DEFA-Filmautorin Christa Kožik: Die Frau, die "Moritz in der Litfaßsäule" verschwinden ließ

Mit überschäumender Fantasie und großem Gespür für die Sprache der Kinder wurde Christa Kožik eine der erfolgreichsten Kinderfilmautorinnen der DEFA. Sie schrieb das Drehbuch zu "Moritz in der Litfaßsäule" oder zum Jugendfilm "Sieben Sommersprossen". Von ihr stammt mit "Hälfte des Lebens" aber auch eins der besten Dichter-Porträts der DEFA, mit Ulrich Mühe als Hölderlin. Am 1. Januar feierte sie ihren 80. Geburtstag. Im Gespräch mit MDR KULTUR schaut sie zurück, auf ihre realfantastischen Filme, Frauen bei der DEFA und deren Ende.

Für seine drei Schwestern ist er bloß der "Trödelhannes", die Eltern sind schwer beschäftigt und den Mathelehrer hält er auch nur auf: Moritz fühlt sich von allen missverstanden und verschwindet – in der Litfaßsäule. Der kleine Junge mit der großen Fantasie kann dort endlich das tun, was er am liebsten macht: nachdenken. Nicht nur diese liebenswerte, heutig wirkende Kinderfilm-Gestalt, hat Christa Kožik auf Grundlage ihres ersten Buches 1983 für die DEFA erschaffen.

Darin zeigt sie sich als Meisterin des schnörkellosen Dialogs, der die Sprache der Kinder aufnimmt, ohne sich anzubiedern. Rückblickend sagt die heute 80-Jährige, sie habe eben immer sehr genau hingehört, wenn Kinder reden. Nicht nur bei den eigenen. Sie staune bis heute über den "bunten Blick" und das "dritte Auge", das sie für die Welt zu haben scheinen.

Schwarzweiß-Bild eines Jungen mit Filmklappe.
Dirk Müller als Moritz. Nach einem ungeschriebenen Gesetz der DEFA sollten Kinderdarsteller möglichst nur einmal eine Hauptrolle spielen, man wollte keine Kinderstars. Bildrechte: DEFA-Stiftung/Klaus Zähler

Für mich waren Kinder immer das Größte und Allerwertvollste auf der Welt. Und so sollte man sie auch behandeln.

Christa Kozik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin

Erst kam der Frühling, dann kam der Frieden

Eine heile Welt vorgauckeln, will und kann sie nicht. Die Realität, in der sie aufwächst, ist vom Krieg geprägt. 1941 als Christa Schmidt im schlesischen Liegnitz geboren, flieht sie am Ende gemeinsam mit ihrer Schwester und der Mutter, die gerade den Mann und Vater ihrer Kinder verloren hat. Schließlich angekommen in einem Dorf in Thüringen, spüren sie, dass Flüchtlinge aus dem Osten nicht willkommen sind: "Aber dann kam der Frühling – und der Frieden. Wir wussten, jetzt ist der Schrecken vorbei!" Das Trauma bleibt. Das Mädchen beginnt, Gedichte zu schreiben und Unmengen Bücher auszuleihen.

Ich glaube, ich war durch dieses Kriegstrauma so ein bisschen ein anderes, introvertiertes Kind. Und so ein Kind sucht sich ja seine Räume. Meine Rettungsboote dorthin waren immer die Bücher.

Christa Kožik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin

Der real-fantastische Weg

Wie Träume laufen lernen - Trickfilme aus Dresden
Schätze aus demTrickfilmstudio gesichert im Deutschen Institut für Animationsfilm e.V. in Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass aus ihr eine der erfolgreichsten Kinderfilmautorinnen der DEFA werden sollte, daran ist damals nicht zu denken. Nach der Schule macht sie eine Lehre zur kartografischen Zeichnerin, sie muss zum Lebensunterhalt der Familie, die nun in Berlin lebt, hinzuverdienen. Über den Zirkel Schreibender Arbeiter und erste Gedichtveröffentlichungen in Tageszeitungen sowie Lesungen findet sie den Weg zur DEFA, wo sie als Dramaturgieassistentin beginnt. Von 1970 bis 1976 studiert sie Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg, außerdem am Leipziger Literaturinstitut. Parallel – inzwischen verheiratet und Mutter von zwei Söhnen – schreibt sie Szenarien und Drehbücher. So erfindet sie 1970 gemeinsam mit Kurt Weiler, dem legendären Dresdner Trickfilmkünstler, den "Löwen Balthasar", dessen Maul versehentlich so groß geraten ist, dass er alles in seiner Nähe zu verschlingen droht.

Über das Real-Fantasische im Kinderfilm verfasst Christa Kožik ihre Abschlussarbeit. Ein Stilmittel, das die von ihr geliebten Romantiker so gut beherrschten, um im Obrigkeitsstaat frei und ganz subjektiv zu denken. Sie begreift früh die Freiheit, die darin liegt. Und sie nutzt es, wie viele andere DDR-Schriftstellerinnen und Schriftsteller bis hin zu Christa Wolf vor allem in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren.

Im Mantel des Wunders versteht man Dinge vielleicht besser als durch die bloße Abbildung einer grauen und harten Wirklichkeit.

Christa Kožik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin
Christa Kozik nach Lesung
Christa Kožik nach einer Lesung beim Signieren Bildrechte: imago/VIADATA

Moritz verschwindet nicht nur in der Litfaßsäule, er trifft dort auch eine sprechende, über die Maßen bierliebende, man könnte sagen alkoholkranke Katze. Sie ist lebensklug wie der Straßenfeger, der in der Litfaßsäule seine Besen abstellt und Moritz tröstet, er werde trotz der Mathe-Vieren noch seinen Platz im Leben finden. Die eigentlich etwas traurige Geschichte eines neunjährigen, einsamen Jungen, der überfordert ist wie seine Eltern auch, wirkt so märchenhaft-komisch und realistisch zugleich. Obendrein stellt sie die Wertehierarchien auf den Kopf. Ein Happy End hat sie auch.

Leise und humane Botschaften

So wie die wundersame Geschichte vom "Schneemann für Afrika", ein Film, den Christa Kožik schon 1977, ebenfalls mit Rolf Losansky und Trickmeister Kurt Weiler, realisiert.

Ich wollte die Kinder nie nur plump unterhalten, sondern eine leise, humane Botschaft mit meinen Geschichten verbinden, ohne die Kunst als begrünten Zeigefinger der Pädagogik misszuverstehen.

Christa Kožik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin

Zum DEFA-Klassiker werden beide Filme wohl auch, weil Kinderdarsteller wie Dirk Müller als Moritz oder Hadiatou Barry in "Ein Schneemann für Afrika" so echt und ungekünstelt rüberkommen, was nicht nur an der Regieleistung, sondern eben auch an Christa Kožiks Drehbüchern liegt.

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Film als Teamarbeit: "Ich fühlte mich unverwundbar"

Rolf Losansky
Regisseur Rolf Losansky Bildrechte: dpa

Dass ihr Name nicht gleich damit verbunden wird, stört Christa Kožik nach eigenem Bekunden nicht. Sie habe schnell begriffen, dass Film Teamarbeit sei und sich immer als Teil eines Ganzen gesehen: "Das machte auch den Spaß aus, über viele Jahre, eigentlich Jahrzehnte im gleichen Umfeld arbeiten zu können." Ihre "überschäumende Fantasie" zügelt Dramaturgin Gabriele Herzog, außerdem hat sie "das Glück", Regisseure wie Rolf Losansky oder Herrmann Zschoche für ihre Ideen begeistern zu können.

Offenbar weiß sie auch, sich durchzusetzen. Als Christa Kožik gut ausgebildet mit Anfang 30 bei der DEFA anfängt, ist sie ehrfürchtig wegen der großen frühen Filme des Studios. "Als Proletarierkind, das seine Wurzeln nie vergessen wird", denkt sie da an Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" und Kurt Maetzigs "Thälmann". Ihre Minderheitenposition als Frau in einem "Männerbetrieb" gleicht sie hingegen durch Chuzpe aus. Sie habe sich unverwundbar gefühlt.

Wir waren als Frauen bei der DEFA in der Minderzahl, aber ich fühlte mich nie unterdrückt. Dieses Gefühl der Gleichberechtigung, das war uns unter die Haut gewachsen. Wir haben das in frühester Mädchenzeit aufgenommen (...), dass wir nichts Geringeres sind. Das ist ein gutes Gefühl und das wünschte ich den Frauen heute auch.

Christa Kožik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin

"Sieben Sommersprossen" oder: Romeo und Julia in der DDR

So spezialisiert sich die Lyrikerin und Autorin viel gelesener Kinderbücher und von Hörspielen bei der DEFA auf den Kinderfilm. Die Kontinuität der jährlich fest eingeplanten Produktionen gibt der "Langsamschreiberin" Ruhe und Sicherheit. In Zusammenarbeit mit Regisseur Hermann Zschoche gelingt ihr 1977/78 mit "Sieben Sommersprossen" ein sensibler und atmosphärisch-dichter Jugendfilm über die erste Liebe, der auch wegen des ungezwungenen Spiels der jungen Darsteller zum Publikumserfolg wird.

Karoline (Kareen Schröter, links) und Robert (Harald Rathmann, rechts) können endlich etwas Zeit gemeinsam am See verbringen und unterhalten sich über die Liebe.
"Sieben Sommersprossen": Kareen Schröter als Karoline und Harald Rathmann als Robert in dem Jugendfilm, zu dem Christa Kožik das Drehbuch schrieb. Bildrechte: DEFA-Stiftung/Herbert Kroiss

Ulrich Mühe als geliebter Hölderin: "Hälfte des Lebens"

Schließlich wird Christa Kožik sogar ein DEFA-Traumpaar miterschaffen. Schon mit 16 liebte sie Hölderlins Verse und findet, der romantische Dichter, der tragisch in geistiger Umnachtung endete, sei viel zu unbekannt. Gemeinsam mit Regisseur Herrmann Zschoche plant sie einen Hölderlin-Film. Nicht als Biografie, sondern ausgehend von seinen leidenschaftlichen Briefen an Susette Gontard. Der junge Ulrich Mühe spielt den brotlosen Dichter, der als Hauslehrer in der Bankiersfamilie landet und sich in die Hausherrin verliebt:

Friedrich Hölderlin (Ulrich Mühe), Hauslehrer der Bankiersfamilie Gontard, verliebt sich leidenschaftlich in die Herrin des Hauses Susette Gontard (Jenny Gröllmann).
Der junge Ulrich Mühe als Friedrich Hölderlin, der sich als Hauslehrer der Bankiersfamilie Gontard, leidenschaftlich in die Herrin des Hauses Susette Gontard verliebt, die Jenny Gröllmann spielte. Bildrechte: DEFA-Stiftung/Jörg Erkens

Ulrich Mühe als Hölderlin und Jenny Gröllmann als Susette Gontard, das war ein Traumpaar. Dass sie sich während der Dreharbeiten verliebten, tut dem Film sehr gut. Es ist eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert, aber ich habe versucht, gegenwärtige Zugänge zu finden.

Christa Kožik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin

Rebellisch: Gritta und die Thonrettungsmaschine

"Häfte des Lebens" wird ein großer Erfolg über die DDR hinaus, ebenso wie ihre Adaption eines bis dahin unbekannten Märchens von Bettina und Gisela von Arnim 1985, das sie in der Bibliothek auf Schloss Wiepersdorf, also im Haus der Romantikerin, ausgegraben hat: "Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns" erzählt von einem rebellischen Mädchen, dessen Vater vor allem sehr mit der Erfindung einer "Thronrettungsmaschine" beschäftigt ist. Regisseur Jürgen Brauer präsentiert den Film auf der Berlinale und bekommt viel Applaus.

Wende und freie Wildbahn

Kožiks Fantasie reicht nicht für das, was passiert, als die "Thronrettungsmaschine" versagt. Mit rund 1.500 anderen künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird sie nach der Wende entlassen. Mit Anfang 50 fühlt sie sich "für die freie Wildbahn" zu alt.

Ihr Glück sei es gewesen, dass ihre Kinderbücher auch im Ausland, in Schweden oder Dänemark, der Schweiz oder der Bundesrepublik gedruckt worden sind, sagt sie. Mit Lesungen verdient sie ihr Geld, "um dem Arbeitsamt nicht auf der Tasche zu liegen". Gegen die große Demütigung, auch die eigenen DEFA-Arbeiten auf der Müllhalde zu sehen, muss sie lange ankämpfen – wie gegen die drohende Vertreibung aus dem eigenen Haus in Babelsberg. Sie findet sich nach zehn Jahren in einer Nervenklinik wieder und kämpft sich mühsam aus der Krise heraus.

Ich wusste nicht mehr, wer ich bin.

Christa Kožik Lyrikerin, Drehbuchautorin, Szenaristin

Auf die Frage, was bleibt, sagt sie: Sie hoffe, die besondere Farbe ihrer real-fantastischen Geschichten, und dass die Liebe zu den Kindern – und zu Hölderlin weiter aus den Filmen spricht.

Rufus Beck als Ganove und Friedrich Lindner als Friedrich, 1996
Rufus Beck als Ganove und Friedrich Lindner in "Friedrich und der verzauberte Einbrecher", den Kinderfilm über die Kraft der Literatur, drehte Rolf Losansky 1996 nach dem Drehbuch von Christa Kožik, ihre letzte Zusammenarbeit. Bildrechte: IMAGO / United Archives

DEFA-Gründung vor 75 Jahren: Die Reihe mit Knut Elstermann

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 18:05 Uhr

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