Jens-Christian Wagner im Interview "Colette": Was der Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora zum Oscar-Gewinn sagt

Bei der Oscar-Verleihung 2021 erhielt "Colette" von Regisseur Anthony Giacchino den Preis für den besten Kurz-Dokumentarfilm. Darin besucht die französische Widerstandskämperin Colette Marin-Catherine die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen, da an diesem Ort ihr Bruder Jean-Pierre ums Lebens gekommen ist. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, spricht über den Film, seine Eindrücke und die Relevanz des Werks für die Erinnerungskultur.

Jens-Christian Wagner 9 min
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Der Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner im Gespräch mit MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch über die kürzlich mit einem Oscar prämierte Kurzfilm-Dokumentation "Colette".

MDR KULTUR - Das Radio Mo 26.04.2021 15:30Uhr 08:51 min

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MDR KULTUR: Herr Wagner, Sie haben den Film im Netz gesehen, er ist 24 Minuten lang. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?

Jens-Christian Wagner: Der Film selbst ist eigentlich relativ konventionell gemacht und vielleicht filmisch nicht übermäßig das große Meisterwerk. Aber es wird mit diesem Film der europaweite Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewürdigt. Es wird thematisiert, was wir häufig vergessen: Dass diejenigen, die als Widerstandskämper in die Konzentrationslager, unter anderem auch Mittelbau-Dora, verschleppt wurden, alle jemanden zuhause gelassen haben – die Schwestern, die Brüder, die Väter, die Mütter, die Freundinnen und Freunde.

Da hingen ganze Kreise – Familienkreise und Freundeskreise – dran, denen liebe Menschen entrissen wurden durch die Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten. Daran erinnert dieser Film.

Jens-Christian Wagner, Gedenkstättenleiter von Mittebau-Dora und Buchenwald

Es ist ein Film, der zu Herzen geht – spätestens an der Stelle, an der man sieht, wie die 90-jährige Colette durch das Gebüsch der Gedenkstätte Mittelbau-Dora streift mit der jungen Historikerin am Arm, auf der Suche nach den Fundamenten der Baracke, in der ihr Bruder inhaftiert wurde, und dann in Tränen ausbricht, weil ihr klar wird, dass sie die Blumen vergessen hat.

Auf einem vergilbten Blatt steht, woran Jean Catherine im KZ Mittelbau-Dora gestorben ist.
Auf einem vergilbten Blatt steht, woran Jean-Pierre Catherine im KZ Mittelbau-Dora gestorben ist. Bildrechte: Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution

Inwiefern ist die Gedenkstätte in die Produktion einbezogen gewesen?

Sämtliche Dreharbeiten in der Gedenkstätte müssen vorher angemeldet und genehmigt werden. Die Gedenkstätte hat logistische Hilfe geleistet. Die junge Historikerin, die mitläuft und quasi die zweite Hauptrolle in dem Film spielt, arbeitet in der Gedenkstätte La Coupole in Nordfrankreich, mit der wir als Stiftung seit Jahren eng zusammenarbeiten – und auch eng zusammengearbeitet haben als La Coupole in den letzten zehn Jahren eine Wahnsinns-Fleißarbeit gemacht hat, indem sie ein biografisches Handbuch herausgegeben haben mit Biografien von 9.000 Menschen, die aus Frankreich nach Mittelbau-Dora verschleppt wurden. Und einer dieser 9.000 Biografien ist die von Jean-Pierre Catherine.

Erinnerungen und Geschichtserzählungen müssen ja immer von Voraussetzungen ausgehen: mit Voraussetzungen beginnend, was man als bekannt voraussetzt. Wie haben Sie das bei diesem Film erlebt?

Die Voraussetzung ist erstmal, dass Colette Marin-Catherine bekannt ist, dass ihr Bruder im ganz jungen Alter, beide waren erst um die 16 Jahre alt, während des Krieges nach Mittelbau-Dora verschleppt wurde. Dass er dort zu Tode gekommen ist, war auch bekannt, aber alles andere war eher recht wenig bekannt. Und sie hat es auch ganz bewusst verdrängt. Es gibt auch eine sehr interessante Szene in diesem Film – sie fahren aus dem Lagergelände und Colette sagt zu der jungen Historikerin "Ich verstehe nicht, dass ihr euch mit so einer Wärme auf die Quellen stürzt und alles versucht, herauszufinden. Ich habe alles dafür gegeben, zu vergessen und jetzt kommt alles wieder hoch." Also gibt sie quasi ihrer jungen Begleiterin die Schuld, da sie ihr die Quellen gezeigt hat.

Wir müssen auch berücksichtigen, dass für viele Überlebende und Angehörige nach dem Krieg quasi eine Grundvoraussetzung fürs Weiterleben war, zunächstmal zu verdrängen.

Jens-Christian Wagner, Gedenkstättenleiter von Mittelbau-Dora und Buchenwald

Erst jetzt im hohen Alter holt sie die Vergangenheit wieder ein und sie wollen wissen, was passiert ist. Und das ist eine ganz starke Szene in dem Film, wo die Historikerin und die alte Dame darüber debattieren, warum es wichtig ist, sich mit den Quellen zu beschäftigen und sich diesen Biografien mit aller Quellenkritik und Wissenschaftlichkeit anzunähern. Am Ende gibt Colette der jungen Historikerin auch Recht, dass es wichtig ist, sich diesen Biografien zu widmen.

Gibt sie Ihnen damit auch ein bisschen Recht? Sie sind ja jemand, der ganz viel darüber weiß, es ist ja Ihr Beruf, damit auch kritisch und distanziert umzugehen. Und dann erzählt eben dieser Film so emotional von einer Frau, die nach dem Krieg, wie sie selbst auch sagt, nie nach Deutschland fahren wollte. Sie sagt: "Wenn ich da meinen Fuß hinsetze, werde ich niemals dieselbe sein."

Ich glaube auch, dass sie tatsächlich nicht mehr dieselbe ist, in dem Moment, wo sie sich mit der Vergangenheit ihres Bruders auseinandergesetzt hat. Aber es hilft ihr ja. Also wir lernen aus dem Film, dass Verdrängung tatsächlich ein paar Jahre helfen kann, das psychische Gleichgewicht zu behalten, wir aber letzten Endes besser damit leben – und das gilt dann auch insbesondere für die deutsche Gesellschaft – uns intensiv mit den NS-Verbrechen auseinanderzusetzen und unsere Schlüsse für unser heutiges Zusammenleben zu ziehen.

Colette Marin-Catherine ist provoziert von den Momenten der Erinnerungskultur. Stellt das die Rituale in Frage oder gehört das dazu? Dass sie eben nicht so allgemein gültig sein können, dass jeder von Ihnen berührt ist, gerade wenn die Geschichte so persönlich ist.

Ich glaube, von jedem aus dem Gedenkstättenbereich werden Sie kritische Kommentare zu erstarrten Ritualen und Gedenkpathos hören. Mir persönlich gefällt das auch nicht, mir persönlich gefallen die persönlichen Begegnungen mit Überlebenden. Auch das Sich-Reiben mit Überlebenden – was ja eine Stärke des Film ist. Dass Colette diese Rituale, die bisweilen durchaus auch etwas von Exculpation und Verdrängungsmechanismen haben, in Frage stellt, kann ich sehr gut nachvollziehen.

Erwarten Sie, dass die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora durch diesen Oscar, der ja aus einer amerikanischen Kino-Kultur stammt, viel zusätzliche Aufmerksamkeit bekommt?

Ich glaube schon, dass das passiert. Nun leben wir aktuell leider in Corona-Zeiten, sodass wir nun erstmal nicht mit einem Besucheransturm aus den USA rechnen können oder müssen oder dürfen. Gleichwohl gehe ich davon aus, dass das Interesse an Mittelbau-Dora steigt und das ist eine gute Entwicklung, die mich freut. Denn es ist unsere Aufgabe, die Geschichte von Mittelbau-Dora und auch von Buchenwald in die Öffentlichkeit zu tragen und dazu beizutragen, dass auch die Menschen, die an diese Orte verschleppt wurden, nicht vergessen werden. Und auch dazu trägt dieser Film ganz maßgeblich bei.

Dieser Film trägt dazu bei, dass die Menschen nicht vergessen werden.

Jeans-Christian Wagner, Gedenkstättenleiter von Mittelbau-Dora und Buchenwald

Ich sehe das gewissermaßen als Pars-pro-toto: Jean-Pierre Catherine, der nach Dora verschleppt wurde, war ja nur einer von Zehntausenden, die Widerstand gegen die Nazis geleistet haben und deshalb nach Dora verschleppt wurden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. April 2021 | 17:40 Uhr

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