Interview Corinna Harfouch: "Wir Künstler müssen andere Wege finden"

Die in Suhl geborene Schauspielerin Corinna Harfouch hat im Pandemiejahr 2020 neue Erfahrungen gemacht. Mit MDR KULTUR spricht sie über die Systemrelevanz der Kultur und verrät, warum Künstlerinnen und Künstler jetzt auf Eigeninitiative setzen sollten.

MDR KULTUR: Wie haben Sie das Pandemiejahr 2020 erlebt? War es einfach nur ein Grauen?  

Corinna Harfouch: Nein. Das war nicht nur ein Grauen. Ich habe so viel gearbeitet, und auf einmal – ich war mitten in einem Film in Köln – mussten wir eben aufhören. Es war alles nicht ganz begreiflich, bis jetzt nicht zu begreifen, was sich da überhaupt abspielt und wieso die ganze Welt niederkniet vor diesem Virus. Ich weiß nicht genau, was das alles zu bedeuten hat. Immer wieder versucht man zu verstehen und es entgleitet einem, mir jedenfalls. Es fällt mir schwer, da eine eindeutige Haltung einzunehmen. Aber Fakt ist, dass in meinem persönlichen Leben ich dann aus Köln nach Hause kam – man hatte gekämpft, dass wir weitermachen, den Film zu Ende bringen, das ging dann nicht. Kaum war ich zu Hause, war ich in einer so großen Euphorie und Erleichterung, weil ich scheinbar bis dahin überhaupt nicht gewusst habe und es auch niemals erfahren hätte, wie gut es mir tut, einfach mal eine Pause einzulegen.

Ist man mit der Kultur richtig umgegangen oder war man zu streng?

Was heißt streng? Dass die Kultur scheinbar in diesem Land einfach das Kompott ist, was man sich leistet, wenn man es irgendwie kann, aber das Richtige muss vorher bezahlt werden – das ist ja keine ganz neue Empfindung. Ich habe mich wirklich über nichts zu beklagen, aber dieses eigenartige Verhältnis dazu, dass Kultur etwas ist, so nach Feierabend in deiner Freizeit bitteschön, aber nicht wirklich systemrelevant – das ist ja etwas unendlich Bedauerliches. Und das musste schon Hölderlin erleiden. Es mussten noch ganz andere Menschen erleiden, dass das hier so gesehen wird in Deutschland. [...] Es wäre gerade jetzt verdammt wichtig. Ich habe erlebt, in den wenigen Veranstaltung, die ich machen konnte, wie bewegend das ist – sowohl für mich als auch die Leute, die da sein durften – und dass wir es wirklich enorm unterschätzen, dass die Sprache der Dichtung – es ist bitte kein Klischee, wenn ich sage – eben die Sprache unserer Seelen ist. Und wenn die Sprache unserer Seelen nicht mehr zu hören ist, wenn wir dafür kein Futter kriegen, glaube ich nicht, dass wir da auf diese Art und Weise durchkommen.

Sind Sie mit Blick auf das Jahr 2021 immer noch gelassen oder werden Sie langsam aber sicher unruhig?

Ich habe mehrere schöne Arbeiten vor mir, ob die passieren oder nicht, wird man sehen. Ich beschäftige mich ja trotzdem an mehreren Projekten hier zu Hause ist. Das ist wunderbar, ich mache mir meine Arbeit ja auch selbst. [...] Mein Theater [Theatersaal Klandorf e.V. Anm.d.Red.] ist bereit. Aber mein kleines Theater soll kein Programmtheater werden, sondern da ist Gemeindearbeit gemeint, also Kindertheater, Laientheater, Workshops für alle, die da mitmachen wollen und Tanzabende, Kino, sowas.

In den nächsten Jahren wird es der öffentlichen Hand nicht besser gehen. Haben Sie Sorge, dass darunter die Kulturlandschaft leiden wird?

Wahrscheinlich sind wir auch viel zu inaktiv. Aber wir können es offensichtlich nicht durchsetzen, es scheinbar nicht begreiflich machen, dass es gar nicht mal darum geht, dass es den Künstlern jetzt teilweise extrem schlecht geht. Es ist ja tatsächlich, dass das, was die Künstler allgemein produzieren, für die Gemeinschaft ein wichtiger, sinnstiftender und eben systemrelevanter Beitrag wäre. Da müssten wir einen Weg finden, dass das von der Politik anders behandelt wird. Und wir Künstler müssen auch andere Wege finden. Dann müssen wir eben auf die Straße gehen und dort unsere Lieder singen. Dann müssen wir eben die Häuser verlassen und müssen es woanders machen. Dann müssen wir eben andere Formate erfinden und nicht nur im Internet. Dann gehen wir halt ins Altersheim und singen da vorm Fenster oder sonst was. Ich bin absolut dafür, dass wir uns auch ein kleines bisschen auf den Weg machen und unsere Kräfte und unsere Überzeugung dann eben in andere Räume tragen und nicht darauf warten, dass die Subventionen fließen.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Januar 2021 | 10:15 Uhr

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