den ich machen möchte. Ich will ein menschliches Gefühl erzeugen: Empathie. Ich gucke mir ja zum Beispiel auch Dokumentarfilme über indigene Völker im Amazonas an und kann daraus etwas für mich ziehen. Selbst wenn ich mir denke, dass das nicht im Entferntesten etwas mit mir zu tun hat, nehme ich etwas für mich mit. Leider ist mein Film jedoch nicht von so vielen Männern gesehen worden, weil es, glaube ich, einfach auch ein abschreckendes Thema ist.

Warum ziehen diese Frauen, die ihre Mütter und Großmütter sein könnten, Sie so an? Obwohl die Zeit, von der die sechs Frauen erzählen, 30 bis 40 Jahre zurückliegt?

Als ich 2012 angefangen habe, über den Film nachzudenken, gab es bei mir einfach eine große Wissenslücke: Wie ging es Lesben in der DDR? Und natürlich fragt man sich als Ostsozialisierte: Wie wäre mein Leben im katholischen Eichsfeld gelaufen, wäre der Mauerfall nicht gekommen? Das sind Gedankenspiele, die ganz automatisch kommen: Wie wäre es mir denn in der DDR gegangen? Hätte ich meine lesbischen Gefühle entdeckt? Hätte ich sie leben können? Hätte ich wie viele andere klassisch einen Mann geheiratet, Kinder bekommen, mich unglücklich gefühlt? Und darauf wollte ich Antworten finden.

Wollen Sie jetzt nach Ihrem ersten großen Dokumentarfilm mit queeren Themen weitermachen?

Mit dem Film habe ich gemerkt, dass der intergenerative Austausch zwischen Lesben prinzipiell und vor allen Dingen mit im Osten sozialisierten Menschen fehlt. In einem Projekt, das ich gerade fertig geplant habe, habe ich mich auf diesen Austausch zwischen Lesben fokussiert. Dieses Jahr im September und November werde ich dazu gemeinsam mit zwei tollen Frauen zwei Veranstaltungen in Leipzig und Dresden machen. Nächstes Jahr soll es dann raus aus Sachsen in die neuen Bundesländer gehen, um das Projekt auch noch einmal für den Westen zu adaptieren. Damit sich die Generationen miteinander unterhalten, weil ganz klar ist, dass das, was gefühlsmäßig zum Beispiel bei einem Outing abgeht, das sind Gefühle, die sich über Jahrzehnte fortsetzen und sich darüber auszutauschen kann eine große Erleichterung für viele sein.

Das Interview führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Mehr Informationen zum Film "Uferfrauen - Lesbisches L(i)eben in der DDR" – ein Film von Barbara Wallbraun
Deutschland 2019
Dauer: 115 Minuten

Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg 2019

"Uferfrauen" ist auf folgenden Portalen zu sehen: Sooner, Kino on demand, Amazon Prime, Mubi, Alleskino, Filmfriend

Mehr Dokumentarfilme

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juli 2021 | 11:00 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei